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GREGOR SCHRÖDER

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Literatur & Interpretation

Roman

Nach einer Einführung in die Gattung „Roman“ (Langprosa) nebst Erklärungen zu Erzählperspektiven etc. folgen umfangreiche Analysen von Szenen und z.T. auch von einzelnen Personen zu den folgenden 8 (Jugend-)Romanen z.T. mit Inhaltsangaben und Handlungsübersichten, die sich meist an den FHR- und AHR-Aufgabenstellungen orientieren (Zahlen in Klammern = Seitenangaben):

1. Henning Mankell: Chronist der Winde (1995) (Ausgabe: München 2002)

2. Heinrich Mann: Der Untertan (Juni 1914) (Ausgabe: Berlin 1993)   

3. Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte (1992/2000) (Ausgabe: Gütersloh 2000)

4. Bernhard Schlink: Der Vorleser (1995) (Ausgabe: Zürich 1995)

5. Anna Seghers: Das siebte Kreuz (1946) (Ausgabe: Berlin 1993)

6. Manfred Theisen: Checkpoint Jerusalem (2004) (Ausgabe: Gütersloh 2004)

7. Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst (1993) (Ausgabe: München 2000)

8. Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen (Erzählung, 1990) (Ausgabe: Bamberg 2000)

Der roman – Definition

Der Begriff „Roman“ stammte aus dem 12.Jhd. (Frankreich). Er ist ein umfangreicher, in Prosa geschriebener Text in dem die über das fiktionale Schicksal einer Gemeinschaft mit weitgehender Schilderung ihrer Umwelt berichtet wird. Im 12. Jh. verstand man unter Roman alles in romanischer Sprache Geschriebene. Das war damals die Volkssprache (lingua romana). Dann kam im 13. Jh. die Erzählung in Vers und Prosa hinzu. Und gegen Ende des 13. Jahrhunderts fand der Begriff Roman ausschließlich für Prosaliteratur Verwendung. Der Roman bekam erst zu Beginn der Neuzeit eine eigenständige Bedeutung. Aber seit seine Akzeptanz als „hohe“ Literatur im 18. Jhd. an Bedeutung zunahm, entwickelte er bis heute eine gewaltige Vielfalt des Erscheinungsbildes. Mit dem Beginn der industriellen Buchproduktion um 1800 verbreitete er sich als „gewöhnliches Lesefutter“. In Deutschland existiert das Wort Roman in der heutigen Bedeutung erst seit dem 17. Jhd. Ein Roman ist so geschrieben, dass sich der Leser sich häufig im Mittelpunkt des Geschehens befindet.

Der Roman zeigt die Welt eines Schicksals, einer Person. Er stellt also einen Menschen in den Mittelpunkt des Geschehens, der durch Vererbung, Jugendeindrücken und Milieu bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten erworben hat. Das geschieht meist, indem der Dichter selbst diese Tragik erfährt und gestaltet. Dadurch wird sein Roman zum Ausdruck seiner eigenen Persönlichkeit, mehr oder weniger ein Selbstbekenntnis. Der Roman ist nach heutigen Verhältnis ein erzählender, in Vergleich zu Kurzgeschichten und Novelle umfangreicher Prosatext. Neben Epos (Epos = größeres episches Gedicht, erzählende Verdichtung, Heldengedicht) und Sage stellt der Roman eine Großform der Epik (Epik = erzählende Dichtkunst) dar. Es gibt verschiedene Wirkungsabsichten im Roman, z.B. lehrreich, unterhaltend, satirisch, idealistisch, empfindsam, realistisch etc. Darstellungsmöglichkeiten sind z.B. Briefroman, Tagebuchroman, Ich-Roman, personaler Roman etc. Sowie nach inhaltlichen Aspekten bestimmt z.B. Bildungsroman, Abenteuerroman, Ritterroman, Kriegsroman, Liebesroman, Familienroman, Reiseroman, historischer Roman, philosophischer Roman etc.

Romane können auch nach den 4 Erzählperspektiven eingeteilt werden (s.u.).Wegen der vielfältigen Darstellungsmöglichkeiten, lässt sich kein Roman genau präzise einordnen.

Formen des Romans

Der Roman ist die offenste Form der Darstellung, er kann vom Bericht über die Autobiographie bis zum dramatischen Dialog reichen, er vermag Elemente der Lyrik und Tragik einzunehmen.

Es gibt die unterschiedlichsten Einteilungsmöglichkeiten des Romans. Zum Beispiel:

Eine andere Möglichkeit der Unterscheidung bieten die 4 Erzählperspektiven des Romans, wobei der Autor nicht mit dem Erzähler identisch ist:

Auktoriale Erzählperspektive

Hier lenkt ein persönlich anwesender, allwissender Erzähler die Handlung. Der Erzähler hält sozusagen alle Bestandteile der Geschichte in seinen Händen und gibt sie nach und nach dem Leser preis. Häufig hat der auktoriale Erzähler eine überlegene und abgeklärte Distanz zum Erzählten, die sich unter anderem darin ausdrückt, dass er Kommentare, Vorausdeutungen und Rückblicke einschiebt oder sich mit direkter Anrede an den Leser wendet. Diese Leseranrede kann z. B. den Sinn haben, den Leser auf ein besonderes Problem aufmerksam zu machen oder ihn zu einer Stellungnahme herauszufordern.

Personale Erzählperspektive

Der Erzähler ist nicht persönlich anwesend. Im Mittelpunkt steht eine Figur, die ihren Blick auf den Leser überträgt. Der personale Erzähler schlüpft in eine oder mehrere Personen und erzählt die Geschichte aus deren Perspektive, aber nicht in der grammatischen Ich-Form, sondern in der 3. Person („er“, „sie“). Das Spannende an dieser Erzählperspektive ist, dass der Erzähler nur mit den Augen der gewählten Figur in die Welt blickt. Das heißt, der Leser sieht nur das, was die Figur sieht, und erlebt die Ereignisse aus dem Blickwinkel dieser Figur – sozusagen mit ihren Sinnen, Gefühlen und Gedanken. Die personale Erzählperspektive übt eine starke suggestive Wirkung auf den Leser aus. Häufig sind erlebte Rede? und innerer Monolog.

Neutrale Erzählperspektive

Hier ist weder ein auktorialer noch ein personaler Erzähler anwesend. Das heißt, es gibt keine Instanz, die in das Geschehen eingreift oder ihren individuellen Blickwinkel auf den Leser überträgt. Aus diesem Grund bezeichnet man die neutrale Erzählperspektive auch als erzählerloses Erzählen. Literarische Texte dieser Art haben einen hohen Anteil an Dialogen? und szenischen Darstellungen. Auf den Leser wirkt die neutrale Erzählperspektive häufig besonders distanzlos und unmittelbar.

Ich-Erzählperspektive

Der Erzähler ist in der Ich-Form (also in der Ersten Person der Grammatik) anwesend. Der Erzähler muss aber nicht zwangsläufig die Hauptfigur sein, er kann auch einfach nur über andere Personen berichten – in diesem Fall spricht man von personaler Ich-Form. Ist das Blickfeld des Erzählers auf die Außen- und Innensicht der eigenen Figur beschränkt, nennt man das auktoriale Ich-Form. Eine Gemeinsamkeit beider Ich-Formen ist die starke emotionale Beteiligung am Geschehen.


Acht Romane zur Analyse

1. Henning Mankell: Chronist der Winde

2. Heinrich Mann: Der Untertan   

3. Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte

4. Bernhard Schlink: Der Vorleser

5. Anna Seghers: Das siebte Kreuz

6. Manfred Theisen: Checkpoint Jerusalem

7. Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst

8. Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen


1. Henning Mankells: Chronist der Winde (1995)

1. Inhaltsangabe

Der Roman von Hennig Mankell „Der Chronist der Winde“(1995) spielt Anfang der 90er Jahre in der ehemals portugiesischen Kolonie Mosambik (Afrika), hauptsächlich in der Hauptstadt Maputo. Er handelt von den letzten 9 Tagen des schwerverletzten 10-jährigen Nelio, der dem Bäcker José Antonio Maria Vaz seine Lebensgeschichte erzählt.

Der Bäcker José Antonio Maria Vaz hört eines Nachts Schüsse aus dem Theater neben der Bäckerei. Er findet ein angeschossenes Straßenkind, den 10-jährigen Nelio, den er auf das Dach der Bäckerei trägt u. dort oben 9 Tage u. Nächte lang pflegt. In diesen 9 Nächten erzählt Nelio ihm seine Geschichte:

Die ersten Jahre seiner Kindheit lebt Nelio in einem Dorf im Grenzgebiet Mosambiks. Bei einem grausamen Überfall von Bürgerkriegs-Partisanen werden sein Vater und seine Schwester wie viele Bewohner des Dorfes bestialisch ermordet, das Dorf wird niedergebrannt und Nelio und seine Mutter werden mit weiteren Frauen und Kindern des Dorfes verschleppt.  

Nachdem sie das Basislager der Banditen erreicht haben, soll Nelio gezwungen werden, einen anderen Jungen aus seiner Familie zu erschießen. Er erschießt stattdessen den Banditen und kann flüchten.

Nelio trifft auf seiner Flucht den zwergenhaften Albino Yabu Bata, der sich auf einen seltsamen Traum hin 19 Jahre zuvor auf den Weg gemacht hat, seinen Lebenspfad zu finden. Er erlaubt Nelio, ihn einige Zeit zu begleiten, und führt ihn schließlich ans Meer. Von dort aus weist er ihm den Weg in „die große Stadt am Meer“ (Maputo), in der Nelio fortan leben wird.

In der Stadt fühlt Nelio sich direkt heimisch, obwohl seine ersten Erfahrungen mit den Menschen dort negativ sind. In seinem 1. Nachtquartier, einem scheinbar verlassenen Grabhaus auf einem Friedhof, trifft er auf Senhor Castigo. Dieser erkennt Nelios Situation, zwingt ihn zum Betteln und benutzt ihn als Lockvogel für Taschendiebstähle. Nelio durchschaut seine Machenschaften schnell und flüchtet vor ihm. In einem Reiterstandbild, das sich von unten mit einer Luke öffnen lässt, findet er sein neues Nachtquartier. Während er tagsüber das Leben der Menschen in der Stadt beobachtet und um sein Überleben kämpft, wird ihm bewusst, dass seine Bestimmung von nun an ein Leben als Straßenkind sein wird.

Nelio schließt sich einem Rudel von Straßenkindern an, das von dem etwa 14-jährigen Cosmos angeführt wird. Cosmos behandelt die Mitglieder seiner Gruppe gut, schlägt sie selten, schreit sie kaum an und gibt ihnen keine unnötigen Aufträge.  

Das Rudel wird zu Nelios neuer Familie. Die Kinder schlafen in Pappkartons (mit Ausnahme von Nelio, der weiterhin in seinem Reiterstandbild übernachtet und diesen Ort vor den anderen geheim hält) und leben von Abfällen, kleineren Diebstählen u. dem wenigen Geld, das sie sich durch das Bewachen und Waschen von Autos der Reichen verdienen. Bei dieser Tätigkeit entwenden die Kinder aus Neugier einen Aktenkoffer, von dem sie sich die Lösung des Geheimnisses versprechen, welcher offensichtlich bedeutenden Tätigkeit die Reichen nachgehen. Alles, was sie in dem Koffer finden, ist eine tote Eidechse.  

Halb aus Schabernack und halb aus dem Wunsch nach Macht ersetzen die Kinder das tote Tier durch ein lebendiges und legen den Koffer an seinen Platz zurück. Ihr Tun gibt ihnen das Gefühl von Macht, und so brechen sie in der nächsten Zeit in verschiedene Gebäude vom Kaufhaus bis hin zum Präsidentenpalast ein, stehlen jedoch nichts, sondern hinterlassen nur rätselhafte Spuren: eine gewollte Unordnung und stets eine tote Eidechse als ihr Zeichen.

Das Leben des Straßenkinderrudels ändert sich, als der Anführer, Cosmos, die Gruppe verlässt. Seine Position soll Nelio übernehmen, der das anfängliche Misstrauen der Kinder, er sei für Cosmos’ Fortgang verantwortlich, schnell ausräumen kann.

Ein Höhepunkt im Leben der Kinder ist der Geburtstag Alfredo Bombas, des Kleinsten aus dem Rudel. Unter Nelios’ Anleitung brechen die Straßenkinder in das Haus eines verreisten Entwicklungshelfers ein, in dem sie sich am Kühlschrank reichlich bedienen und die Nacht mit einem Dach überm Kopf verbringen.

Eine Zeit lang wird die Gruppe der Jungen durch ein Mädchen erweitert. Deolinda, die Schwester von Cosmos, mit albinohaftem Aussehen und der bemerkenswerten Fähigkeit zu lesen, lebt so lange in der Gruppe, bis sie eines Nachts von einem der Jungen, Nascimento, vergewaltigt wird. Sie verlässt daraufhin das Rudel wieder und bleibt unauffindbar. Statt Nascimento zu bestrafen, verweist Nelio auf die Wahnvorstellungen, die ihn zu seinem Handeln getrieben haben.

In dieser Zeit geht eine Veränderung in Nelio vor. Er wird grüblerisch, aufbrausend und ungeduldig. Gedanken über das Schicksal seiner Familie und über den Tod quälen ihn und lassen sich auch nicht durch die anderen Kinder, denen er bewusst Wünsche erfüllt und damit Freude macht, vertreiben. Das Elend und die Ungerechtigkeit, die er tagtäglich sieht und erlebt, wecken in ihm existenzielle Fragen.  

Er will die Welt verstehen, aber seine Versuche, mithilfe eines alten Atlas und eines indischen Fotografen, der in solcherlei Fragen bewandert sein soll, Antworten zu finden, scheitern.

Kurz darauf erschüttert eine schwere Krankheit von Alfredo Bomba die Gruppe. Selbst im Krankenhaus kann nur ihre Unheilbarkeit festgestellt werden. Nelio ist bestrebt, seinem Freund Alfredo dessen letzte Tage so gut wie möglich zu gestalten und ihm seine Angst vor dem Sterben zu nehmen. So plant er ein Theaterstück, welches das Rudel aufführt: eine Reise zu einer von Alfredo Bomba ersehnten „Insel ohne Angst“. Die verschiedenen Charaktere der Straßenkinder und das Unvermögen einiger, sich zu konzentrieren und Text zu lernen, machen die Proben nicht leicht, aber schließlich kommt es zu einer anrührenden Aufführung, deren Erfolg es ist, dass Alfredo an ihrem Ende lächelnd für immer einschlafen kann. Unmittelbar darauf werden die Kinder jedoch von den Wachleuten des Theaters überrascht, die Einbrecher vermuten. Mit einer Ausnahme fliehen alle:

Nelio bewacht den Leichnam Alfredos und wird dabei angeschossen. 9 Tage später wird er seinen Verletzungen erliegen und in einem leichten Erdbeben wird für José Antonio Maria Vaz spürbar, dass sein Geist die Erde verlässt.

José selbst gibt nach dem Tod Nelios sein Leben als Bäcker auf, verlässt seine große Liebe, die Teigmischerin Maria, und die Familie seines Bruders, bei der er gelebt hat, und folgt einer inneren Berufung: Er will fortan als „Chronist der Winde“ leben und Nelios Geschichte erzählen. Gegen alle Widerstände möchte er die Menschen mahnen, sich selbst, ihre Träume und Hoffnungen, die Straßenkinder und die Frage nach einer Zukunft der Welt nicht aus den Augen zu verlieren.

2. Analyse von Nelios Theaterstück + Vergleich mit D. Esmeraldas Theater

1. Überblicksinformation  

Henning Mankells Roman „Der Chronist der Winde“(1995) spielt Anfang der 90er Jahre in der ehemals portugiesischen Kolonie Mosambik in Afrika, meist in der Hauptstadt Maputo. Er handelt von den letzten 9 Tagen des schwerverletzten 10-jährigen Nelio, in denen er dem Bäcker José A. M. Vaz seine Lebensgeschichte erzählt.

Nelio ist mit 5 Jahren den Bürgerkriegs-Partisanen, die sein Dorf überfallen, viele ermorden (auch Vater u. Schwester) u. den Rest verschleppen, durch Tötung des Anführers entkommen u. schließlich nach Maputo gelangt. Dort wird er zum Anführer eines Straßenkinder-„Rudels“, das er trotz seines schweren Schicksals mit Weisheit, Bescheidenheit, Mut, Kreativität, ohne Schläge oder Gewalt und fast mit der Autorität eines Heiligen (12) führt.

Mit Hilfe eines selbst erdachten Theaterstücks für das todkranke Rudel-Mitglied Alfredo Bomba kann er diesem die Angst vor dem Tod nehmen. Selbst angesichts seines eigenen Todes wirkt Nelio nicht verzweifelt, sondern blickt zurück auf ein erfülltes Leben, das es wert ist, vom „Chronist(en) der Winde“ weiter erzählt zu werden.

2. Analyse des Theaterstücks für Alfredo Bomba (S.212-247)

(2.1.)

Anlass für Nelios erfundenes Theaterstück ist die im Krankenhaus diagnostizierte tödliche Erkrankung A. Bombas („Tumor in der Leber“,212). Nelio nimmt ihn mit sich, denn „seine letzte Zeit soll die beste werden, die er je erlebt hat“ (212). Er verspricht ihm, dass dieser wieder gesund werde, und gibt die Schmerztabletten als Medizin aus. Bis dahin würden sie ihm alle Wünsche erfüllen (213f.). Alfredo sagt, er wünsche sich, zu einem Ort zu kommen, von dem seine Mutter erzählt habe, „an dem Lebende u. Tote sich begegnen ... eine Insel aus lauter Sand“, „auf der man „nie mehr Angst“ (214) habe.

Während Nelio sagt, von dieser Insel – einer Art Paradies – gehört zu haben, und die Verwirklichung dieses Wunsches für möglich hält, bestreitet Nascimento die Existenz der Insel und schlägt als realistische Alternative einen täglichen Kinobesuch vor (215).

Nelio weiß jedoch, welche Verantwortung er mit der Umsetzung von Alfredos Wunsch auf sich nimmt, da niemand das Recht habe, einem sterbenden Menschen einen Wunsch abzuschlagen, und schläft zum Zeichen seiner Entschlossenheit, diesen Ort zu finden, zum 1. Mal beim Rudel (216).

(2.2.) Vorgeschichte des Stücks:

Er geht zum indischen Fotografen Abu Cassamo, findet aber die Insel nicht auf dessen Weltkarten. Da Nelio für seine Reise viel Geld braucht, wird er zum reichen Suleman geschickt, der ihm aber wegen totaler Überschuldung kein Geld gibt. Während er dem Rudel seine vergeblichen Bemühungen mitteilt, entsteht „ein Plan“ ... „in seinem Kopf“ (224), als er D. Esmeraldas Theater beim Herauskommen der Zuschauer betrachtet. Er weiß jetzt, „wie er die Reise zu der Insel bewerkstelligen“ kann, denn er hat „die Insel gefunden“. „Sie liegt da, wo Dona Esmeralda ihr Theater hat“ (224), das in der Nacht leer steht, so dass sie dann dort spielen könnten. Er meint, „was es nicht gibt, muss man fabrizieren“ (226).  

Er beschließt, ein Stück zu proben, das von Alfredos „Besuch auf der Insel handelt“. Auf Mandiocas Einwand, keiner wisse, wie man Theater spiele, sagt er, sie müssten es lernen. Sie beginnen, „die Insel zu fabrizieren“ (225).

(2.3) Entstehung:

Als sie „im Licht der Scheinwerfer die leere Bühne betreten“, ist dies für das Rudel „ein magischer Augenblick“ (232f.), zumal sie nicht nur Straßenkinder sind, die ein Stück aufführen, sondern auch Publikum sind und die alten Dramen zum Leben erwecken. Sie durchstöbern das Theater nach brauchbaren Requisiten, dabei gibt Nelio „strenge Anweisungen, nichts ohne seine Erlaubnis anzufassen“. Er sieht, „wie sie sich in kindlicher, hemmungsloser Begeisterung verkleideten“, „bis zur Unkenntlichkeit“. „Ein Drama entstand, ohne Dialoge, ohne Handlung“ (233), das nur den Sinn hat, eine andere Welt zu erschaffen. Bei Betrachtung der z.T. chaotischen Verkleidungs- und Darstellungskünste der Rudel-Mitglieder durch Nelio formt sich „das Stück langsam in seinem Kopf“, das „nichts weniger als ein Paradies“ (234) für Alfredo werden müsste.

(2.4) Proben + Absichten:

Da keiner vom Rudel etwas vom Theater versteht, müssen sie es – wie das Überleben – ohne Hilfe schaffen, Nelio versucht, Alfredo die Angst zu nehmen, und sie pflegen ihn, damit er das Stück noch erleben kann. Er beabsichtigt, ihn „vergessen zu machen, dass er krank ist und wo er sich befindet. Dann können wir ihn bringen, wohin wir wollen“. Sie versuchen, „einen Traum zu schaffen, der die gleiche Kraft“ (hat) „wie die Wirklichkeit“ (236). Nelio fühlt sich als Regisseur und Beleuchter bei den Proben unsicher, zumal Nascimento und Mandioca (anders als Pecado) als Schauspieler nahezu unbrauchbar“ (237) sind.

In der 3. Probennacht läuft die Vorstellung nach Nelios Wunsch. „Die Reise zur Insel“ wird „zu einer wirklichen Reise, die sich vor seinen Augen“ abspielt.

Nelio sagt, „die Vorstellung sei nicht mehr zu verbessern.“ (238), da Alfredo bald stirbt, er das Rudel aufmuntern will und weiß, dass er mehr nicht aus ihnen herausholen kann. In der nächsten Nacht wird Alfredo hergebracht, denn „indem er zuschaut, macht er mit“. Alle spüren die „Furcht, dem Tode so nahe zu sein“ (238). Sie meinen, „alte Menschen sollen sterben, Kinder nicht“ (239).  

(2.5) Durchführung + Wirkung:

Sie legen Alfredo auf eine Tragbahre u. stellen sie „ganz vorne an der Rampe ab“, neben Nelio (240). Dieser weckt ihn und sagt ihm, sie seien auf einem Fischerboot und er könne den Wind des Meeres hören. Alfredo ist im Spiel ein Greis (Zeichen des nahenden Todes) und sieht – außer einem schiffbrüchigen Monster – im Schiff einen Hund mit Händen statt Pfoten (angeblich ein Zeichen, dass sie sich an einer unbekannten Küste befänden), einen unsichtbaren Rudergast und einen Mann mit Reissack, in deren Gesellschaft er sich sicher und geborgen fühlt (241). Durch einen Ruck wird spielerisch angedeutet, dass das Schiff an eine Sandbank schrammt und sie zu der Insel waten. Alfredo spürt, „wie das Meer langsam in seinen Körper“ eindringt, und erkennt schließlich die Rudel-Mitglieder, die aber auch alt sind, so wie er (243f.). Er empfindet Dankbarkeit und hört von der Anwesenheit seiner Mutter, deren warmen Atem er zu spüren meint, wobei er die Augen schließt und schon nichts mehr sehen kann. Er lächelt, da er „ganz umsonst Angst gehabt“ hat und seine Freunde immer bei ihm sein werden (244). Alfredo ist friedlich und angstfrei entschlafen, da Nelio zu Recht glaubt, „wir haben unser Bestes gegeben“ (245).

(2.6) Typische Charakterzüge Nelios bei Entstehung + Durchführung des Theaterstücks

Nelio handelt hier sehr zielstrebig, entschlossen (wie bei Bombas Geburtstag, 162ff.), mutig (wie bei Erschießung des Anführers, 66), selbstbewusst, aber nicht überheblich, kreativ, zeigt Improvisationstalent (wie bei seiner Aufnahme ins Rudel, 122f.), ist aber auch realistisch und nicht autoritär (wie 155). Er weiß um seine sehr begrenzten Fähigkeiten und tritt daher eher bescheiden und einfühlsam auf (Ablehnung der Rolle des Heilers, 156ff.), aber auch deprimiert und kraftlos (wie 191ff.). Er ist auch fürsorglich (wie 158), weise und gesellschaftskritisch (wie 11,158f.,169) und kann im Stück Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig erleben (wie 168).

3. Vergleich mit D. Esmeraldas Theaterprojekt (S. 25-28, 34-37, 147-149, 256) + kritische Stellungnahme zu beiden Projekten

(3.1) Vergleich zwischen Nelios u. Dona Esmeraldas u. Theaterprojekt

D. Esmeralda ist bei ihrer Theatergründung „ganz erfüllt von ihrem neuen Leben“, und packt ihr Projekt mit irrsinniger Energie“ (25) an. Sie verfasst selbst ein völlig überdimensionales, 7-stündiges Stück, führt Regie und übernimmt „die unbesetzbaren Rollen“(26) selbst. Obwohl weder Zuschauer noch Schauspieler die Handlung des Stückes verstehen, empfindet sie „jenes seltsame Glück, das nur jemand empfindet, der das Unmögliche vollbracht hat“ (27). In Wahrheit hat sie das eigentlich Mögliche durch ihre unkreative und unflexible Art unmöglich gemacht. Zur Finanzierung des Theaters eröffnet sie im Foyer des Theaters eine Bäckerei (28). D. Esmeraldas qualifiziertes Ensemble soll den ganzen Tag nur Theater spielen (34). Sie merkt nicht, dass sie „keine gute Stückeschreiberin“ (35) ist. Wenn die Schauspieler ein Stück nicht verstehen, ist sie unfähig, es ihnen zu erklären, wird wütend und setzt immer ihren Willen durch. Trotzdem gibt es „Momente von großer Magie auf der kleinen Bühne“ (35). Sie schläft manchmal während der Proben ein, aber die Schauspieler dürfen dies nicht merken, da sie keine Schwächen zeigen will (148).

Obwohl die Schauspieler die Stücke nicht verstehen, gereizt sind und sogar weinen (148, 256), ist sie zufrieden und verfolgt „das Geschehen auf der Bühne mit einem Ausdruck puren, kindlichen Entzückens“, da dieses Projekt sie wohl so lange am Leben erhält (148f.). Sie stört es auch nicht, dass die Schauspieler verschiedene (völlig gegensätzliche) Dramenarten (z.B. „Tragödie und Komödie“, 256) ausprobieren, um das Stück spielbar zu machen.

 Nelio weiß, dass er kein normaler Regisseur ist, aber er will das Stück nur aufführen, um Alfredos letzten Wunsch zu erfüllen und ihm ein angstfreies Sterben zu ermöglichen. Er gibt Regieanweisungen, sein Rudel behält aber viel Gestaltungsfreiheit u. er lässt ihnen die Freude an ihren Verwandlungskünsten.

Er entwickelt sein Stück erst im Laufe des Ausprobierens, entwickelt keinen persönlichen Ehrgeiz und braucht das Stück nicht, um seinen Lebenssinn zu finden. Er ist auch Teil des Publikums und spielt das Stück ausschließlich für Alfredo, das nur deshalb gelungen ist, da es seinen Zweck für Alfredo erfüllt.

Er möchte eine eigene – für ihn reale – Wirklichkeit erschaffen und bezieht das Leben mit in das Stück ein.  

(3.2) Kritische Stellungnahme zu beiden Theaterprojekten

Beide Theaterprojekte entsprechen nicht unseren herkömmlichen Vorstellungen vom Theater spielen.

(1) D. Esmeralda überschätzt völlig ihre Fähigkeiten als Regisseurin und Stückeschreiberin. Sie verwendet das Projekt ausschließlich zur eigenen Selbstaufwertung, wobei sie negative Reaktionen von Publikum und Schauspielern verdrängt oder wütend bekämpft. Sie erschafft zwar merkwürdige Welten und „Momente von großer Magie“ (35f.), ähnlich wie Nelio (233), aber mangels Verständlichkeit ohne Bezug zur realen Welt.

(2) Nelio ist viel näher dran am ursprünglichen Sinn von Theater (z.B. bei den alten Griechen, aber auch in Afrika). Er lässt Kreativität, Verwandlung und Freude am Spiel zu und bezieht das Leben viel unmittelbarer mit ein, trennt nicht Spieler vom Publikum und ordnet der Unterhaltung und kreativen Selbstentfaltung der Schauspieler den Nutzen für eine einzige bestimmte Person (nicht für ein zahlendes Publikum) unter. Dieses Stück soll gerade nicht als Spiel, sondern als religiöser, aber auch realer Übergang zwischen Leben und Tod empfinden werden. Schauspielerische Leistungen sind hier nebensächlich.


2. Heinrich Mann: Der Untertan (Juni 1914)    

1. Aufgabe

Analysieren Sie Heinrich Manns Romanausschnitt (S.312, 9.Z. von u. – 317, 4.Z. von u.) „Der Untertan“ . Setzen Sie sich danach kurz mit Möglichkeiten und Grenzen der Wirkung satirischer Literatur auseinander. (AHR-Prüfung)

Der/Die Schüler/-in

1.1. benennt die äußeren Publikationsdaten (Autor, Gattung, Epoche:

Moderne/Expressionismus/Neue Sachlichkeit; Entstehungszeit etc.) und stellt den Roman als literarisches Beispiel für satirischen Entwicklungsroman der Moderne dar.

1.2. gibt das Thema des (1) Romanausschnitts bzw. (2) Romans wieder:  

(1) Diskussion zw. W. Buck u. Heßling über Berechtigung u. Zukunft des Nationalismus’ in D., moralische Prinzipien u. Schauspielerei + Ernsthaftigkeit.

(2) Kritik an Untertanenmentalität und Doppelmoral des Bürgertums (aber auch der SPD u. staatlicher Funktionsträger) am Beispiel Heßlings, der aus Charakterschwäche nach oben buckelt und nach unten (Familie, Arbeiter) tritt;

1.3. beschreibt das Erzählsystem des Romanausschnitts, indem er z.B. verweist auf

Erzählform: Er-Erzähler, personale Erzählhaltung, Darbietungsformen (Figurenrede: direkte, indirekte und erlebte Rede, 316)

1.4. erläutert deren Funktion, z.B.

(ironische) Distanz statt Identifikation, Kritik an Heßlings Verhaltens- und Denkweisen, aber Sichtweise Heßlings, um sein Verhalten zu verstehen; Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit

1.5. untersucht inhaltliche Aspekte des Romanauszugs (+ Einordnung in Gesamtzusammenhang), z.B. kurze Vorgeschichte + Situation:

In der Pause des Stücks „Die heimliche Gräfin“ von Frau v. W. lockt Heßling nach anzüglichen Gesprächen über „Grünen Engel“ Käthchen Z. ins „Liebeskabinett“ (309) und macht sich über sie her.  

Sie werden von empörter Guste D. überrascht. Käthchen rächt sich mit Spott über ‘Halbbruder’ W. Buck. Da Stück weitergeht, sitzen sie in der Falle und haben nichts mehr zu verlieren (308). Danach trifft H. B. am „Büffet“ (312). H. lobt Bs Zeichentalent und fragt nach Gustes Portrait. B. verneint diesbezügliches Interesse, hätte H. aber gerne bei „großem Monolog“ vor Gericht gezeichnet. Beleidigter H. nennt B.s Plädoyer „misslungener“ Versuch, H. zu diskreditieren. Sie trinken zur Versöhnung Sekt und B. äußert großes Interesse an H.s Rolle, die H. „Überzeugung“ nennt, wobei für B. „der repräsentative Typus von heute der Schauspieler“ (Kaiser, 313) sei. B. will Überzeugungen wechseln und macht Anspielungen auf gefährdete Beziehung zu Guste, die hinzukommt und meint, H. + B. passten „großartig“ zueinander. B. spricht von „Achtung“, H. von Wechsel von Wut und Freude auf B. (314) Trotz H.s Beschwörungen nennt sie das über sie und B. von H. verbreitete Gerücht. Sie ist enttäuscht, als B. dies als belanglos abtut. H. sei nicht wie B. und habe sie verteidigt. B.s komödiantischer Wutanfall löst bei beiden erst Panik und dann bei H. Empörung aus. Guste wird von LGR Fritzsche zum Tanz aufgefordert (316). B. äußert plötzlich Wunsch, Guste jetzt erst recht zu heiraten. B. + H. seien „Gegenpole“ und „die fortgeschrittenen Tendenzen der moralfreien Epoche“. H. protestiert, „die nationale Tat“(317) habe Zukunft, die für B. jedoch „abgehaust“ hat. Für H. zieht B. „das Heiligste in den Schmutz“, B. meint, das einzige Ziel „eures Nationalismus“ seien „Dünkel und Hass der Nationen“(317).

Ausblick: Trotz radikaler Gegensätze grölen beide im Suff vereint schlimmste nationalistische Parolen. H. verbündet sich trotz seiner Prinzipien später mit SPD + Freisinnigen, während B. vor den politischen Verhältnissen kapituliert und nicht mehr an Veränderungen glaubt, obwohl ihn sein Vater aufruft, gegen die nun Mächtigen vorzugehen.

1.6. beschreibt sprachliche Gestaltungsmittel, z.B.

Ellipsen, Metaphern, Euphemismen, Ironie, viele (rhetorische) Fragen, Oxymoron + Paradoxon (315), Correctio + Klimax (313), Alliterationen (S.314), Floskeln, Redensarten

1.7. erläutert deren Funktionen (z.B.)

nicht alles wird ausgedrückt, oft nur Andeutungen, Abwertungen, höfliche Umschreibungen, distanzierende  Abwertung durch die Personen, echtes oder kein Interesse am Gegenüber, Widersprüchlichkeit (indirekte Kritik), Entlarvung des anderen, Möglichkeiten statt Realität; Oberflächlichkeit, kein Einfühlungsvermögen etc.

1.8. arbeitet mögliche Intentionen bezüglich des Romanausschnitt heraus, z.B.

Darstellung des widersprüchlichen Charakters von H. u. W.B. u. gegenseitige Hassliebe; Entlarvung der Doppelmoral, Feigheit und des aggressiven, unkritischen Nationalismus des Untertanen H.;

Überheblichkeit, Ignoranz, Theatralik und fehlender Ernst des scharfsinnigen Kritikers (der Epoche und Heßlings) W. B.; Gnadenlosigkeit der Epoche („harte Zeit“, 315) und Dominanz von gesellschaftlichem Klatsch und Gerüchten (315); Abhängigkeit der Frauen (Guste) von gesellschaftlichen Konventionen (keine Emanzipation); höchstes Ziel: angesehene Ehe;

1.9. ordnet den epischen Text in den historischen Kontext seiner Entstehungszeit ein, z.B.

übersteigerter Nationalismus d. Kaiserreichs, Wilhelminismus, Kaiserpose (Schauspieler), Gottesgnadentum („Heiligste“), Vorahnungen nationalistischer Aggressionen (1. Weltkrieg); Übernahme adliger Ehrbegriffe durch Bürgertum, Flottenpolitik, Kolonialismus, Weltmachtstreben, Aufstieg des Besitzbürgertums, Frankreich = Erbfeind

1.10. wertet Inhalt und Gestaltung des Romans mit Blick auf Intention/Wirkung, dabei verweist er/sie z.B.

auf die Verwendung von Floskeln u. Redensarten als Entlarvung von Prinzipienlosigkeit, Satire als radikale Systemkritik, zeitlose Aktualität des Romans, große Wirkung erst in der DDR (wg. Beispiel für Nationalismus + Faschismus trotz fortbestehendem Obrigkeitsstaat), bei uns nach 68er Revolution (Musterbeispiel u.a. für Untertanenmentalität); heute NRW-Pflichtlektüre, aber wegen überwundener Untertanenmentalität nur historisches Interesse, Wirkung nur in Diktaturen

1.11. setzt sich mit Möglichkeiten und Grenzen der Wirkung satirischer Texte/Romane auseinander:

dabei verweist er/sie auf den fiktiven Gehalt von Romanen, Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen, Adressatenkreis, gesellschaftlichen Einfluss von Dichtern, von politischer Satire, Sensibilisierung für eigenes Sprachverhalten, Werthaltungen, gesellschaftliches Handeln etc.


3. Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte (1992/2000)

Analyse mit Inhaltsangabe

Die hier zugrunde liegende Textausgabe von 2000 ist eine indirekte Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche. Inzwischen ist eine bessere Übersetzung vom Japanischen direkt ins Deutsche vorhanden unter dem Titel „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ (Gütersloh 2015).

1. Überblicksinformation

H. Murakamis Roman „Gefährliche Geliebte“ (1992) spielt von 1951-88 im Großraum Tokio und handelt von Hajime, der als 12-jähriger solche Glücksmomente mit Shimamoto erlebt, dass sie sein Vorbild für alle späteren Frauen bleibt. Mit 36 ist er mit Yukiko und 2 Töchtern nach außen glücklich und reich, will aber für Shimamoto, die nach 24 Jahren in seiner Bar auftaucht, alles aufgeben. Erst als sie nach gemeinsamer Liebesnacht endgültig verschwindet – auch aus seinen Gedanken –, versucht er mit Yukiko einen Neuanfang.

2. Charakteristik Hajimes und Beziehung zu Shimamoto

Hajime („Beginn“), am 4.1. 1951 geboren, wächst in einer „typische(n) gutbürgerliche(n) Vorortsiedlung“ (7) als „Einzelkind“ (8) auf. Sein Vater arbeitet in einer großen Investment-Firma, seine Mutter ist eine typische Hausfrau. Da seine Mitschüler alle Geschwister haben, „Musterfamilien“ (8) sind, hat er einen „Minderwertigkeitskomplex“ (8) und meint, er sei „kein ganz vollständiger Mensch“ (8). Gemäß allgemeiner Meinung hält er sich selbst für „verzogen, schwach und egozentrisch.“ (9).

Als 12-jähriger freundet er sich mit der neuen Klassenkameradin Shimamoto an, die wegen Kinderlähmung ihr linkes Bein nachzieht. Ihre Interessen für Musik, Bücher und Katzen und ihr Einzelkind-Dasein verbinden sie. Trotz ihrer Behinderung lächelt sie stets, ist zu allen freundlich und hat immer gute Noten. Anders als er umgibt sie sich „bewusst mit einem schützenden Panzer“ (11). Sie hören meist bei ihr zu Hause Schallplatten, sehr oft Lps „von Nat King Cole u. Bing Crosby“ (15). Beim Schließen der Augen erreicht ihn “die Musik als eine Folge von Strudeln”(15), für die ihm die Worte fehlen. Er ist von der klugen, schönen, nie klagenden 12-jährigen Mitschülerin hingerissen. 10 Sekunden halten sie sich bei der Hand, wobei er sich wie im Himmel fühlt. „Das Gefühl, ihre Hand zu halten“ (20), verlässt ihn nie wieder. Sie wird für ihn immer die ideale Frau bleiben.

Nach Umzug von Hajimes Eltern bricht er den Kontakt zu ihr nach ein paar Besuchen ab, was er später als Fehler ansieht. Sein Körper, seine Stimme, seine Denkweise verändern sich stark. Er ist zu gehemmt und seine Angst, verletzt zu werden, zu groß. „Nie“ oder „erst viele Jahre später“ (21) sieht er sie wieder, so meint er jedenfalls. Lange hat sie “einen besonderen Platz” in seinem Herzen (21).

Mit 16 ist er auf der Oberschule, ein „typischer Teenager“ und „kein mickriges kleines Einzelkind mehr” (23). Er schwimmt viel, wird kräftiger und hofft, ein neuer Hajime zu werden. Seine „Schwäche für Bücher“ ist „wie eine Sucht“ (24). Er liest selbst beim Essen, redet mit anderen aber nicht darüber. Er bleibt „überzeugter Einzelgänger“ (24). Mit 17 hat er Izumi als Freundin. Ihm ist egal, dass sie “nicht besonders hübsch” ist, da er „auch kein so toller Fang“ (25) sei. Bei ihr ist er stets „entspannt“ (25), empfindet aber „eine so tiefe Einsamkeit“ (27), da sie ihm nicht das gleiche geben kann wie Shimamoto (32). Er hält ihre „Standard-Ansichten“ für sehr „unbedarft“ (34), sie ihn jedoch für “etwas Besonderes” (35). Obwohl er Kondome besorgt, um mit ihr zu schlafen, macht sie nur Oralsex mit ihm. In Tokio auf dem College sehnt er sich nach Veränderung (43). 1968 wird die Uni besetzt und Tokio von einer „Flut von Demonstrationen“ überrollt. Er lässt sich „von diesem Rausch mitreißen“ (43) und nimmt dafür das Ende ihrer Beziehung in Kauf.

Das 1. Mädchen, mit dem der 17-jährige schläft, ist auch Einzelkind und Izumis Cousine, eine 20-jährige Studentin. Ihn zieht – wie bei Shimamoto – „keine messbare äußere Schönheit, sondern etwas Inneres, Tiefes, etwas Absolutes“ (45) magnetisch an. Er weiß, dass er mit ihr schlafen muss und sie ebenso empfindet (46). 2 Monate haben sie so leidenschaftlichen Sex – ohne ineinander verliebt zu sein –, dass er fürchtet, ihnen würde „das Hirn zerschmelzen“ (47). „Keine Kinobesuche, keine Spaziergänge, kein Smalltalk”, nur „Vögeln“ (47). Nie hat er bei Izumi “diese irrationale Kraft gespürt“ (47). Als sie davon erfährt, ist sie zutiefst verletzt und nennt ihn „einen dreckigen Lügner“ (50), da er sie von Anfang an betrogen habe. Er hat ihrem Leben „irreparablen Schaden zugefügt“ (50).     

Hajime schafft „spielend sämtliche Aufnahmeprüfungen“. Er ist fähig, „Böses zu tun“ (51), bleibt immer derselbe, begeht stets den gleichen Fehler, verletzt andere und sich selbst – ein zentraler Charakterzug von ihm. Lustlos absolviert er ein Literatur-Studium. Im 1. Jahr nimmt er an Straßenschlachten teil, besucht politische Versammlungen aber nur halbherzig und bringt für seine „Mitdemonstranten die erforderlichen Solidaritätsgefühle“ (53) nicht auf. 4 Jahre College hält er für verlorene Zeit.  

Nach Studienabschluss arbeitet er lustlos als Lektor eines Schulbuchverlags. Er hat nur flüchtige Liebschaften. Kurze Zeit geht er mit einer jungen Frau aus, die ,anders als Shimamoto, das rechte Bein nachzieht. Stets denkt er an seine Jugendliebe, wobei ihn „der bloße Gedanke an Shimamoto noch immer am ganzen Leib erschauern lässt“ (59). Er ist höchst unzufrieden. Mechanisch erledigt er seine Arbeit und verbringt seine „freie Zeit mit Lesen oder Musikhören“ (55). Er meidet private Kontakte mit Kollegen. Diese Zeit ist für ihn der 3. Abschnitt seines Lebens, die 12 Jahre zwischen seinem Eintritt ins College und seinem 30. Geburtstag. „Jahre der Enttäuschung und der Einsamkeit ... Eine 12-jährige Eiszeit“, in der seine Gefühle tief in ihm eingeschlossen bleiben (55). In Shibuya sieht er mit 28 eine Frau, die wie Shimamoto aussieht und vor ihm flüchtet. Als er sie am Einsteigen in ein Taxi hindern will, bedroht ihn ein Mann und gibt ihm „ein weißes Kuvert“ mit 100.000 Yen (68) als Schweigegeld. Er fragt sich, ob diese Frau wirklich Shimamoto war (69). Es ist für ihn „ein Rätsel ohne Lösung“ (69). Wenn er das Kuvert sieht, ist er überzeugt: „Es ist wirklich passiert“ (69f.).

Mit 30 heiratet er in Tokio die 25-jährige Yukiko. Er lernt sie kennen, als es regnet und fühlt sich sofort zu ihr ‘magnetisch’ hingezogen. Ihr Vater ist ein reicher „Generaldirektor eines mittelständischer Bauunternehmens“, „ein Macher“ und „ein bisschen zu aggressiv“ (72). Dieser hilft ihm beim Aufbau einer neuen beruflichen Existenz. Hajime eröffnet in Aoyama „eine elegante Jazz–Bar“ (75) und wegen großen Geschäftserfolgs später eine zweite. Sie bekommen 2 Kinder, haben eine komfortable 4-Zi-Wohnung, einen BMW 320 und ein Ferienhaus. Seine Gewinne investiert er besonders in Aktien, indem er den „Dreh“ seines Schwiegervaters benutzt, eine Ausnutzung von „Gesetzes- und Steuerlücken“ (76), wobei ihm wegen „unlauterer Mittel“ nicht „ganz wohl“ ist. Er erkennt, dass er „das Leben eines anderen“ (77) führt. Jedoch kann er sich nicht beklagen. Er arbeitet gerne in seinen Bars, ist ein liebevoller Vater und liebt seine sanfte, aufmerksame Frau. Während Yukikos Schwangerschaften hat er ein paar kurze Affären, misst ihnen aber keine Bedeutung bei.

Eines Abends erscheint Shimamoto – „atemberaubend schön“ (90) – in seiner Jazz-Bar „Robin’s Nest“ (89). Sie hält ihm vor, sie damals nicht mehr besucht zu haben, was er mit Angst vor Zurückweisung begründet (97). Seit der Mittelschule sei es mit ihr schulisch bergab gegangen, so dass sie immer mehr vereinsamte (98) und nun eine „verdrehte alte Frau“ (98) sei. Er bezeichnet sie als sehr hübsch, meint, ihr Zusammensein damals sei seine „glücklichste Zeit“ (99) gewesen, und will sie unbedingt wiedersehen. Auch sie hat an ihn gedacht, wann immer es ihr schlechtging (102f.) Dank einer Operation zieht sie ihr Bein nicht mehr so nach. Zärtlich nennt er sie „Shimamoto-san“ und fragt, ob sie wiederkomme, was sie mit „wahrscheinlich“ beantwortet. Er meint, eine Halluzination zu haben, denn „Regen besitzt eine hypnotische Wirkung“ (104). Als er ihr Glas und den Aschenbecher sieht, hält er sie doch für „keine Halluzination“ (104).        

Nach Monaten erscheint sie wieder an einem Regenabend. Er ist 37 und konnte sich seit ihrem Verschwinden nicht konzentrieren. Sie entschuldigt sich damit, dass sie einfach nicht kommen konnte. Er sagt, er liebe seine Arbeit (111). In der Bar könne man „seine Ideen sofort in die Praxis umsetzen“ (110). Sie gibt an, sie habe in ihrem Leben „nicht einen Tag gearbeitet“ und denke nur ans “Geldausgeben” (111). Gefühle schmerzten, „gerade weil sie nicht verschwinden“ (112). Sie möchte mit ihm zu „einem schönen Fluss“ (113), der direkt ins Meer fließt, um die Asche ihres am Tag nach der Geburt gestorbenen namenlosen Babys in den Fluss zu streuen (123). Er fliegt mit ihr nach Ishikawa (114) und muss Yukiko daher belügen. Er glaubt, sie auch betrogen zu haben. Sex mit anderen Frauen hält er für „harmlose Seitensprünge“. Er tue Unrecht, obwohl er nicht mit Shimamoto schlafen will (117). Am Fluss in Ishikawa sagt er, sie sehe „wie ein Schulmädchen“ (120) aus. So als Teens spazieren zu gehen wäre für ihn „der Himmel auf Erden“ (121).  

Auf der Rückfahrt zum Flughafen wird sie bewusstlos. Mangels Wasser lässt er geschmolzenen Schnee aus seinem Mund in ihren rinnen, damit sie ihr Medikament einnehmen kann. Wegen des Zwischenfalls sind sie für den Rückflug spät dran. Er hofft, sie würden eingeschneit, es wäre Schluss mit den Lügen und Yukiko erführe von ihr. Er muss sich beherrschen, da er sie will und sie ihn (130). Sie erreichen noch das verspätet startende Flugzeug. Sie bedauert, dass das Flugzeug noch gestartet ist. Er verspricht, auf sie zu warten, und denkt: „Wenn ich sie nie wiedersehe, werde ich wahnsinnig.“ Als sie fort ist, ist seine „Welt hohl und bedeutungslos“ (131).

Als sein Schwiegervater ihn um die Gründung einer Scheinfirma(135) bittet, verweist er ihn erst an die Yakuza, kann ihm aber „die Bitte schlecht abschlagen“ (137), was ihn deprimiert. Hajime schläft mit Yukiko, hat aber „das Gefühl, Shimamoto in den Armen zu halten“ (142). Yukiko liebt ihn, sie seien 7 Jahre verheiratet, ob er „nicht langsam genug“ (143) von ihr habe. Er sagt, er liebe sie trotzdem.   

Shimamoto taucht nun fast jede Woche in Regennächten auf (148). Aber sie berühren sich nicht, noch kennt er ihre Gefühle. Ihre „eigene kleine Welt“ (149) bleibt ihm verschlossen. Er weiß nichts von ihrem Leben, wo sie wohnt, ob sie verheiratet ist etc. Als Heranwachsende versuchte sie, zu allen aufrichtig zu sein, was zu Missverständnissen führte, so dass sie sich ganz abkapselte.             

Er will die 25 getrennten Jahre auffüllen, sie will diese Zeit leer lassen. Von Jungen war sie enttäuscht, denn sie wollte das, was zwischen ihnen beiden bestanden hatte (151). „Sich mit 12 Lebwohl sagen, sich mit 37 wiederbegegnen“ (152) hält sie für das Beste für sie beide. Bestimmte Dinge würden „nie wieder zu dem, was sie einmal waren“ (153). Gehe eine winzige Kleinigkeit schief, bleibe es für immer so. Im Frühjahr verschwindet sie erneut und hinterlässt die Nachricht, sie könne wahrscheinlich eine Zeit lang nicht kommen (156). Er leidet gerade unter dem „wahrscheinlich“, vertreibt sich ruhelos die Zeit: Er baut seine Bars um, treibt intensiv Sport und versucht, sich mit seiner Familie im Ferienhaus abzulenken. Er denkt nur an Shimamoto (159).

Nach außen führen er und Yukiko „ein ideales Leben” (160). Er hat eine Eigentumswohnung in Aoyama, ein Ferienhaus bei Hakone, 2 Autos, seine Arbeit macht ihm Spaß und er kann sich kein glücklicheres Leben vorstellen. Aber er kann nur Shimamoto seine „wahren Gefühle offenbaren“ (161). Als er ihr geschmolzenen Schnee einflößte, wollte sie ihn, aber er hielt sich zurück. Nun hat sie ihn verlassen und ihm ist sein Leben erneut abhandengekommen (161). In schlaflosen Nächten überlegt er, ob es nicht besser wäre zu weinen. Aber er ist zu ichbezogen, um andere zu beweinen, und zu alt, um sich selbst zu beweinen.  

Als Yukiko auf Anraten ihres Vaters wie üblich für ca. 8 Mio. Yen (164) todsicher rapide steigende Aktien kauft, wirft er ihr Eigenmächtigkeit vor. Sie solle den Aktienkauf stornieren, selbst bei hohen Stornogebühren. Er wolle nur durch seiner „Hände Arbeit Geld verdienen“ (165). Ihres Vaters Vorschlag sei Insiderhandel und Börsenmanipulation. Er wolle mit dieser anrüchigen Sache nichts zu tun haben. Das Hineinziehenlassen in diese Denkweise gebe ihm „ein Gefühl von Leere“ (166). Er spürt Zorn, dem er hilflos ausgeliefert ist. Sie verspricht, die Aktien wieder zu verkaufen, damit er ihr nicht mehr böse ist. Sie fragt, was ihm an ihrem Leben missfalle. Er entgegnet, dass er nicht mehr wisse, wer er eigentlich sei und was recht und unrecht sei. Er will ihr alles über Shimamoto beichten, schweigt aber, da sie nur noch unglücklicher würden (168). Er schämt sich seiner Moralpredigt, da er selbst kein Moralapostel ist.

Shimamoto taucht nach 6 Monaten wieder an einem Regenabend auf. Hajime überlegt, ob nicht sie, sondern ihr Schatten hier und die wirkliche Shimamoto längst fort sei (176). Er schlägt vor, ihr Geschenk – ihre Lieblingsschallplatte von Nat King Cole –  gleich in seinem Ferienhaus anzuhören, und sagt Yukiko, er komme diese Nacht nicht nach Hause; er müsse über den gestrigen Vorfall (Insidergeschäft) nachdenken. Bei der Autofahrt möchte sie das Lenkrad herumreißen und fragt ihn, ob er nicht mit ihr sterben wolle (180). Im Ferienhaus gesteht er ihr seine Liebe und beschwört sie, ihn nie wieder zu verlassen (183). Sie meint, er müsse sie „ganz oder gar nicht“ (184) nehmen. Sie könne nicht jedes Mal kommen, wenn ihr gerade danach sei (184), obwohl auch sie ihn sehr liebe und er der einzige sei, den sie je geliebt habe (185). Er will ihretwegen seine Familie verlassen. Als sie sich lieben – wovon sie so lange träumte –, denkt er wieder an sie auf dem Parkplatz der Bowling-Halle, „erstarrt und weiß wie ein Laken“ (189). Er meint, zum 1. Mal „das Gesicht des Todes“ (189) gesehen zu haben. Sie lieben sich die ganze Nacht. Sie sagt zu, ihm morgen alles über sich zu erzählen (192). Am Morgen ist sie jedoch endgültig verschwunden, auch ihr Geschenk: die alte Nat-King-Cole-Platte. Es ist für ihn „eine unstimmige Wirklichkeit“ (193).

Zurück in Tokio findet er sich schwer zurecht. Seine „überklaren Halluzinationen“ (197) über ihren nackten Körper machen ihn wahnsinnig. Er weiß nicht, wie er sich zu Yukiko verhalten soll. Er konnte sich ihr noch nie öffnen. Yukiko sagt ihm direkt, er habe eine Geliebte, macht ihm aber keine Vorwürfe und stellt ihm frei, sie, Yukiko, zu verlassen (198). Für die Antwort habe er so viel Zeit, wie er wolle. Er sagt, er wisse nicht, ob bzw. wann er ihr eine Antwort geben könne (199). Er schläft auf dem Sofa, ändert aber sein Familien- und Berufsleben nicht und denkt stets verzweifelt an Shimamoto. Er meint, als Shimamoto sagte, sie wolle ihn ganz, habe sie sein Leben gemeint (200). Sie war verschwunden, sonst hätte sie auf der Rückfahrt das Lenkrad herumgerissen und sie beide getötet. Er fragt sich, was sie zurückgehalten habe und warum der Tod für sie der einzige Ausweg gewesen sei (200).  

Mit Yukiko lebt er nebeneinander wie Freunde, sie berühren einander nur nicht. „Dieses leere, bedeutungslose Leben kränkt(e) Yukiko zutiefst“ (203). Er will sie nicht verlassen, kann es ihr aber nicht sagen. Er muss sich „als Mensch, als Ehemann, als Vater“ (204) seiner Verantwortung stellen, ist jedoch durch „Trugbilder“ wie gelähmt. Wenn es regnet, hofft er, Shimamoto wiederzusehen. Eines Tages fällt ihm das Geldkuvert ein. Er kann es nirgendwo finden In ihm wächst „die Überzeugung, der Umschlag habe nie wirklich existiert“ (205). Er fragt sich, „was ist wirklich“ (206)? 2 Tage später meint er auf der Straße erst Shimamoto, dann Izumi zu sehen. Vor Übelkeit kann er tagelang nicht sprechen, jedoch verblassen „die Nachbilder von Shimamoto“ (209). Ihr Lieblingsstück „Star-Crossed-Lovers“ ist für ihn nun bedeutungslos (211). Zu Yukiko sagt er, er liebe sie und will eher sterben als wieder einsam sein. Er tue ihr weh, da er „ein egoistischer, hoffnungsloser, wertloser Mensch“ (212) sei. Er zerstöre das Leben eines anderen (212) und sein eigenes, worauf sie ihm zustimmt.

Er sagt, er versuche, „eine neue Identität zu erobern“, sei aber „in einer Sackgasse gelandet“ (213) und bleibe stets derselbe. Er könne in der gleichen Situation wieder genauso handeln, ihr wieder genauso wehtun (213). Sie sagt, sie sei in den letzten Wochen nur deshalb nicht vor Traurigkeit gestorben, um ihn wieder anzunehmen (214). Das Schlimmste an ihm sei, dass er nichts verstünde und nie nachfrage. Das Leben sei zu glatt verlaufen und sie zu glücklich gewesen. Ihre Träume seien ihr irgendwo unterwegs abhandengekommen (215). Auch sie sei eine Gehetzte, die „etwas weggeworfen und verloren“ (215) habe. Vielleicht werde der eine dem anderen wehtun, aber sie liebe ihn noch. Hajime verspricht ihr, morgen ein neues Leben anzufangen, was sie für eine gute Idee hält (216).

Hajimes Charakterzüge: Einzelkind und -gänger, liest anfangs sehr viel, hört sehr gerne Musik, verzogen, schwach, egozentrisch, politisch desinteressiert, kann mit anderen nicht über Probleme reden, bezieht andere nicht in seine Überlegungen mit ein, sehr emotionslos, weint nie, zeigt fast kaum Gefühle, fügt anderen immer wieder Schaden zu, begeht stets die gleichen Fehler, verletzt andere und sich selbst, ist z.T. gehemmt, hat Angst, verletzt zu werden und einsam zu sein, kaum Einfühlungsvermögen, kaum lernfähig, fatalistisch, pessimistisch, wenig selbstbewusst (auch bezüglich seines Äußeren), will neue Identität erobern, ist nicht er selbst, glaubt, das Leben eines anderen zu führen, realistisches Selbstbild, kein Intellektueller, da bei Literatur-Studium und als Lektor lustlos, mag keine Vorschriften und Vorgesetzten, beruflich (Barbesitzer) recht kreativ;

Hajime hat unrealistisches Frauenbild: muss sich von Frauen magnetisch angezogen fühlen, Schönheit nicht so wichtig, sexbetont, liebevoller Familienvater u. Ehemann, aber bereit, für Beziehung zu Shimamoto alles aufzugeben, ist von Sh. (oder ihrem Trugbild) völlig abhängig, in Beziehungen/privaten Dingen entscheidungsschwach bzw. -unfähig, betrügt Yukiko ohne Reue; halluziniert, lebt oft in einer Scheinwelt, nicht in der Realität (Sh. als sein Schatten = verdrängte Vergangenheit!?); trauert verpassten Chancen nach, lebt oft in der Vergangenheit, sucht nicht äußeres Glück (Reichtum, sorgenfreies Familienleben), sondern das Irrationale, Unwirkliche, ist oft nicht Herr seiner Stimmungsschwankungen.

3. Die Rolle von Liebe, Erotik und Sex im Roman

Sex spielt öfter eine Rolle, bei Izumi und besonders ihrer Cousine, bei Shimamoto ist eher Erotik/Zärtlichkeit im Spiel, wohl auch Liebe (nicht Romeo und Julia), wobei hier Verständnis, Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme auf den anderen fehlen und die Bereitschaft, für diese Liebe etwas zu tun und z.B. sein Verhalten zu verändern. Verhaltensunsicherer, ichbezogener Haajime ist wohl unfähig zur Liebe.

4. Inwiefern ist der Roman typisch japanisch?

1. Oralsex spielt wichtige Rolle (36), Sex sehr natürlich und unkompliziert bzw. offen geschildert;

2. Sitte des Schuhe Ausziehens (13), weshalb Shimamoto es wegen ihrer Behinderung vermeidet, andere zu besuchen;

3. Shimamoto kaum traurig wegen ihres toten, namenlosen Babys (124); Asche ins Meer streuen + Regen = Vorstellung von Wiedergeburt.

4. Hajime hat bei Verletzungen anderer keine Schuldgefühle, er nennt sich „böse“, d.h. in Japan fehlt Verbindung mit christlichem Teufel;

5. Außer Izumi zeigen die Personen im Roman kaum ihre Gefühle, sie sagen lediglich, dass sie verletzt und einsam sind.

6. Starke Anpassung von Frauen an männliche Wünsche (besonders Yukiko), wenig emanzipiert nach westlichen Maßstäben;

7. Yakuza (japanische Mafia) ist eine Selbstverständlichkeit (136); Über illegale Geschäfte (Steuerhinterziehung, Börsenmanipulation usw.) wird sehr offen (z.T. ohne große Skrupel) geredet.

8. Einstellungen der Männer (Hajime und besonders Schwiegervater, 138) zu Frauen nicht besonders wertschätzend, eher männlich-dominant.

Sonst ist der Roman – wie Japan! – eher westlich orientiert und könnte (besonders sprachlich) auch in den USA spielen, was dadurch bedingt ist, dass er im Jahre 2000 aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurde, was z.T. an Anglizismen erkennbar ist.


4. Bernhard Schlink: Der Vorleser (1995)

LEH + Charakteristik + Handlungsübersicht (verlinken)

1. Aufgabe: Charakteristik von Hanna

1. Überblicksinformation

Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ (1995) spielt von 1958-94, davon im 1. Teil in Heidelberg, und handelt von der vorwiegend sexuellen Beziehung zwischen dem anfangs 15-jährigen Gymnasiasten Michael Berg und der 36-jährigen Hanna Schmitz, die ihren Analphabetismus und ihre Vergangenheit als KZ-Aufseherin verbirgt.

1966 wird sie zu lebenslanger Haft verurteilt und begeht nach 18 Jahren Haft kurz vor ihrer Entlassung Selbstmord. Trotz Karriere als Professor werden seine psychische Entwicklung und seine Beziehungen zu anderen Frauen nachhaltig negativ von der Beziehung zu Hanna geprägt.

2a) Charakteristik Hannas + Beziehung zu Michael inkl. Entwicklung + Analphabetismus (Teil I)

Hanna ist am 21.10.1922 bei Hermannstadt (Siebenbürgen, Rumänien, 40,91) geboren, hat keine Familie und kam zu Kriegsbeginn nach Berlin, wo sie bei Siemens arbeitete. Als man ihr 1943 eine Stelle als Vorarbeiterin anbot, nahm sie – um ihren Analphabetismus zu verheimlichen – stattdessen das Angebot an, als KZ-Aufseherin nach Auschwitz und dann in ein Arbeitslager bei Krakau zu gehen. Seit 1950 lebt sie in Heidelberg und ist dort Straßenbahnschaffnerin (siehe Zeit- und Ereignisstruktur im Anhang).

Sie hilft anfangs Michael, der sich wegen Gelbsucht übergeben muss, „fast grob“ (6), ein wichtiger Charakterzug von ihr. Als er sich nach seiner Genesung bei ihr bedankt, bewundert er „ihr schulterlanges, aschblondes Haar“ und: „Hohe Stirn, hohe Backenknochen, blassblaue Augen, ... , kräftiges Kinn. Ein großflächiges, herbes frauliches Gesicht.“ (14).  

Dies zeigt ihr herrisches, kraftvolles Auftreten und gibt auch indirekte Hinweise auf ihre verheimlichte Vergangenheit (arische Rasse wg. Haar- und Augenfarbe, Asche = Holokaust).   

Durch einen Küchentürspalt beobachtet er ihren „sehr weiblichen Körper“ und findet sie „anmutig“ und „verführerisch“ (17f.). Sie sieht ihn an, ohne die Tür zu schließen (16), was ihr mangelndes natürliches Schamgefühl gegenüber Minderjährigen zeigt. Er läuft weg, ist jedoch 7 Tage später wieder bei ihr, da er „die sündige Tat“ (21) will.  

Jetzt verführt Hanna ihr 15-jähriges „Jungchen“ (27) sexuell, was strafbar ist. Sie ist von „peinlicher Sauberkeit“, was ihren unbewussten Drang zeigt, sich von ihrer Schuld (Vergangenheit) reinzuwaschen. Ihre Dominanz zeigt sich beim fast täglichen Sex mit ihm, da sie meist von ihm Besitz ergreift und sich an Michael Lust macht (33).

Als er ihr sagt, dass er „sowieso sitzen“ bleibe (36), ist sie sehr böse. Nackt spielt sie ihm ihre „blöd(e)“ Rolle als Straßenbahnschaffnerin (36) vor, wobei sie ihre Ängste als Analphabetin, die stets Angst um ihren Arbeitsplatz hat, völlig überzogen auf ihn – den Professorensohn! – überträgt. Sie droht mit Liebesentzug, falls er nicht täglich lerne.  

Hanna füllt die angenommene Mutterrolle unangemessen aus und vermischt sie mit ihrer Rolle als dominanter Liebespartnerin und misstrauischer, unerkannter Analphabetin sowie KZ-Aufseherin.

Sie erzählt ihm fast nichts aus ihrem Leben, hat kein Interesse für ihre Eltern und denkt nicht an die Zukunft, nicht einmal bis Ostern (40f.). Misstrauen, Angst, fehlende Zukunftsperspektive und Werte sind wohl Folge mangelnder liebevoller Zuwendung und Bildung in ihrer Jugend.

Für ihre Treffen mit Michael legt sie ein Ritual fest: „Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bisschen beieinanderliegen“ (43). Dies zeigt, dass Vorlesen – Michaels Schullektüre – für sie sehr wichtig ist. Vor dem Sex – für sie Liebe – möchte sie wieder ihre (vergangene und jetzige?) Schuld abwaschen. Liebe und Zärtlichkeit (beieinanderliegen) kommen bei ihr erst an letzter Stelle. Wegen ihrer Ichbezogenheit fehlen ihr Respekt und Verständnis für Minderjährige.

Als Michael sie in den Osterferien in der Straßenbahn besucht, beachtet sie ihn bewusst nicht, was ihn sehr kränkt. Später behauptet sie, er habe sie nicht kennen wollen und könne sie nicht kränken. Dann gibt sie zu, gekränkt zu sein, ist also doch nicht ganz „unberührt und unbeteiligt“ (49). Er gesteht nicht begangene Fehler, da sie mit Sexentzug droht und er ihr sexuell hörig ist. Jedoch fühlt er, als „leide sie selbst unter ihrem Erkalten und Erstarren“ und „sehne sie sich nach der Wärme“ (50) seiner Entschuldigungen. Sie kann aber diese Gefühle nicht zulassen, da sie als Analphabetin weder Selbstwertgefühl noch psychische Stabilität hat und sich stets ausgegrenzt und wertlos fühlt.

Bei ihrer Osterradtour zeigt sie ihre brutale Seite, als sie ihm mit einem Ledergürtel ins Gesicht schlägt, aus Angst, dass Michael, der ihr auf einen Zettel geschrieben hat, dass er Frühstück hole, sie verlassen habe. Da sie sich zeit ihres Lebens so verhalten hat, vermutet sie Gleiches bei ihm, was zeigt, wie wenig sie ihm vertraut. Dass dies aus Hilflosigkeit geschieht, sieht man daran, dass sie gleich darauf weint und „krächzende, kehlige Laute“ (54) wie beim Sex ausstößt.  

Da sie beim ‘Kosenamen’ Pferd (69) erschrickt, war sie wohl die grausame und unbeherrschte “Stute” (115) im KZ, als die sie ihm später im Albtraum erscheint. Er ist ganz anders als sie, denn bei ihm „zu Hause weinte man nicht so. Man schlug nicht“, „man redete“ (55). Nachdem sie miteinander Sex und ein sehr inniges Verhältnis zueinander haben, schreibt er in einem Gedicht, dass sie beide nur beim Sex sie selbst sind, da sie ihn sonst immer wieder erniedrigt und zurückweist (65).

Gerade beim Ausflug wendet sie die typischen ‘Tricks’ bzw. Ausreden einer Analphabetin an: Sie ist angeblich „zu aufgeregt“ (52), um die Landkarte anzuschauen, und überlässt ihm die Anmeldung in den Gasthöfen (54). Zudem leugnet sie die Existenz des Zettels, den er ihr geschrieben hat (56). Auch muss er ihr vorlesen, da er „eine so schöne Stimme“ (43) habe, u. als er ihr Briefe schreibt wegen ihres Streits und sie darauf anspricht, lenkt sie mit dem Vorwurf ab, er streite schon wieder (50).

Dass sie „keine gemeinsame Lebenswelt“ (75) haben, wird klar, als sie sich bei ihm zu Hause angesichts der vielen Bücher seines Vaters „als Eindringling“ fühlt (62). Jedoch gibt sie ihm – aus Angst vor Entdeckung – bewusst nur den Platz in ihrem Leben, den sie ihm geben will (75), z.B. bei der Begegnung in der Straßenbahn.

Ihr fehlt es völlig an Zuneigung und Einfühlungsvermögen, da sie statt Kosenamen nur “Kröte, Welpe, Kiesel” (68) zu ihm sagt und kein Interesse an seinem Geburtstag hat. Auch behandelt sie ihn wie ein kleines Kind („Jungchen“, Abzählreim, 75), was ihre geistige Unreife zeigt. Meist ist sie emotionslos. Nur beim dominanten Sex und beim Vorlesen fühlt sie sich aufgewertet und geht aus sich heraus (43, 56). Als er ihr z.B. ein Nachthemd schenkt, freut sie sich, lacht und strahlt wie ein Kind (62).   

Sie weiß, dass ihre Beziehung zu Ende geht, da man ihr 14 Tage vorher eine Stelle als Fahrerin anbot, die sie wegen ihres Analphabetismus’ nicht annimmt. Beim letzten Liebesakt mit Michael ist ihre Hingabe „einzig”, als wolle sie mit ihm „zusammen ertrinken“ (77). Danach folgt sie ihm ins Schwimmbad, sieht aus der Entfernung zu ihm herüber, um ihn ein letztes Mal mit seinen Freunden zu sehen, und verschwindet am nächsten Tag nach Hamburg.  

2b) Hannas Verhalten im Prozess (Teil II)

1966 sieht Michael als KZ-Seminarteilnehmer sie im Prozess als angeklagte KZ-Aufseherin wieder. Sie wirkt hochmütig, spricht weder mit Mitangeklagten noch Pflichtverteidiger. In Wahrheit hat sie große Angst, sitzt „wie gefroren“ da (96) und verteidigt sich schlecht. Mangels Kenntnis der Vernehmungsprotokolle, Anklage- und Verteidigungsschrift widerspricht sie sich oft (104) und gibt aus Angst vor Entdeckung ihres Analphabetismus’ zu, “freiwillig zur SS gegangen” (91) zu sein.

Hanna widerspricht oft, was den Richter ärgert, und stellt ihm unangebrachte Fragen („Was hätten Sie denn gemacht?“, „hätte ich mich bei Siemens nicht melden dürfen?“, 107,123). Sie kennt weder Spielregeln eines Prozesses (105) noch ihre Rolle als Angeklagte (Reue zeigen, Entlastendes vorbringen), hat also das Ausmaß ihres Verbrechens gar nicht erfasst.  

Ihre Hilflosigkeit gipfelt in dem Satz: „Wir wussten uns nicht anders zu helfen“ (121). Die Rolle als KZ-Aufseherin hat sie auch im Prozess nicht abgelegt, da sie die in der brennenden Kirche eingeschlossenen Frauen nicht fliehen lassen wollte („Wenn wir jetzt aufgemacht hätten und alle rausgerannt wären“, 122). Schließlich gibt sie zu, den sie belastenden Bericht über diese Vorgänge geschrieben zu haben, obwohl sie dies zuvor bestritten hat, nur um wegen drohender Schriftprobe ihren Analphabetismus zu verbergen (124). Damit wird sie vor Gericht zur „Führerin“ und Haupttäterin (131). Zwar kämpft sie noch weiter, doch gibt sie schließlich auf und redet kaum noch. Sie will eine viel geringere Gefängnisstrafe, ist aber nicht bereit, dafür „den Preis ihrer Bloßstellung als Analphabetin zu zahlen“ (132), weil sie sich sonst wertlos fühlt.

Bei Urteilsverkündung trägt sie eine Art SS-Uniform, wirkt „hochmütig“ und provozierend wie zu Prozessbeginn. Ihre Trotzreaktion bedeutet, dass Gericht und Öffentlichkeit sie ungerechterweise zur Haupttäterin gemacht haben. Ihr „verletzter, verlorener und unendlich müder Blick“ (157) zeigt, wie sehr sie der Prozess belastet hat. Bei Michaels Besuch im Gefängnis sagt sie, „dass mich ohnehin keiner versteht“ (187). Auch das Gericht könne nicht Rechenschaft von ihr fordern.

2c) Hannas Verhalten im Gefängnis (Teil III)

Im 8. Jahr ihrer Haft spricht Michael – inzwischen Prof. für Rechtsgeschichte – Literatur uund eigene Bücher auf Kassetten und schickt sie ihr ins Gefängnis. Im 12. Jahr bedankt sie sich mit einem Gruß, denn sie hat mithilfe der Kassetten selbständig Lesen u. Schreiben gelernt und ist laut Michael mündig geworden (178). Sie ist also intelligent und besitzt sehr viel Energie.

Hanna hat viele Jahre in der Haft wie im Kloster gelebt. „Bei den anderen Frauen, zu denen sie freundlich, aber distanziert war, genoss sie besonderes Ansehen“ ... „sie hatte Autorität, wurde um Rat gefragt“ und es „wurde akzeptiert, was sie entschied“. Einige Jahre vor ihrem Selbstmord gibt sich Hanna jedoch auf und zieht sich zurück, ist nicht mehr „von peinlicher, gepflegter Sauberkeit“, wird dick und riecht. Allerdings wirkt sie dabei „nicht unglücklich oder unzufrieden“ (S. 196). Dass lässt darauf schließen, dass sie, als sie angefangen hat, Bücher über KZs zu lesen (S.194), ihre Schuld akzeptiert hat und sich nicht mehr reinwaschen muss.    

Da sie nach Bewilligung ihres Gnadengesuchs nach 18 Jahren Haft entlassen werden soll, besucht er sie eine Woche vorher im Gefängnis. Als er sie jedoch abholen will, hat sie sich in ihrer Zelle erhängt. Sie hinterlässt als eine Art Wiedergutmachung ein Testament: eine lila Teedose mit Geld und 7.000 DM für die Tochter, die den Brand überlebt hat (196).  

2d) Gründe für Hannas Selbstmord (Teil III)

Erst über das Lesen der KZ-Literatur hat sie das ganze Ausmaß der – auch ihrer – NS-Verbrechen erfasst  und mit ihrem Selbstmord ihre schwere Schuld auf sich genommen, zumal die Toten von ihr Rechenschaft fordern können (187) und nur diese sie verstehen. Ferner hat sich die Beziehung zu Michael völlig verändert. Er bestimmt jetzt die Spielregeln u. wann er ihr was vorliest. Auch zeigt sein einziger Besuch im Gefängnis, dass er sie als alte Frau sieht, die riecht und für die er Mitleid und Gewissensbisse, aber keine Liebe mehr empfindet („eine kleine Nische“, „aber keinen Platz in meinem Leben“, 187).

Michael hat für sie eine Arbeit beim griechischen Schneider (189) ausgesucht, womit sie ihre Arbeit in der Haft fortführte, wozu sie nicht lesen und schreiben können muss und bei der sie kaum soziale Kontakte hätte. Er kümmert sich um viele Äußerlichkeiten (Gärtner, kulturelle Angebote etc.) und auch finanziell um sie. Allerdings verweigert er ihr die Wärme und Zuneigung, die sie jetzt bräuchte. Nach 18 Jahren Haft ist Hanna „einsam und hilflos“ (182), würde wegen ihrer Verbrechen auch kaum Kontakte bzw. Freunde finden und müsste diese – wie früher ihren Analphabetismus – verbergen. Ihr Selbstmord ist auch ein stummer Hilfeschrei, dass sie sich von der Welt – besonders von Michael – verlassen fühlt.

3. Bewertung von Hannas Schuld bezüglich der 2 zentralen Anklagepunkte

I. Die Selektionen im Lager. Jeden Monat wurden aus Auschwitz ca. 60 neue Frauen geschickt und waren ebenso viele zurückzuschicken (102). Sie gibt zu, gewusst zu haben, dass sie die Frauen in den Tod schickte (106), und begründet das damit, ohne Mitgefühl zu zeigen, dass die alten Platz machen mussten für die neuen. Sie trägt nicht (aus Unwissenheit?) zur Entlastung vor, dass es einen Kommandanten, Wachmannschaften, weitere Aufseherinnen und klare Befehle von oben gab (109). Mitangeklagte und Hauptzeugin (Tochter) beschuldigen Hanna der persönlichen Selektion: ihre jungen, zarten Lieblinge, die ihr vorlesen mussten und die sie, ihrer überdrüssig, nach Auschwitz schickte (112). Um sie zu entlasten, fragt sich Michael, „ob sie die schwachen und zarten Mädchen gewählt hat, weil sie die Arbeit auf dem Bau ohnehin nicht verkrafteten, weil sie ohnehin mit dem nächsten Transport nach Auschwitz kamen und weil sie ihnen den letzten Monat erträglich machen wollte“ (113).

II. Kirchenbrand. Wachmannschaften und Aufseherinnen hatten nach KZ-Auflösung und Todesmarsch (Tod von 50% der Frauen) Hunderte gefangener Frauen in eine Kirche gesperrt, die nach Bombardierungen brannte. Da niemand die Kirchentüren aufschloss, verbrannten alle Frauen, außer eine Mutter und ihre Tochter, die über die KZ-Zeit ein Buch schrieb. Hanna leugnet zuerst, den Schlüssel zur Kirche gehabt zu haben (104), widerspricht sich aber später: „Wenn wir jetzt aufgemacht hätten und alle rausgerannt wären“. Sie verneint die Frage, ob sie Angst gehabt habe, im Falle der Flucht verhaftet und erschossen zu werden: „Wir hätten sie doch nicht einfach fliehen lassen können! Wir waren doch dafür verantwortlich“ (122).

Eigenes Urteil (in Kenntnis von Hannas Persönlichkeit + Analphabetismus)

Zu I. Nur bedingt schuldig, da sie als Analphabetin keine führende Rolle im KZ gespielt hat und nur durch schlechte Verteidigung als Haupttäterin erscheint. Ihr Einfluss auf die Selektion war wohl sehr begrenzt. Dass sie den Frauen aus Mitleid ihre letzten Lebenstage bewusst ‘versüßt’ habe, ist wegen ihrer o.a. Persönlichkeitsstruktur unwahrscheinlich.

Zu II. Eindeutig schuldig, da sie auch als Analphabetin die Kirche hätte aufschließen können und müssen, dies aber ohne Zwang unterlässt, da ihr ihre Rolle als KZ-Aufseherin (die einzige, die ihr Macht und Respekt gab) wichtiger als Menschenleben war. Noch im Prozess hat sie diese Rolle weder abgelegt, noch die Dimension ihrer Verbrechen erfasst.

Wegen ihrer starken Persönlichkeitsstörungen und geringen Bildung ist sie zwar insgesamt nur eingeschränkt schuldfähig (Hannah Arendt: „Banalität des Bösen“). Trotzdem wäre wegen des 2. Anklagepunktes eine Haftstrafe von 8-10 Jahren angemessen. Eine geringere Haftstrafe erscheint – besonders 1966 – mit Rücksicht auf die Millionen Opfer und die entsetzte Öffentlichkeit nur schwer vermittelbar. Heute – nach über 70 Jahren Abstand – wäre ggs. ein milderes Urteil möglich – gestützt auf ein psychiatrisches Gutachten wegen verminderter Schuldfähigkeit.

2. Aufgabe: Analyse von Kapitel 8 (Teil I), S. 33-37

1) Kurze Hinführung zu Kapitel 8

Michael lernt Hanna zufällig kennen, da sie ihm hilft, als er sich wegen Gelbsucht übergeben muss. Nach seiner Genesung will er sich bei ihr bedanken, sieht durch einen Türspalt fasziniert ihren sehr weiblichen Körper u. läuft zunächst voller Scham weg (16).  

Als er schließlich wieder zu ihr kommt, verführt Hanna ihr 15-jähriges „Jungchen“ (27) sexuell. Michael glaubt, sich in Hanna verliebt zu haben, fühlt sich kraftvoll u. überlegen u. will dies gegenüber Mitschülern u. Lehrern zeigen. Nach kurzer Diskussion in der Familie erlaubt ihm sein Vater, wieder zur Schule gehen.

2) Analyse von Kapitel 8 (Teil I)      

Michael schwänzt die letzte Stunde in der Schule, damit er und Hanna sich vor dem Mittagessen duschen und lieben können (33).  

Sie ist von „peinlicher Sauberkeit“, was ihren unbewussten Drang zeigt, sich von ihrer Schuld (Vergangenheit) reinzuwaschen. Er ist von ihrer sexuellen Freizügigkeit und Ausstrahlung ganz gefangen. Ihre Dominanz zeigt sich beim fast täglichen Sex mit ihm, da sie meist von ihm Besitz ergreift (33) und sich „zu ihrem spielerischen Vergnügen“ an Michael Lust macht (34). Auch er lernt, von ihr Besitz zu ergreifen, aber nie ganz (34). Beim Sex stößt sie „einen tonlos schluchzenden, gurgelnden Schrei aus“ (34), der ihn zuerst erschreckt, denn er später begierig erwartet.

Nach einer Woche fragt Michael sie, wie sie heiße (35), was sie sofort misstrauisch werden lässt, da sie Angst vor der Aufdeckung ihrer Vergangenheit hat. Dann sagt sie ihren Vornamen und lacht, um die peinliche Situation zu überspielen (36). Dann fragt sie ihn nach seinem Namen, den er ihr sagt, aber sich über ihre Frage wundert, da sein Name ja auf seinen Heften und Büchern steht.

Sie wiederholt mehrfach seinen Vornamen, bleibt aber bei „Jungchen“ (35), was zeigt, dass sie ihn nicht als gleichberechtigt ansieht. Als er sagt, dass er Schüler sei, fragt sie, ob er 17 sei, wohl um ihre Verführung eines Minderjährigen zu verdrängen, und ist froh, dass Michael zu stolz ist zuzugeben, dass er 2 Jahre jünger ist.

Auf ihre Nachfrage sagt er, dass er sowieso sitzen bleibe, da er zu viel wegen Krankheit und Schwänzen versäumt habe und nun „wie blöd arbeiten“ müsste (36). Daraufhin wird sie sehr wütend und schreit ihn an: „Raus aus meinem Bett. Und komm nicht wieder, wenn du nicht deine Arbeit machst.“ (36).

Nackt spielt sie ihm ihre „blöd(e)“ Rolle als Straßenbahnschaffnerin vor („Zweimal Rohrbach“ – „Wer hat noch keinen Fahrschein?“, und wirft ihm vor, er wisse nicht, „was blöd ist“ (36). Hanna meint es gut mit ihrem „Jungchen“, jedoch überträgt sie ihre Ängste als Analphabetin, die stets Angst um ihren Arbeitsplatz hat, völlig überzogen auf ihn – den Professorensohn! Da sie mit Liebesentzug droht, falls er nicht täglich lerne, füllt sie die angenommene Mutterrolle unangemessen aus und vermischt sie mit ihrer Rolle als dominanter Liebespartnerin sowie misstrauischer, unerkannter Analphabetin und KZ-Aufseherin.

Michael entschuldigt sich sofort u. verspricht, seine Arbeit zu machen. Er sagt, er könne es aber nur schaffen, wenn er sie sehen dürfe, weil er sich nicht traut zu sagen „Ich liebe dich!“ (37).  

Hanna bietet ihm an, nach ihrer Hauptschicht zu kommen, wenn er vorher arbeite. Michael steht nackt vor ihr, und sie kommt ihm in ihrer Uniform sehr abweisend vor. Er fragt sich, ob es ihr um ihn oder um sie gehe, ob sie gekränkt sei, dass ihm seine viel bessere Arbeit „blöd“ vorkomme, und ob er ihr Geliebter oder etwas anderes für sie sei (37). Auch auf seine Umarmung reagiert sie nicht. Dies zeigt, dass diese Beziehung eigentlich nur auf Sex beruht, da beide einander nicht wirklich verstehen und besonders Hanna ganz egozentrisch, voller Ängste u. Komplexe ist und überhaupt kein Verständnis für Michaels Gefühle aufbringen kann.

3) Folgen und Bedeutung dieses Kapitels für den weiteren Verlauf des Romans  

Auch im weiteren Verlauf ihrer Beziehung in Teil I des Romans zeigt sich, dass beide „keine gemeinsame Lebenswelt“ haben (75). Vielmehr gibt sie Michael den Platz in ihrem Leben, den sie ihm geben will. Er lässt sich von ihr immer wieder erniedrigen und bettelt um Sex, da er ihr sexuell hörig ist. Deshalb geht die Beziehung schließlich zu Ende, als Mädchen in seine neue Klasse kommen und Hanna die Stadt fluchtartig verlässt, als ihr eine Stelle als Fahrerin angeboten wird, bei der ihr Analphabetismus entdeckt würde. Michael leidet lebenslang psychisch unter dieser frühen und problematischen Sexualbeziehung und schreibt dieses Buch u. a. deshalb, um sich davon zu befreien.

3. Aufgabe: Analyse von Kapitel 9 (Teil I), S. 39, letzter Absatz bis S. 44 Ende

1. Kurze Hinführung zu Kapitel 9

Michael lernt Hanna zufällig kennen, da sie ihm hilft, als er sich wegen Gelbsucht übergeben muss. Nach seiner Genesung will er sich bei ihr bedanken, sieht durch einen Türspalt fasziniert ihren sehr weiblichen Körper u. läuft zunächst voller Scham weg (16).   

Als er schließlich wieder zu ihr kommt, verführt Hanna ihr 15-jähriges „Jungchen“ (27) sexuell. Ihre Dominanz zeigt sich beim fast täglichen Sex mit ihm, da sie meist von ihm Besitz ergreift und sich an ihm Lust macht (33).

Als er ihr sagt, dass er „sowieso sitzen“ bleibe (36), ist sie sehr böse. Nackt spielt sie ihm ihre „blöd(e)“ Rolle als Straßenbahnschaffnerin (36) vor, wobei sie ihre Ängste als Analphabetin, die stets Angst um ihren Arbeitsplatz hat, völlig überzogen auf ihn – den Professorensohn! – überträgt. Sie droht mit Liebesentzug, falls er nicht täglich lerne.  

2. Analyse von Kapitel 9 (Teil I)   

Hanna lebt nur „aus der Situation“ (40) heraus. Auf Fragen nach ihrer Vergangenheit sagt sie zwar, dass sie in „Siebenbürgen aufgewachsen, mit 17 nach Berlin gekommen (und) Arbeiterin bei Siemens geworden“ (40) sei. Jedoch behauptet sie, sie sei „mit 21 zu den Soldaten geraten“ (40), was nicht stimmt, da sie aus Angst vor Aufdeckung ihres Analphabetismus’ „freiwillig zur SS gegangen“ (90) ist.

Sie ist 36, verleugnet aber ihre Familie und erzählt aus ihrem Leben wie eine Fremde, was zeigt, dass ihre gesamte Kindheit und Jugend sehr negativ für sie verlaufen ist. Weitere Fragen Michaels nach dem Verbleib ihrer Eltern und Geschwister oder ihrer Arbeit bei den Soldaten verweigert sie bzw. beantwortet sie mit der abwehrenden Gegenfrage: „Was du alles wissen willst, Jungchen!“ (40).

Natürlich macht Michael keine Zukunftspläne, aber er nimmt regen Anteil an den Beziehungen der Geschlechter bei den Deutschlektüren und verteidigt gegenüber seiner Schwester z.B. die mögliche Liebesbeziehung zwischen Goethe und Frau von Stein.

Michael stellt sich vor, wie ihre „Beziehung in 5 oder 10 Jahren aussehen könne“ (41). Hanna dagegen mag nicht bis Ostern – bis zu ihrer gemeinsamen Radtour – denken. Während er bei einer Reise mit seiner Mutter um sein eigenes Zimmer kämpft, will er mit Hanna ein gemeinsames Zimmer nehmen, da es ihn stolz macht, sich mit ihr zu zeigen (41). Er staunt selbst, „wieviel Sicherheit Hanna (ihm) gegeben hat“ (41). Sein Schulerfolg beeindruckt die Lehrer und verschafft ihm Respekt. Auch die Mädchen mögen sein sicheres Auftreten, und er fühlt sich in seinem Körper – im Gegensatz zu früher (39) – wohl. Allerdings verschwimmen seine Erinnerungen etwas, da seine Tage damals unglaublich ausgefüllt sind. Neben den regelmäßigen Treffen mit Hanna arbeitet Michael wie besessen am Schreibtisch, um den versäumten Unterrichtsstoff nachzuholen (42). Die Treffen mit Hanna sind meist am Nachmittag, jedoch bleibt Michael länger und kommt nicht zum Abendessen nach Hause, weil er beginnt, ihr vorzulesen.

Hanna fragt zunächst, was er in der Schule lerne, und lässt sich lateinische, griechische Texte und dann auch Deutschlektüren (u.a. „Emilia Galotti“, 43) vorlesen. Da er danach oft müde ist, fordert er sie auf, selbst zu lesen, was sie aber mit Hinweis auf seine schöne Stimme zurückweist.

Am nächsten Tag verweigert sie ihm den Kuss, da er zuerst vorlesen müsse. Dann erst lässt sie ihn unter die Dusche und in ihr Bett. Dadurch entwickelt sich das Ritual ihrer Treffen: „Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bisschen beieinanderliegen“ (43). Für Hanna als Analphabetin ist das Vorlesen sehr wichtig, zumal sie fürchten muss, dass Michael nach dem Sex nicht mehr vorlesen möchte.   

Danach kommt das Duschen, d.h. das Reinwaschen der früheren und jetzigen Schuld (als KZ-Aufseherin und Verführung des 15-jährigen Michael). Liebe ist für Hanna gleichbedeutend mit Sex. Daher kommt das „ein bisschen Beieinanderliegen“ (43), nämlich wirkliche Zärtlichkeit, Nähe und damit Liebe, an letzter Stelle.

Hanna ist beim Vorlesen eine aufmerksame Zuhörerin und nimmt durch spontane Äußerungen regen Anteil an der Handlung. Michael liest länger, um in der Dämmerung mit ihr im Bett zu sein. Wenn sie eingeschlafen ist, ist er scheinbar „vollkommen glücklich“ (44).

3. Folgen und Bedeutung dieses Kapitels für den weiteren Verlauf des Romans  

In diesem Kapitel werden alle Höhen und Tiefen der Beziehung zw. Hanna und Michael deutlich. Hanna erzählt aufgrund ihres Analphabetismus’ und ihrer Vergangenheit als KZ-Aufseherin Michael so wenig wie möglich über ihre Vergangenheit, was aber keine tiefere Beziehung ermöglichen kann. Michael scheint von der Beziehung zu Hanna zu profitieren, da er viel selbstbewusster gegenüber der Umwelt auftritt.  

Jedoch muss auch er seine Beziehung gegenüber anderen verbergen und er unterwirft sich Hannas Ritual, da er ihr gegenüber sexuell hörig ist. Hanna ist trotz ihres Analphabetismus’ intelligent genug, um großes Interesse an Literatur zu zeigen, und lernt auch später mit Hilfe von Michaels besprochenen Kassetten lesen und schreiben. Michaels scheinbar vollkommenes Glück ist letztlich eine Illusion, da die Beziehung infolge ihrer gegensätzlichen Lebenswelt zum Scheitern verurteilt ist und er im weiteren Verlauf von Hanna immer wieder gedemütigt wird, so dass eine fast lebenslange Abhängigkeit sowie Verletzung und Schuldgefühle Michaels die Folge sind, die alle seine späteren Beziehungen negativ beeinflussen und ihn gefühlskalt werden lassen.

4. Aufgabe: Analyse von Seite 53, Z.20 – Seite 57, Z.22

1. Einordnung des Romanauszugs in Handlungszusammenhang + Bedeutung für Fortgang der Handlung

Hanna hat Michael sexuell verführt und bindet ihn mit einem Ritual völlig an sich. Ihre Drohung mit Liebesentzug spornt ihn zwar an, aber zwingt ihn auch, sich zu erniedrigen und sich bei ihr für nicht begangene Fehler zu entschuldigen, was seine sexuelle Hörigkeit zeigt.

Michael möchte deshalb einmal länger mit Hanna zusammen sein und unternimmt mit ihr eine Osterradtour, auf die besonders er sich so sehr freut, dass er die vielen Anzeichen von Hannas Analphabetismus’ nicht erkennt. Ihre Liebe zueinander ist jetzt viel zärtlicher, jedoch zeigt Hanna auch hier ihre brutale Seite und ihre unkontrollierten emotionalen Ausbrüche, die Michael von Zuhause völlig fremd sind. Zugleich erlebt er auch die verletzliche, hilflose Hanna, wobei im Folgenden immer deutlicher wird, dass beide „keine gemeinsame Lebenswelt“ (75) haben. Deshalb ist das Scheitern dieser ungleichen Beziehung nur noch eine Frage der Zeit.

2. Untersuchung des Romanauszugs besonders bezüglich Hannas Persönlichkeit und dynamischer Beziehung zwischen Hanna und Michael

Michael hat sich riesig auf das intime Zusammensein mit ihr gefreut, wobei sie neben Sex auch liebevoll zu ihm ist („hielt mich in ihren Armen“, 53). Sie überlässt ihm die Wahl der Gasthöfe, die Anmeldung und Wahl des Essens, um so geschickt ihren Analphabetismus zu verbergen.

Als Michael ihr einen Zettel auf den Nachttisch legt, um ihr mitzuteilen, dass er für sie Frühstück hole, gerät sie in Panik, da sie Angst hat, dass er sie verlassen habe, und schlägt ihn aus Verzweiflung brutal mit dem Ledergürtel ins Gesicht. Gleich darauf weint sie aus Hilflosigkeit und stößt „krächzende, kehlige Laute“ (54) wie beim Sex aus. Dies wirkt auf ihn so befremdlich, dass er sie nicht in den Arm nimmt, da man beim ihm zu Hause nicht so weint. Auch redet man bei ihm, statt zu schlagen. Zur Versöhnung schlafen sie miteinander. Im folgenden Gespräch gibt es aber keine Klärung, da sie ihm ihre Ängste verheimlichen und die Existenz des Zettels leugnen muss, um ihren Analphabetismus zu verbergen.

Abweichend vom Ritual lässt sie sich am Ende noch etwas vorlesen, was zeigt, dass jetzt die Beziehung nicht mehr so zwanghaft ist. Der Streit hat „ihr Verhältnis zueinander inniger gemacht“ (56). Sie weint und zeigt Gefühle, ist nicht nur stark, sondern auch „zart“ und sanft (56f.).

Sie lieben sich auch anders, da sie beim Sex nicht nur egoistisch sind (57), sondern auch die Wünsche des anderen berücksichtigen. Diese Nähe und ungewohnte Gleichberechtigung in der Beziehung drückt Michael im seinem Gedicht am Schluss des 11. Kapitel aus.

Er beschreibt hier lyrisch, was beim Sex mit ihnen geschieht. In der 1. Strophe „öffnen“(Z.1) sich beide einander, „versinken“ (Z.3) und „vergehen“ (Z.5), was auf Untergang und Vergänglichkeit ihrer Liebe hinweist. Dann, aber nur dann sind beide sie selbst und brauchen sich nicht zu verstellen, ihre Gefühle zu unterdrücken, den anderen zu demütigen bzw. sich zu unterwerfen.

Hanna zeigt hier am Schluss auch positive Seiten, jedoch kann sie nur beim Sex darauf verzichten, die starke Hanna zu sein, die in Wahrheit jedoch große Ängste hat und immer ihren Analphabetismus und ihre KZ-Vergangenheit verbergen muss. Aber auch Michael kann sich nur beim Sex der sonstigen demütigenden Dominanz Hannas entziehen. Sein Gedicht drückt indirekt die Perspektivlosigkeit ihrer Liebe aus, die infolge ihrer völlig unterschiedlichen Lebenswelt (75) schnell an Michaels Hinwendung zu seinen Mitschüler/-innen und Hannas vorgesehener Ausbildung zur Fahrerin scheitert, die ihren Analphabetismus aufdecken würde.

5. Aufgabe: Analyse von Teil III, Kap. 8 (184-188)

1.1. Vorgeschichte von Teil III, Kap.8  des Romans

Michael heiratet Gertrud, lässt sich aber bald wieder scheiden. Auch wird er Professor für Rechtsgeschichte des 3. Reichs, was zeigt, wie sehr ihn seine Vergangenheit mit Hanna beeinflusst. Er beginnt, Hanna auf Kassetten vorzulesen, mit deren Hilfe sie lesen und schreiben lernt. Auf ein Schreiben der Anstaltsleiterin, dass Hanna infolge ihres Gnadengesuchs bald entlassen wird und er sie vorher besuchen solle, reagiert er zunächst nicht. Erst als sie ihn anruft und ihn bittet zu kommen, da Hanna in einer Woche entlassen werde, besucht er sie zum 1. Mal im Gefängnis.

2.1. Analyse besonders des Dialogs im Romanauszug

Als er eine Frau auf der Bank im Freien sitzen sieht, ist er unsicher, ob dies Hanna ist, denn er sieht „graue Haare, ein Gesicht mit tiefen senkrechten Furchen“ „und ein schwerer Leib“ (184). Hanna schaut ihn erwartungsvoll an, freut sich zunächst, als sie ihn erkennt, und sucht vergeblich sein Gesicht nach positiven Reaktionen ab. Daher ist sie unsicher, verletzt, und ihre Freude erlischt. Als er neben ihr sitzt, setzt sie ein „freundliches, müdes Lächeln“ (185) auf und nimmt seine Hand.

Früher roch sie „frisch gewaschen“, „nach frischer Wäsche“, „frischem Schweiß oder „frisch geliebt“ (185). Er liebte ihre Gerüche all ihrer Körperteile. Jetzt riecht er nur noch „eine alte Frau“ (186), was er von Altersheimen kennt und wofür Hanna noch zu jung ist.

Michael rückt näher und versucht freudig zu sagen, er freue sich, dass sie rauskäme. Ihr fragendes „Ja?“ (186) signalisiert jedoch, dass sie ihm dies nicht glaubt. Er fügt hinzu, dass er sich freue, dass sie in der  (nicht: seiner!) Nähe sein werde, und berichtet von den kulturellen und sozialen Angeboten, und dass er Wohnung und Arbeit für sie gefunden habe. Eher distanziert fragt er, ob sie viel lese. Eher ausweichend antwortet sie: „Es geht so.“, „vorgelesen bekommen“ sei „schöner“ (186), womit jetzt aber wohl Schluss sei, wobei sie ihn ohne große Hoffnung ansieht, da ihr klar ist, dass ihr sehnlichster Wunsch nicht in Erfüllung gehen wird.

Mit der scheinbar rhetorischen Gegenfrage, warum damit Schluss sein solle, versucht er wenig überzeugend auf ihren Wunsch einzugehen. Allerdings weiß er selbst, dass er ihr weder vorlesen, noch sie treffen wird.

Zwar spricht er voller Bewunderung davon, dass sie lesen gelernt und ihm „so schöne Briefe geschrieben“ (186) habe, jedoch spürt er, wie dürftig dies ist, da er ihr bisher weder geantwortet, noch sie besucht hat. Er hat Gewissensbisse, da er ihr – in Umkehrung ihres früheren Verhältnisses (75) – nur „eine kleine Nische zugebilligt“ hat, „aber keinen Platz in (s)einem Leben“ (187).

Um dies zu überspielen, fragt er sie, ob sie nie an ihre Taten im KZ während ihres Zusammenseins gedacht habe. Sie reagiert darauf mit einer ablenkenden Gegenfrage, ob ihn das sehr beschäftige. Dann sagt sie, dass „sie ohnehin keiner versteht, dass keiner weiß, wer ich bin und was mich hierzu und dazu gebracht hat.“ (187). Das Gericht könne nicht Rechenschaft von ihr verlangen, nur die Toten, die hier jede Nacht gekommen seien. Mangels einer sinnvollen Antwort fragt sie, ob er verheiratet sei (188). Er erwidert, dass er von seiner Ex-Frau Gertrud seit vielen Jahren geschieden sei und ihre Tochter im Internat lebe. Da sie entgegen seiner Erwartung dazu ebenfalls schweigt, schlägt er vor, sie nächste Woche abzuholen. Sie stimmt zu, möchte aber nur „ganz still“ (188) abgeholt werden, wieder ein Hinweis auf ihren Suizid. Michael nimmt sie am Schluss in den Arm, aber sie fühlt sich für ihn nicht richtig an, was ihre Distanz zueinander zeigt.

Hannas „Machs gut, Jungchen“ (188) zum Abschied klingt endgültig und nicht wie ein Wiedersehen in der nächsten Woche. Zugleich versucht sie wieder, mit der Anrede „Jungchen“ an frühere Zeiten anzuknüpfen. Zu einer gleichberechtigten Anrede mit Vornamen scheint sie immer noch nicht fähig. Die resignative Stimmung am Schluss deutet auf Hannas tragisches Ende hin.

2.2. Bedeutung von Teil III, Kap.8 des Romans und Folgen für weiteren Romanverlauf

Michael nimmt nach ihrem Selbstmord Hannas Testament – die Teedose mit 7.000 Mark – an sich und sucht die Tochter, die den Brand in der Kirche überlebt hat und für die das Geld bestimmt ist, in New York auf. Als diese Hanna heftig für ihre Brutalität und die Folgen für Michaels Scheitern seiner Beziehungen zu Frauen kritisiert, verteidigt er sie sogar gegenüber dieser Frau. Hanna lässt ihn auch danach nicht los, da er sich fragt, ob er für ihren Selbstmord verantwortlich ist. Er schreibt diesen Roman, um seine Vergangenheit mit Hanna zu bewältigen, und hat seinen Frieden mit ihr gemacht. Wenn er jedoch verletzt wird, dann kommen die damaligen Verletzungen und Schuldgefühle wieder hoch.

3. Bedeutung von Teil III, Kap.8 des Romans und Folgen für weiteren Romanverlauf

Michael nimmt nach ihrem Selbstmord Hannas Testament – die Teedose mit 7.000 Mark – an sich u. sucht die Tochter, die den Brand in der Kirche überlebt hat und für die das Geld bestimmt ist, in New York auf. Als diese Hanna heftig für ihre Brutalität u. die Folgen für Michaels Scheitern seiner Beziehungen zu Frauen kritisiert, verteidigt er sie sogar gegenüber dieser Frau. Hanna lässt ihn auch danach nicht los, da er sich fragt, ob er für ihren Selbstmord verantwortlich ist. Er schreibt diesen Roman, um seine Vergangenheit mit Hanna zu bewältigen, und hat seinen Frieden mit ihr gemacht. Wenn er jedoch verletzt wird, dann kommen die damaligen Verletzungen und Schuldgefühle wieder hoch.


5. Anna Seghers: Das siebte Kreuz (1946)

1. Aufgabe: Analysieren Sie den Romanausschnitt von S.220-226 (= Ende des 4. Kapitels, IV)

Schüler/-in

1. benennt äußere Publikationsdaten (Autorin, Gattung, Entstehungszeit, Epoche, Spielort u. -zeit, Thema) u. stellt Roman als literarisches Beispiel für politisch engagierte deutsche Exilliteratur (DDR: sozialistischer Realismus) dar.

2. gibt Ausgangssituation (Vorgeschichte + Thematik) des vorliegenden Romanauszugs wieder, z.B.: 7 Häftlinge fliehen aus KZ Westhofen. Nach kurzer Zeit verhaftet Gestapo 4 der Männer, der 5. stürzt sich in den Tod, Neben Füllgrabe und Aldinger bleibt nur Georg Heisler (G.) übrig, der seinen Verfolgern immer wieder im letzten Moment entkommt. Obwohl an der Hand verletzt, gelingt ihm mit dem Diebstahl einer Lederjacke und mit Hilfe eines LKW-Fahrers die Flucht nach Mainz, wo er sich im Dom versteckt. Der Pfarrer entdeckt seine Häftlingskleidung, verschweigt dies aber. G. lässt seine Wunde bei jüdischem Arzt behandeln und tauscht mit einem Schiffer seine Lederjacke gegen einen Pullover. Fritz Hellweg leugnet, der Besitzer der gefundenen Lederjacke zu sein, um G. zu schützen. G.s Freundin Leni ist jetzt Frau eines Nazis und weist ihn ab. Von Bellonis Schneiderin, Frau Marelli, erhält er Kleidung und 8 Mark. Als er angstvoll in Frankfurt umherirrt, trifft er auf Füllgrabe, der ihm schon eine Zeitlang heimlich gefolgt ist.

Thema des Auszugs: Füllgrabe will G. zur Aufgabe überreden, was dieser ablehnt. G. fällt in seiner Angst Paul Röder als Retter ein.

3. erklärt Bedeutung der Szene für weiteren Handlungsverlauf, z.B.: Paul bedeutet Gs. Rettung, da P., ihm Unterkunft gewährt und unter Lebensgefahr Kontakt zum Arbeitskollegen Fiedler aufnimmt, der G. hilft. P. bringt G. unter falschem Namen bei seiner Tante Katharina Grabbe und dann zum Ehepaar Kreß, das ihn nach Kostheim bringt, um mit falschen Papieren an Bord zu gehen. In einem Gasthof verbringt er die Nacht bei der Kellnerin Toni (Schutz vor SS), bevor ihm die Flucht nach Holland gelingt.

4. erläutert Figurenkonzeption und -konstellation der Szene (Interpretation): F. sagt zu G.. mit Hinweis auf Fahndungsfotos in der Zeitung, dass er sich der Gestapo stellen wolle, da alle außer F., G.. und Aldinger (den er abwertend „Großopa“ nennt und der sicher bald tot sei) schon gefangen seien. G. reagiert zuerst abweisend und bezweifelt dessen Identität. G. ruft zwar „Nein“, da man Wallau nicht fangen könne, weiß aber, dass F. Recht hat. Ironisch-abwertend nennt F. ihn „Lieber, lieber G.“. Er sei von Wallaus Verrücktheiten geheilt und gebe auf, was das Vernünftigste sei, da man doch gefangen werde. Denn dann drohe ihnen Schlimmes auf KZ- „Tanzplatz“.

G. spürt lähmendes Entsetzen, was F. sieht u. zum Anlass nimmt, G. aufzufordern mitzukommen, was das Beste sei und Gottes Fügung (ironische Kirchenkritik). G. ruft verzweifelt, dass F., nicht er verrückt sei. Wieder nennt F. ihn herablassend-verniedlichend „Bürschchen“ und „Freundchen“, da er sonst kaputtgehen werde. Untertreibend sagt F., Welt habe sich „ein ganz klein bisschen verändert“ (222), daher sei es das Allerschlaueste und die einzige Rettung mitzukommen. G. nennt ihn hilflos wieder „vollkommen verrückt“ (222). Als sich F. resigniert von G. verabschiedet, fleht G. ihn an, nicht so was Wahnsinniges“ zu tun. Auch F. wird traurig und bittet ihn mitzukommen, es sei „grässlich, allein dort hinzugehen“ (223). Als F. bestürzt wegläuft, überfällt ihn ein Anfall von Todesfurcht, schlimmer als im KZ. In innerlich erlebter Rede mit Wallau gelingt es G., sich zu beruhigen. W. „sagt“ zu G., dass es im Span. Bürgerkrieg nicht anders sei, was G. bestreitet, da man dort nicht einsam sei (224).Verzweifelt fragt G. sich, wie er ohne Geld weiterkommen solle, auch hinter der Grenze könne er aufgegriffen werden, wobei er jetzt schon zu schwach sei. Hier in der Stadt kenne er Menschen, wobei es außer Leni, die ihn abgewiesen habe, noch andere geben müsse. Er weiß, dass er nicht zu Verwandten, Freunden und Helfern gehen kann, da alle bewacht würden. Franz Marnet sei der Rechte, aber „weit weg“ (225). Nur 4 davon könnten ihm Unterkunft gewähren, wobei ein anderer, Unverdächtiger für ihn hingehen müsse, der alles für G. tue. Nur der jüngere Paul Röder, mit dem er früher stets zusammen war, bis er zu Franz zog, komme dafür in Frage. G. beschließt, „zu den Röders zu gehen“ (226) und ihn um Hilfe zu bitten.

5. beschreibt Erzählsystem des Ausschnitts (Erzählform, -haltung + Darbietungsformen), z.B. Er-Sie-Erzählform (Erzählerin tritt in den Hintergrund), statt Ich-Form, wodurch Distanz, nicht Identifikation mit Handeln der Figuren erzeugt wird; neutrale Erzählhaltung (szenisches Erzählen, ohne Kommentare) + personale Erzählhaltung (S.220u,221m.,223f.), um Authentizität und Gefühlslage der Personen darzustellen. Darbietungsformen/Figurenrede: neben Erzählerbericht oft direkte Rede (glaubwürdiger, lebendiger) u. innerer Monolog/Dialog (Ich-Form) und erlebte Rede (Er/Sie-Form), um Gedanken und Empfindungen aus personaler und eher distanzierter Sicht zu zeigen.

6. analysiert sprachliche Gestaltungsmittel der Szene + Wirkungen: direkte Rede (lebendig, anschaulich), (z.T. rhetorische) Fragen (Überredung), Anaphern (eindringlich 220ff.) Ellipsen (viel Unausgesprochenes), (zufällige) Alliterationen (keine Harmonie), meist Hochsprache (gebildete Personen), Emphase (Leidenschaft!), Correctiones (220, Unsicherheit), Verniedlichungen (222o.), Übertreibungen (S.222), Untertreibungen („Diese Welt hat sich ein ganz klein bisschen verändert“, 222o.). Befehle (S.222), ironische Abwertungen („Großpapa“; „Lieber, lieber Georg“, 220m.+u.). Viel alltägliche u. einprägsame sprachliche Bilder, die oft auch Personifikationen sind („Die Welt ist gegen dich“, 221o.), Neologismen („Narrentanz“, „ausgewundert“, 221o.), Beschönigungen („Tanzplatz“, 221m).  

7. ordnet Roman in historischen Kontext seiner Entstehungszeit ein, z.B.: willkürliche Verhaftung, Ermordung und totale Überwachung durch Gestapo, KZs zur Unterbringung von Regimegegnern (Dachau,136), Einschüchterung + Bedrohung in Verhören, Blockwarte als Spitzel, HJ (45), Verbot von Parteien + Gewerkschaften, keine Grundrechte, kommunistischer + kirchlicher Widerstand (Pfarrer), Bedrohung von Juden (Dr. Löwenstein), Zerstörung der Familienbande (SA-, SS-Familienmitglieder), Spanischer Bürgerkrieg, DAF (41), NS-Bev.-Politik, SS-Bräuteschule (398), NS-Justiz (Volksgerichtshof ,271), NS-Volkswohlfahrt (237), Hitler-Gruß etc.

8. bewertet Inhalt und Gestaltung des Romans bezüglich Autorabsicht, Wirkung + Aktualität: Widmung für tote und lebende Antifaschisten in Deutschland (5), einer der größten Bucherfolge weltweit (besonders in der DDR), weltberühmtes Dokument gegen Faschismus, Zahl 7, heidnisch-magisch (7 Tage, 7 Häftlinge, 7 Kreuze), episodenartige, simultane Erzählweise (Filmtechnik), 3 Zeitebenen (Prolog, Flucht, Epilog), viele Anspielungen an Bibel (Wallau = leidender Jesus), leeres 7. Kreuz als Triumph über NS (Widerstand möglich), Kritik an Christentum (Jesus am Kreuz), das NS nicht verhindert hat; Umkehrung von Adam + Eva im Paradies (Mann bietet Äpfel an, 245f.); Aktualität heute begrenzt, Judenverfolgung + Holokaust kommen kaum vor, sondern (meist kommunistischer) Widerstand.

9. setzt sich mit Möglichkeiten/Grenzen der Wirkung des Romans/politisch engagierter Literatur auseinander: Verweis auf Fiktionalität von Literatur, Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen (In- und Ausland, Zeitgeist, Instrumentalisierung), Adressatenkreis, gesellschaftlicher Einfluss von Dichtern (DDR!), Sensibilisierung für eigene Werthaltungen, gesellschaftliches Handeln etc.

2. Aufgabe: Analysieren Sie den Romanausschnitt von S. 235, letzte Zeile - S. 242 ( = Ende des 4. Kapitels, V)

Schüler/-in

1. benennt äußere Publikationsdaten (Autorin, Gattung, Entstehungszeit (vor 2. WK), Epoche, Spielort und -zeit, Thema) und stellt Roman als literarisches Beispiel für politisch engagierte deutsche Exilliteratur (DDR: sozialistischer Realismus) dar.

2. gibt Ausgangssituation (Vorgeschichte + Thematik) des vorliegenden Romanauszugs wieder, z.B.: 7 Häftlinge fliehen aus KZ Westhofen. Nach kurzer Zeit verhaftet Gestapo 3 der Männer, der 4. stürzt sich in den Tod, Neben Füllgrabe und Aldinger bleibt nur Georg Heisler (G.) übrig, der seinen Verfolgern immer wieder im letzten Moment entkommt. Obwohl an der Hand verletzt, gelingt ihm mit dem Diebstahl einer Lederjacke u. mit Hilfe eines LKW-Fahrers die Flucht nach Mainz, wo er sich im Dom versteckt. Der Pfarrer entdeckt seine Häftlingskleidung, verschweigt dies aber. G. lässt seine Wunde bei jüdischem Arzt behandeln und tauscht mit einem Schiffer seine Lederjacke gegen einen Pullover. Fritz Hellweg leugnet, der Besitzer der gefundenen Lederjacke zu sein, um G. zu schützen. G.s Freundin Leni ist jetzt Frau eines Nazis und weist ihn ab. Von Frau Marelli, erhält er Kleidung und 8 Mark. Als er angstvoll In Frankfurt umherirrt, trifft er auf Füllgrabe, der ihm schon heimlich gefolgt ist. Trotz großer Verfolgungsangst gelangt G. zu Ps Wohnung. Zufällig trifft er im Treppenhaus P., der G. in seine Wohnung mitnimmt.

Thema des Auszugs: G. offenbart seine KZ-Flucht P., der ihn bei sich übernachten lässt und ihm trotz Lebensgefahr helfen will.

3. erklärt Bedeutung der Szene für weiteren Handlungsverlauf, z.B.: G. vertraut P., der unter Lebensgefahr Kontakt zum Arbeitskollegen Fiedler aufnimmt, der G. hilft. P. bringt G. unter falschem Namen bei seiner Tante Katharina Grabbe, wo er kurze Zeit arbeitet, und bringt ihn dann zum Ehepaar Kreß, das ihn nach Kostheim bringt, um mit falschen Papieren an Bord zu gehen. In einem Gasthof verbringt er die Nacht bei der Kellnerin Toni (Schutz vor SS), bevor ihm die Flucht nach Holland gelingt.

4. erläutert Figurenkonzeption und -konstellation der Szene (Interpretation): G. sitzt mit Ps Familie am Abendessentisch und stellt gegenseitige Freundschaft fest. Fragen nach Elli beantwortet er ausweichend und verrät sich fast. G. betont, sie hätten ja „allerlei fertiggebracht“ (236), womit er bewundernd-ironisch auf deren Kinderreichtum anspielt. P. lobt naiv NS-Bevölkerungspolitik (Vervier-fachung der Deutschen), staatl. Glückwunsch zur Geburt + Vergünstigungen und Lohnzulagen) und bewundert Politik des Führer aufs Höchste, was P. sarkastisch als größten Schwindel bezeichnet. Als G. P. auf seine Arbeit in der Rüstungsindustrie anspricht, tut P. „Krieg“ mit Redensart als normal ab (237). Er lobt unbekümmert den Kaffee, während G. verzweifelt über einen Unterschlupf sinniert. Laut P. habe G. „immer zum Spinnen geneigt“ (237u.) und zieht G. mit früheren Verrücktheiten auf (Verkauf von Mao-Bibeln). Die „Spanier“ seien auch ohne Ps. „Kapselchen“ (238) erledigt, womit er Arbeit in der Kriegsindustrie verharmlost. G. bittet P. um Nachtquartier angeblich wegen Hauskrachs, was P. sofort gewährt. P. wirft G. nun sinnlose Streitsucht vor - wie die „Spanier“. Die Ks. hätten es in Russland auch nicht geschafft, da „dort alles drunter und drüber geht“ (239). Als L. erfährt, dass G. hier wegen häuslichem Krach übernachten wolle, nennt sie ihn verwundert-ironisch „eine Nummer“. Ls. Vorwurf, dass P. von der Arbeit „schlagkaputt“ sei, kontert P. mit „Lieber Überstunden als Luftschutzübung“ (239). Auf Nachfrage Ps. nennt G. Streit wegen Sohn Heini als Grund. Laut P. sei Heini verrückt, seit man ihn mit SS gelockt habe, was G. bezweifelt und sich damit verrät. Als P. G. der Lüge bezichtigt, da er gar nicht von zu Hause käme, gesteht G., dass er von Westhofen geflohen sei. Da sie ihn totschlügen, wenn er gefasst würde, bietet P. ihm an zu bleiben, da er sich ahnungslos geben könne, was G. mit Rücksicht auf Gefahr für Ps. Familie ablehnt. Laut G. habe Gestapo schlimme Mittel. P. erwidert, dass G. ihm draußen lieber sei als bei ihm. G. will seine Leute finden, die sich laut P. in Löchern verkrochen hätten. P. verspricht, morgen zu ihnen zu gehen, um G. loszuwerden. G. sei „in den ganzen Wirbel nicht reingekommen“ (242), ohne fanatischen KPDler F., in den G. ganz vernarrt gewesen sei. G. verneint dies, denn, „das war stärker als alles andere“(242), womit er wohl KPD (oder Wallau?) meint, was P. mit Verständnislosigkeit quittiert, während er das Küchensofa für G. für die Nacht herrichtet.

5. beschreibt Erzählsystem des Ausschnitts (Erzählform, -haltung + Darbietungsformen): Er-Sie-Erzählform (Erzählerin tritt in den Hintergrund), statt Ich-Form, wodurch Distanz, nicht Identifikation mit Figurenhandeln erzeugt wird; neutrale Erzählhaltung (szenisches Erzählen, ohne Kommentare) + personale Erzählhaltung (S.238,240), um Authentizität und Gefühlslage der Personen darzustellen. Darbietungsformen/Figurenrede: neben Erzählerbericht oft direkte Rede (glaubwürdiger, lebendiger), innerer Monolog (238) u. erlebte Rede (Er/Sie-Form, 241), um Gedanken und Empfindungen aus personaler und distanzierter Sicht zu zeigen.

6. analysiert sprachliche Gestaltungsmittel der Szene + Wirkungen: direkte Rede (lebendig, anschaulich), (z.T. rhetorische) Fragen (Überredung), Anaphern + Epiphern (eindringlich, 238,241,242o.), Ellipsen (Unausgesprochenes), (meist zufällige), Alliterationen + Redensarten (Harmonie, Small-Talk), meist Hochsprache (gebildete Personen), Emphasen (236,241, Leidenschaft!), Verniedlichungen (237,238o.), Übertreibung (S.237m.), ironische Abwertungen (237,239). alltägliche und sprachliche Bilder, die oft auch Personifikationen sind („in der Klemme“, „eine Nummer“, 240), Neologismen („Eintopfsonntag“, 236o,237.) Dialekt („no und“,238), Pauls einfache Redeweise

7. ordnet Roman/Szene in historischen Kontext seiner Entstehungszeit ein, z.B.: willkürliche Verhaftung, Ermordung und totale Überwachung durch Gestapo, KZs zur Unterbringung von Regimegegnern (Westhofen,240), Einschüchterung + Bedrohung in Verhören (241), Blockwarte als Spitzel, HJ (45), Verbot von Parteien + Gewerkschaften, keine Grundrechte, kommunistischer + kirchlicher Widerstand, Bedrohung von Juden (Dr. Löwenstein), Zerstörung der Familienbande (SA-,SS-Familienmitglieder, 239f.), Spanischer Bürgerkrieg (237f.), NS-Bev.-Politik (236f.), Hitler-Gruß, Führer (236), NS-Volkswohlfahrt (237) etc.

8. bewertet Inhalt und Gestaltung des Romans bezüglich Autorabsicht, Wirkung + Aktualität: Widmung für tote und lebende Antifaschisten in D.(5), einer der größten Bucherfolge weltweit (besonders in DDR), weltberühmtes Dokument gegen Faschismus, Zahl 7, heidnisch magisch (7Tage, 7 Häftlinge, 7 Kreuze), episodenartige, simultane Erzählweise (Filmtechnik), 3 Zeitebenen (Prolog, Flucht, Epilog), viele Anspielungen an Bibel (Wallau = leidender Jesus), leeres 7. Kreuz als Triumph über NS (Widerstand möglich), Kritik an Christentum (Jesus am Kreuz), das NS nicht verhindert hat; Umkehrung von Adam + Eva im Paradies (Mann bietet Äpfel an, 245f.); Aktualität heute begrenzt, Judenverfolgung + Holokaust kommen kaum vor, sondern (meist kommunistischer) Widerstand.

9. setzt sich mit Möglichkeiten/Grenzen der Wirkung des Romans/politisch engagierter Literatur auseinander: Verweis auf Fiktionalität von Literatur, Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen (In- und Ausland, Zeitgeist, Instrumentalisierung), Adressatenkreis, gesellschaftlicher Einfluss von Dichtern (DDR!), Sensibilisierung für eigene Werthaltungen, gesellschaftliches Handeln etc.


6. Manfred Theisen: Checkpoint Jerusalem (2004)

1. Überblicksinformation

Manfred Theisens Roman “Checkpoint Jerusalem” (2004) spielt im April 2002 in Bethanien und im nahe gelegenen Jerusalem. Er handelt von der kurzen Jugendliebe zwischen einem israelisch-jüdischen Mädchen und einem palästinensisch-christlichen Jungen, die an äußeren bürger-kriegsähnlichen Umständen, aber auch an unterschiedlicher Herkunft, Religion, Kultur, sozialer Schicht u.a. Einstellungen scheitert.

2. Charakteristik von Amer:

17 Jahre, christl. Palästinenser, wohnt mit Eltern (Hanan und George, streng katholisch, arbeitslos, arm, 58) in Bethanien in Sichtweise des Check-points Jerusalem, sehr guter Schüler, – spricht auch Hebräisch (13) will im Sommer Abitur (Tawjihi) machen, aber Schule zurzeit geschlossen, da Lehrer wegen Ausgangssperre nicht zur Schule können (19, Öffnung erst am Romanende, 191); ist daher oft im nahe gelegenen Waisenhaus, wo seine Freunde (u.a. seine stets eifersüchtige Ex-Freundin und Jamal, der ihn seinen „besten“ (109) Freund nennt) wohnen;

Charakterzüge: eher schüchtern (besonders bei Maya, was ihn ärgert, „Ich Idiot“, 73) ruhig, zurückhaltend, in Notsituationen aber entschlossen und selbstbewusst (Auto anhalten, 13), öfter aufbrausend (gegenüber Jamal und George), solidarisiert sich meist mit muslimischen Freunden, teilt aber nicht ihre radikalen Ansichten, will als vollwertiger Palästinenser zu gelten, („Richtig dazu gehöre ich eben doch nicht“, 162, „wir sind alle Palästinenser“,163). Er gerät in einen großen inneren Konflikt, als er vom geplanten Attentat erfährt und Maya ihm sagt, die Polizei anzurufen, sei kein Verrat. Für ihn ist die Vereitelung durch Mayas Vater doch Verrat. Da der 15-jährige Attentäter von Soldaten getötet wird, fühlt er sich „schuldig“ und will „die Israelis selbst killen“ (202). Eine Knieverletzung, die eine 2-wöchige stationäre Behandlung erfordert, rettet sein Leben (203). Er sieht die Zukunft eher pessimistisch (124, 167),

Gegenüber seinen muslimischen Freunden und George verleugnet er oft Maya (19, 78, 155, 194), da sie gegen Juden sind (s.u.), bekennt sich aber auch (92) und besonders am Ende zu ihr. Er lässt sich nichts gefallen „Ich weiß nicht, wer hier die falschen Freunde hat!“ (106), setzt sich für seine Freunde ein – auch gegen den Willen von George (z.B. bei Marie am Checkpoint, 102; wirft sogar mit Steinen auf Soldaten, 104), gegenüber Soldaten oft wütend, fürchtet sie aber, (53), flucht auf „Scheiß Israelis“ (74), kann auch aggressiv werden („ich hätte sie (kleinere Jungs, die Maya belästigen) doch verprügeln sollen, die verstehen keine andere Sprache“, 61), setzt sich gegen George durch, als er Maya sehen will (171), nimmt dafür Ohrfeige und Liebesentzug in Kauf, ohne ihn zu hassen; z.T. leicht beeinflussbar, glaubt Jamal, der Maya für Spitzel hält (80), – nicht abergläubisch (bezüglich Dschins, 143), mutig, wagt sich als erster in die Schule (145), aber nicht ‘lebensmüde’, rennt trotz Ausgangssperre raus, will sich von niemand vorschreiben lassen, was er zu tun hat (geht aber wieder rein), als er von Jamal bei seiner Ehre als Araber („arabisches Herz“,133) gepackt wird, möchte nicht als feige gelten, – lässt sich von Freunden nicht so leicht einschüchtern (ignoriert Todesdrohung Khalils für Verräter, 161), hat oft Streit mit Jamal, sie versöhnen sich aber wieder (109), kann auch sehr emotional werden (weint, 158, 162, 211), sonst hilfsbereit und liebevoll (29,43ff.) gegenüber Hanan und Marie, die er sehr schätzt und bei Ibrahims Tod versucht zu trösten (75), – grundsätzlich rücksichtsvoll gegenüber Jamals Religion, zeigt ihm aber deutlich, dass er dessen Missachtung seiner Religionsausübung nicht toleriert (20). Er zeigt die typisch ‘machohaften’ Verhaltensweisen seiner muslimischen Freunde und hat daher Probleme mit emanzipierten Mädchen wie Maya (s.u.).

Beziehung zwischen Amer und Maya

Kennenlernen bei Autopanne auf Weg nach Jerusalem (mit Marie und Sabreen, die zur Blutwäsche muss); beide mögen sich auf Anhieb;

Maya: Israelin und liberale Jüdin (lehnt Orthodoxe ab, wie ihre reichen Eltern, 117f.; Vater: Professor für Archäologie, 173) ist ca. 17, macht auch bald Abitur; wohnt im Bezirk Bet Hakerem in West-Jerusalem (85). Treffpunkt im arabischen Viertel von Alt-Jerusalem, da sie nicht erkannt werden möchte, – Väter dürfen nichts davon wissen (69) – und aus Angst vor Selbstmordanschlägen (59).

1. Treffen (5. Kapitel)

Sie streifen durch Altstadt, unterhalten sich aber meist über Politik/Religion (Maya = sehr tolerant). Amer würde sie am liebsten küssen, statt über Politik zu reden, traut sich aber nicht (67); er empfindet „alles so kompliziert mit ihnen“, es „kommt ihm alles so wenig romantisch vor. So kühl“ (71). Daher zögert er mit Zusage zu 2. Treffen am gleichen Ort.

2. Treffen (9. Kapitel)

Diesmal reden sie mehr über ihre Familien u. sich, aber auch über Politik. Amer ist immer noch wenig selbstbewusst, da er Lob von Maya ablehnt („Blödsinn rede ich“, 116); sie kommen sich näher, küssen sich mehrfach; sie fragt skeptisch: „Sollen wir uns wirklich wieder sehen?“ (122). Amer will sie nach den Feiertagen wg. eines Treffens anrufen, aber auch er spürt "wieder diese Distanz da“ zwischen ihnen. Maya möchte sich nicht von den Palästinensern „das ganze Leben versauen lassen. Er erwidert: „Unser Leben ist schon versaut“ (122f.). Maya verabschiedet sich „ohne Umarmung, ohne Kuss“ (126).

3. Treffen (12. Kapitel)

Da Amer Sehnsucht nach ihr hat und es Maya wegen ihres Vaters schlecht geht, treffen sie sich ein 3. und letztes Mal. Auch George will ihn nicht gehen lassen, da er ihn belogen habe, ohrfeigt ihn und sagt, dass er nicht mehr wieder kommen solle (171). Sie gehen auf das Dach der Erlöserkirche, reden über ihre Väter (später auch über Amers berufliche Zukunft, 183ff.) und wieder über Politik; im Hospizgarten schlafen sie – auf Mayas Initiative – miteinander; sie hält ihn nicht gerade für romantisch (174ff.). Er ist sehr aufgeregt, da es sein 1. Mal ist. Da sie etwas herablassend und keine Jungfrau mehr ist, fühlt er sich in seiner Ehre gekränkt, was sie als „Macho-Schwachsinn“ und typisch „Araber“ (181) abwertet. Sie relativiert sein Liebesgeständnis mit „Ich dich doch auch“ (182), was ihn nicht zufriedenstellt. Sie meint, es sei „alles okay“ (183) und er solle mit seinen Selbstzweifeln aufhören. Sie streiten jedoch erneut wegen der laut Maya “dämlichen Hitler-Portraits”(186), die er nicht verteidigt, aber sich aus Langeweile – wie viele Araber – anschaut. Jedoch hätten die Deutschen (nicht sie!) die Juden vergast. „Wir müssen das jetzt nur ausbaden“ (186) Er fragt, ob sie ihn „für einen Idioten“ halte, und sie kann „bockige Jungs“ wie ihn nicht leiden (186f.). Ihm wird klar, „wie weit ihre beiden Leben auseinander liegen“ (187).  

Gespräch im 13. Kapitel

Amer ruft Maya an und erzählt ihr vom geplanten Attentat auf Checkpoint. Maya, von ihrem Vater eingesperrt, fürchtet, nie mehr freigelassen zu werden, und rät ihm, die Polizei anzurufen (s.o.). Sie relativiert sein Liebesgeständnis erneut mit „Ich dich doch auch“ (201).

Letztes Gespräch im 14. Kapitel

Nachdem beide vergeblich versucht haben, sich zu erreichen, telefonieren sie nach 2 Wochen (nach Amers Genesung) miteinander. Maya, die dies nicht weiß und zu stolz ist, sich von George weiter abwimmeln zu lassen, hat neuen Freund (Ben, Topp-junge aus ihrer 12. Klasse, 205). Als er danach fragt, macht sie ihm Vorwürfe wegen seines Nichtmeldens. Er sagt ihr, dass er mit Eltern in die USA gehen müsse und hoffe, sie dort wiederzusehen, was sie aber mit Hinweis auf ihren neuen Freund ablehnt. Als Amer weint, versucht sie ihn damit zu trösten, dass sie ihn noch lieb habe. „Es ist nur so viel zwischen uns“, hier der Checkpoint und später 10.000 km von Israel nach L.A. (211).

Fazit:

Beziehung stärker von ihm gewollt, eher flüchtige jugendliche Verliebtheit, Belastung nach Höhe- und Wendepunkt beim 3. Treffen wegen unterschiedlicher Ansichten; Ende wegen Missverständnisse und ungünstiger Umstände, aber auch, weil Maya neuen Freund hat.

Politisch-religiöse Ansichten:

Amer: politisch gemäßigt, eher zurückhaltend (22, 24), glaubt z.T. an Verschwörungstheorie („CNN (von Israel) gesteuert“, 35, Palästinenserrolle), gibt aber Juden wegen Ausgangssperre Schuld an Georges Jobverlust (30); gegen unerträgliche „Propaganda“ des radikal-islamistischen „Hamas-Senders“ Al Manar (91); nennt es feige, „unschuldige Leute in die Luft zu jagen, nur weil man total blind vor Hass geworden ist!“ (106), es sei „keine Lösung“, da Israelis – mit unbesiegbaren USA im Rücken (136) – wieder Ausgangssperre verhängen würden (196f.), auch – aber nicht radikal – gegen Israel („die wollen uns einsperren wie Tiere“, 167) wegen Mauerbau. Er hält seine radikalen Freunde für „genauso bekloppt wie die Israelis. Die haben auch vor allem und jedem Angst“ (194). Er meint, dass sie als Christen doch keine „wirklichen Palästinenser“ (167) seien, da alle auswanderten; auch religiös (100), aber nicht so streng, „man darf nicht alles glauben“ (168);

George: streng katholisch, betet täglich, auch daher sehr gegen Selbstmordattentate (hofft, dass Israelis „diese Idioten endlich verhaften“, 28; „Gott wird das nicht verstehen“, 29), meint, ohne Attentate gäbe es wieder Touristen und damit Arbeit in Jerusalem (30), will Land verlassen (32) ist gegen Amers muslimische und jüdische Freundinnen (u.a. wg. israelischem Heiratsverbot, d.h. nicht grundsätzlich, „will nur Frieden“, ist gegen „Kriegstreiber Sharon“, 36), meint aber, dass auch die Christen Palästinenser seien (anders als Amer, 167)

Jamal: radikal gegen Juden: “Israelis sind Schweine”(77), traut ihnen nur Schlechtes zu (79), bewundert Cousin (toter Selbstmordattentäter) als Märtyrer (20), will ihm nacheifern, kneift aber am Ende (205); hält Zionismus für weltbedrohend (164); sehr religiös, betet 5-mal am Tag; intolerant gegen andere Religionen, die er wohl für minderwertig hält.

3. Kritische Stellungnahme zu Untertitel „Eine Liebe in Zeiten des Terrors“

Eher kurze schwärmerisch-jugendliche Verliebtheit als wahre Liebe. 14 Tage und Missverständnis bedeuten schon das Aus. Maya Ben gefunden, der besser zu ihr passt. Autor will zeigen, dass Liebe in Zeiten des Terrors schwer möglich ist. Allerdings trennen die 2 nicht nur die äußeren bürgerkriegsähnlichen Umstände und die herkunftsbedingten verschiedenen politischen Ansichten, sondern neben religiös-kulturellen besonders die sozialen Unterschiede, ihre unterschiedlichen Einstellungen (Gewalt, Sex), Verhaltensweisen und Zukunftserwartungen.


7. Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst (1993)

Schülerreferat

Daten zu Leben und Werk von Uwe Timm

Uwe Timm wird 1940 in Hamburg in der Nähe des dortigen Hafens geboren. Bereits als Kind wird er dort mit dem Seemannsgarn der Matrosen und den Geschichten der Kriegsheimkehrer konfrontiert, was sich später auch in seinen Werken niederschlägt. Zu Beginn besucht er die dortige Volksschule, anschließend erlernt er den Kürschnerberuf. Später besucht er das Braunschweigkolleg, wo er 1963 sein Abitur macht. Dann studiert er Germanistik und Philosophie in München und Paris, promoviert über das Absurditäten-Problem, schließlich auch

Soziologie und Volkswirtschaftslehre. 1971 promoviert er mit einer Arbeit über Albert Camus. Bis heute lebt Timm in München, wo 1989 den Literaturpreis der Stadt gewann.

Seine schriftstellerische Laufbahn beginnt Uwe Timm 1971 als politischer Lyriker, geprägt von den Ideen der Studentenbewegung der 60er Jahre („Widersprüche“). Frühe Romane (v.a. „Heißer Sommer“, 1974, und „Kerbels Flucht“, 1980) greifen diese Thematik erneut auf. Gesellschaftliche und politische Fragestellungen spielen auch in anderen Romanen eine wichtige Rolle, so z.B. der deutsche Kolonialkrieg 1904-1907 in Südwestafrika („Morenga“, 1978), das Engagement von deutschen Unternehmen in Südamerika („Der Schlangenbaum“, 1986) und Wirtschaftsbetrug in unserer Gesellschaft („Kopfjäger“, 1991). Daneben finden sich Geschichten wie „Der Mann auf dem Hochrad“ (1984), „Die Entdeckung der Currywurst“ (1993) und „Johannisnacht“ (1996), in denen sich Uwe Timm als Erzähler präsentiert, der nicht politisch aufklären und zum Nachdenken anregen will, sondern der schreibt, „weil mir etwas den Atem verschlägt, (...) aus der Lust heraus, spielerisch die Wirklichkeit umzubauen, damit etwas Neues, so noch nicht Dagewesenes entsteht“ (aus: „Erzählen und kein Ende“, S. 79).

Ein weiterer Beleg für Uwe Timms Lust am Erzählen sind seine Kinder- und Jugendbücher, z. B. „Die Zugmaus“ (1981), „Die Piratenamsel“ (1983) und „Rennschwein Rudi Rüssel“ (1989, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 1990), die er seinen eigenen Kindern gewidmet hat.

1. Inhalt

Der Ich-Erzähler erzählt von einem Imbissstand im Hamburger Hafenviertel, welcher von Frau Brücker geführt wurde, und wo er von Kindesbeinen an seine Currywurst aß. Diese Tradition setzte er so lange fort, bis der Stand schloss. Aus diesem Sachverhalt heraus überlegt sich der Erzähler, wer die Currywurst eigentlich erfunden hat. Um dies in Erfahrung zu bringen, sucht er die alte Frau Brücker auf, die, wie er herausgefunden hat, inzwischen erblindet in einem Altenheim in Harburg lebt. An sieben Nachmittagen lässt er sich nun von ihr die Geschichte der Currywurst erzählen. Zwischen den einzelnen Teilen der Geschichte nehmen Lena Brücker, welche während der ganzen Erzählung trotz ihrer Sehschwäche an einem Pullover strickt, und der Erzähler immer wieder Kaffee und Kuchen zu sich. Die Geschichte, welche Lena Brücker erzählt, gebe ich allerdings als Ganzes wieder:

An einem kühlen Apriltag 1945 entschließen sich Frau Brücker, damals ungefähr vierzig Jahre alt, und Bootsmann Bremer, ein auf Heimaturlaub gewesener deutscher Soldat Mitte zwanzig, unabhängig von einander ins Kino zu gehen. Allerdings wird ihr Kinobesuch durch einen Luftalarm gestört, und sie laufen in einen nahe gelegenen Luftschutzkeller, wo sie sich ein Stückchen näher kommen. Nach überstandenem Alarm gehen die beiden zu Frau Brücker, deren Mann und Kinder im Krieg sind, in die Wohnung. Bremer muss am nächsten Morgen nach Harburg an die Front, wo bereits die Engländer stehen und so verbringen die beiden noch einen schönen Abend, an dem Bremer ausgiebig aus seinem Soldatenleben erzählt. Die Nacht verbringen beide im einzigen Bett der Wohnung. Als Bremer am nächsten Morgen um 4 Uhr aufbrechen will, bittet Frau Brücker ihn zu bleiben, was Bremer dann auch macht, womit er fahnenflüchtig wird. Durch diesen Umstand ist er dazu gezwungen, wochenlang in Frau Brückers Wohnung auszuharren, da er sonst, wenn er erwischt wird, mit hohen Strafen, unter Umständen der Todesstrafe, zu rechnen hat.

Lena Brücker und Hermann Bremer müssen von nun an sehr vorsichtig sein, da eine ständige Gefahr von ortsansässigen Nationalsozialisten, darunter Blockwart Lammers, ausgeht.

Die nächsten Tage verlaufen alle gleich: Frau Brücker arbeitet in der Kantine in Eimsbüttel, beschafft von dort immer ein paar Lebensmittel, während Bremer in der Wohnung verweilt und sich die Zeit mit Kreuzworträtseln vertreibt. Er glaubt nicht an eine Kapitulation Deutschlands und ist der Meinung, dass die Deutschen gemeinsam mit den westlichen Alliierten den Osten zurückerobern werden. Da er in der Wohnung gefangen ist er auf Frau Brückers Informationen über den Kriegsverlauf angewiesen und zeichnet anhand dieser den Frontverlauf in einem Atlas, den er im Schrank gefunden hat, nach. Eines Abends fällt Frau Brücker ein Foto aus Bremers Sachen in die Hände, auf dem er mit Frau und Kind zu sehen ist, was er aber Frau Brücker bis jetzt verschwiegen hat und auch bis zum Ende verschweigen wird. In der Nacht schläft Bremer das erste Mal mit Frau Brücker.

Am 1. Mai 1945 kommen zwei wichtige Meldungen nach Hamburg. Adolf Hitler ist tot und Hamburg wird kampflos an die Engländer übergeben. Hitlers Tod teilt sie Bremer mit, die andere Meldung verschweigt Lena Brücker aber Bremer für längere Zeit, da sie ihn nicht verlieren möchte. Sie ist nun gezwungen über den Verlauf des tatsächlichen Geschehens Stillschweigen zu wahren und Ausreden zu erfinden, um keine Zeitung mitbringen zu müssen. Sie schiebt den Zeitpunkt, an dem sie die Wahrheit erzählen möchte, immer weiter hinaus. In den Nächten erzählen sich Lena und Bremer aus ihrem Leben, Frau Brücker hauptsächlich von ihrem Mann Gary.

Bremer wird zusehends unglücklicher mit seiner Situation, da er sich eingeengt fühlt. Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden, bei der Bremer handgreiflich gegenüber Frau Brücker wird und sich selbst eine Verletzung zuzieht. Der temporäre Verlust seines Geschmacksinns trägt nicht zu einer Verbesserung seiner Lage bei. Als Lena Brücker in der Zeitung Fotos von KZ-Häftlingen sieht, und sie versucht mit Bremer darüber zu sprechen, gibt sie ihre Lüge auf, da er nicht an die Schuld des Deutschen Reiches glaubt. Nachdem sie die Wahrheit offenbart hat, macht sie einen Spaziergang. Als sie wiederkehrt ist Bremer ohne eine Nachricht zu hinterlassen für immer verschwunden. Damit endet der erste Teil von Lena Brückers Erzählungen.

Da der Erzähler zu seiner Familie nach München zurückkehren muss, erzählt Lena Brücker die Geschichte ihres Mannes Gary um einiges knapper als den Teil zuvor. Gary kehrt aus der russischen Gefangenschaft zurück und erfährt von Frau Brückers Affäre, unternimmt aber nichts, da er selbst mehrere Affären hatte. Die beiden haben allerdings kein gutes Verhältnis mehr, und nach einer erneuten Affäre von Gary schmeißt Frau Brücker, welche inzwischen von ihrer Arbeitsstelle gefeuert wurde, ihren Mann raus. Da Frau Brücker sich nun selbst versorgen muss, mietet sie eine Bude auf dem Großneumarkt, einem florierender Schwarzmarkt, und bietet dort Würste und Eichelkaffee zum Kauf an. An die Waren kommt sie durch mehrere Tauschgeschäfte, wodurch sie auch eine Dose Currypulver kommt. Als sie die ertauschten Flaschen Ketchup und das Currypulver die Treppe hoch trägt, stolpert sie und aus Ketchup und Currypulver wird eine Soße, welche sie ab sofort ihren Würsten beimischt. So hat sie die Currywurst erfunden, welche bald großen Ruhm in Hamburg und über die Stadtgrenzen hinaus erlangt. An einem Nachmittag kommt noch einmal Bremer, der jetzt als Vertreter für Fensterkitt arbeitet, an den Stand und isst eine Currywurst, spricht Frau Brücker allerdings nicht an. Hier endet die Erzählung von Frau Brücker. Ein halbes Jahr nach den täglichen Sitzungen mit Frau Brücker, kehrt der Erzähler noch einmal nach Hamburg zurück, und erkundigt sich nach ihr. Diese ist allerdings in der Zwischenzeit verstorben und hat dem Erzähler den Pulli, welchen sie während der Erzählung strickte, und das Originalrezept für die Currywurst hinterlassen.

Aufbau

Rein formal ist die Novelle in sieben Kapitel unterteilt, welche in etwa gleichlang sind. Der Inhalt weicht allerdings von der äußeren Form ab, da er sich nicht so einfach in sieben Teile einteilen lässt. Das auffälligste Merkmal der Novelle ist nämlich mit Sicherheit ihre Zweigleisigkeit, es gibt eine Rahmenhandlung und eine Binnenhandlung. Zum einen gibt es den Handlungsverlauf in der Gegenwart, zum anderen die Erzählungen von Frau Brücker über die Vergangenheit, wobei die Beschreibungen über die Vergangenheit eindeutig gegenüber den Beschreibungen aus der Gegenwart überwiegen. Die Gegenwartserzählung dient als Verbindungselement zwischen den einzelnen Teilen der Erzählung über die Vergangenheit. Sie stellt im Grunde keinen eigenen Handlungsverlauf dar. Der Aufbau der Gegenwartserzählung ist daher auch sehr knapp zu fassen: Zu Beginn sucht der Erzähler nach Frau Brücker und findet sie in einem Altenheim. Frau Brücker erzählt über die Vergangenheit, welche sich auf mehrere Nachmittage verteilt und meist im Altenheim stattfindet, jedoch teils auch an anderen Lokalitäten, zum Beispiel am Kriegsdenkmal in Hamburg. Zum Schluss der Novelle wird noch vom Ausflug zur Currywurstbude auf dem Großneumarkt berichtet.

Die Erzählung von Frau Brücker lässt sich in mehrere Teile gliedern:

1. Die Zeit vor dem Zusammentreffen mit Bremer

Dieser Abschnitt umfasst eigentlich Lena Brückers gesamtes Leben bis zu dem Zeitpunkt des Zusammentreffens mit Bremer. Er wird nicht zusammenhängend beschrieben, sondern zwischen dem Haupthandlungsstrang werden immer wieder Erlebnisse aus der Vergangenheit beschrieben.

1.1. Das Zusammenleben mit Bremer bis zur Kapitulation Deutschlands

Dieser Abschnitt beginnt mit der Fahnenflucht Bremers, durch die er langfristig an Lena Brücker gebunden ist. Charakteristisch für diesen Abschnitt ist die Harmonie, die zwischen den beiden herrscht.

1.2. Das Zusammenleben mit Bremer nach der Kapitulation Deutschlands

Dieser Abschnitt ist der längste der Novelle. In diesem muss Lena Brücker ständig neue Ausflüchte erfinden, um die Lüge von Deutschlands Erfolgen im Krieg gegenüber Bremer aufrecht zu halten. Er endet mit der Aufgabe der Lüge durch Lena Brücker und dem daraus resultierenden Verschwinden von Bremer.

1.3. Die Zeit nach dem Verschwinden Bremers

Dies ist der letzte Abschnitt der Erzählung von Lena Brücker. Ihr Mann Gary kehrt für kurze Zeit in ihr Leben zurück, wird allerdings von Frau Brücker nach einer Affäre mit einer anderen Frau hinausgeworfen. Sie macht sich selbstständig und erfindet durch einen Zufall die Currywurst.

Bezüge zur Realität

Uwe Timm orientiert sich mit seiner Novelle sehr eng am realgeschichtlichen Kontext. Alle geschichtlichen Ereignisse, welche in seiner Novelle auftauchen, haben auch in der Realität stattgefunden, so zum Beispiel der Tod Hitlers oder die Eroberung Hamburgs durch die Engländer. Sehr authentisch sind auch ein Großteil der Schauplätze, welche Timm in seiner Novelle eingebaut hat, so zum Beispiel die Städte und Gemeinden, das Altersheim, sowie die Brüderstraße, wo Frau Brückers Wohnung steht, und der Platz (Großneumarkt), auf welchem die Wurstbude von Frau Brücker steht.

Wie es sich mit dem wahren Entdecker der Currywurst verhält, ist leider sehr schwer zu recherchieren. Timm selbst gesteht, dass seine Geschichte nur auf einer „winzigen historischen Authentizität“ beruhe, er aber seine erste Currywurst 1947 in Hamburg gegessen haben will. An eben diesem Großneumarkt, an dem in der Novelle die Würste von Lena Brücker zu erstehen sind. Gegen Timms Theorie sprechen allerdings auch einige Fakten. So ist das Patent auf das Rezept der Currywurst in Besitz von Hertha Heuwer aus Berlin, welche die Currywurst und die dazugehörige Soße im Jahre 1949 in Berlin entdeckt haben will, und es sich 1959 patentieren ließ. Eiserner Verfechter dieser Theorie ist Gerd Rüdiger, ein deutscher Schriftsteller, der die Geschichte von Hertha Heuwer in seinem Buch „Currywurst. Ein anderer Führer durch Berlin“ erzählt. Aus diesen beiden Positionen bildete sich ein regelrechter Streit zwischen Rüdiger und Timm, der eigentlich nie entschieden wurde. Die Presse allerdings sah diesen Streit eher als Marketinggag an und nicht als eine ernsthaft geführte Diskussion: „Irgendwo lagern wohl noch Restexemplare seines Werks“ schreibt der Spiegel über Uwe Timm. Was nun wahr und was falsch ist, wird wohl nie herausgefunden werden.

Sprachliche Gestaltung

Der sprachliche Stil der Novelle ist recht eigenartig. Während der ganzen Erzählung tritt kein einziges mal die wörtliche Rede auf, sondern durchgehend die nacherzählte Rede: „Tja, sagte Frau Brücker, und da hat er mich gefragt, ob ich Curry im Haus habe.“ Ein weiteres Merkmal ist die Verwendung von umgangssprachlichen Wörtern. So finden sich einige Wörter in dem Text, welche in keinem Duden zu finden sind. Die Sätze sind so aufgeschrieben, wie sie gesprochen werden. Dies ist auf den hamburgischen Dialekt zurückzuführen: „So hat sie es mir erzählt, so wird sie es auch dem fahnenflüchtigen Bremer erzählt haben, der neben ihr, in der Küche, auf den Matratzen lag, wohl kaum mit diesem dialektalen Anklang, der sich erst später, im Alter verstärken sollte, was ich übrigens auch bei meiner Mutter beobachten konnte, die, je älter sie wurde, desto stärker hamburgerte.“ Ich werde ein Beispiel zitieren, um ein besseres Verständnis zu ermöglichen: „Das mit der Currywurst war‘n Zufall, nix weiter.“

Ein weiteres stilsprachliches Mittel der Novelle ist der recht einfach Aufbau der Sätze, eine Aneinanderreihung von Hauptsätzen: „Ja, sagte sie. Er ging auf Socken. Der Krieg in Hamburg war aus und vorbei.“ Es gibt aber auch recht lange, stark verschachtelten Sätze, welche sich dann wieder über mehrere Zeilen verteilen, allerdings überwiegen doch die leichtern und einfach gestrickten Sätze. Dadurch und durch die umgangssprachliche Ausgestaltung, welche auch komplett auf Fremdwörter verzichtet, lässt sich die Novelle recht einfach lesen, es gibt kaum Stellen die man öfter lesen muss, um sie zu verstehen. Anspruchsvoller wird die Lektüre durch den häufigen Wechsel der Erzählperspektive, was ich im nächsten Abschnitt behandeln werde.

Perspektive

Wir haben es hier mit zwei verschiedenen Perspektiven zu tun, so wie wir zwei verschiedene Handlungsstränge haben. Einmal die Gegenwart, welche aus der Sicht vom Erzähler geschildert wird, zum anderen die Vergangenheit, welche teilweise aus der Sicht von Lena Brücker und teilweise aus der Sicht des Ich-Erzählers erzählt wird. In der Rahmenhandlung ist hierbei immer aus der Sicht des Erzählers geschrieben, die Binnenhandlung meist aus der Sicht Lena Brückers, an einigen Stellen allerdings auch aus der Sicht des Erzählers. Zudem findet sich an manchen Stellen eine Vermischung der Perspektiven, welche das Geschrieben sehr wirr erscheinen lassen und schwer verständlich macht: „Bremer legte das Album aus der Hand, während ich später noch weiter darin herumblätterte, die Kinder von Frau Brücker betrachtete, der Junge in HJ-Uniform, zuletzt in der Uniform eines Flak-Helfers.“

Spannungsbogen

Schon mit dem Titel wird eine Spannung erzeugt, der Leser wird neugierig gemacht. Eine Currywurst wird fast jeder von uns schon mal gegessen haben, doch mit seiner Entdeckung oder Erfindung dürfte sich noch niemand beschäftigt haben, geschweige denn darüber Bescheid wissen. Der Leser wartet von Beginn an auf die Auflösung der im Titel beschriebenen Problematik, welche aber erst auf den letzten Seiten beschrieben wird, es wird sogar überhaupt erst auf den letzten Seiten auf die Currywurst an sich eingegangen. Dadurch wird die Spannung das ganze Buch über aufrechterhalten, da der Leser natürlich auf eine Aufklärung der Frage hofft. Aber auch durch die drängenden Kommentare des Erzählers, der an einem schnellen Fortgang der Erzählung interessiert ist, wird die Spannung aufrechterhalten. Ein um das andere Mal versucht der Erzähler die Erzählung von Frau Brücker auf die Currywurst zu lenken, doch diese lässt sich nicht von ihrem Konzept abbringen: „Ich versuchte sie auf den Curry zurückzubringen.“ „Mein Mann, sagte sie, gehört auch zur Geschichte“. „Musst schon noch‘n büschen Geduld haben.“

Aber auch die Erzählung, die auf die eigentliche Erfindung hinführt, bietet einiges an Spannung. So erwartet man gespannt den Moment, an dem Frau Brücker Bremer ihre Lüge gesteht und wie dieser mit dieser Situation umgehen wird. Auch ihr späteres Schicksal ist dem Leser nicht gleichgültig, so ist er an ihrem späteren Schicksal interessiert, will erfahren, wie es nach dem Bruch mit Gary, ihrem Ehemann, weitergehen wird. Hinsichtlich dieser Thematik findet sich in der Novelle meiner Meinung nach ein Wendepunkt. Und zwar ist dies der Moment, an dem Frau Brücker die zurückgelassene Uniform Bremers zerschneidet und zu einem Kittel schneidert, den sie fortan bei der Arbeit tragen will. Man muss dazu wissen, dass sie Bremers Uniform fortwährend nach seinem Weggang unverändert im Schrank ließ, wobei sie ständig mit der Ankunft ihres Mannes rechnen musste und einen Streit mit Gary wegen ihrer Affäre in Kauf nahm. Ich denke, dass sie die ganze Zeit über an Bremer hing und ihn nicht vergessen konnte bzw. auch gar nicht wollte. Der Wendepunkt tritt ein, weil sie mit ihrer Vergangenheit abschließt und ihrem Leben die entscheidende Wendung gibt, und zwar indem sie die materielle Erinnerung an Bremer zerschneidet und damit ihre Karriere beginnt: „Noch am selben Abend begann Lena Brücker damit, die Uniform von Bremer zu einem Kostüm umzuschneidern. Es war buchstäblich ein Einschnitt, auch in ihrem Leben. (…) Und dabei sang sie, was sie sonst nie tat, weil sie fürchterlich falsch sang, nie den richtigen Ton traf. Edith kam und fragte, wer singt denn da? Du kannst ja plötzlich richtig singen.“ [

Lena Brücker

Lebenslauf:

Sie ist die Hauptperson der Geschichte, sie ist der Mittelpunkt der Geschichte, die sie selbst erzählt. Heute lebt sie im Altersheim und ist ungefähr 80 Jahre alt. In der damaligen Zeit, von der sie dem eigentlichen Erzähler berichtet, ist sie ca. 40 Jahre und arbeitet als Kantinenarbeiterin. Sie lebt alleine in ihrer Wohnung, da ihr Mann Gary, ein Barkassenführer, und ihr Sohn im Krieg dienen und ihre Tochter in Hannover in einer Waffenfabrik arbeitet. Während der Geschichte bietet sie einem fahnenflüchtigen Soldaten Unterschlupf. Von diesem wird sie aber recht bald verlassen und ihren Mann schmeißt sie nach unzähligen Affären raus. Wegen diesem Sachverhalt und ihrer Kündigung eröffnet sie eine Würstchenbude, in der sie die Currywurst anbietet, welche sie durch ein Missgeschick erfunden hat. Ihr Geschäft läuft gut, ehe sie altersbedingt in ein Altersheim muss, wo sie nach einigen Jahren, schon erblindet, stirbt.

Charakterisierung der jungen Frau Brücker:

Frau Brücker ist pazifistisch und nicht antisemitisch eingestellt, ganz anders als der Großteil der restlichen Bevölkerung im damaligen Deutschen Reich. Sie stellt sich auch in der Öffentlich gegen den Nationalsozialismus, was in der damaligen Zeit recht mutig war. Bespiele dafür sind archivierte Berichte der Nachbarin Frau Eckersleben: „L. Brücker hetzt nicht offen, macht aber oft zersetzende, kritische Bemerkungen. Oder: Die Juden sind auch Menschen. Oder: Das Volk liebt den Führer, wenn ich das schon höre.“

Lena Brücker redet sich selbst ein, dass sie nicht lügt, sondern nur die Wahrheit verdreht. Im Grunde ist sie also kein schlechter Mensch, der vorsätzlich lügt: „Wieso gibt es kein Papier? Das größte Papierlager in Norddeutschland ist in Brand geraten. Das hatte sie in der Zeitung gelesen: Ein kleines Papierlager war abgebrannt.“ Sie gibt sich auch immer wieder einen Rahmen, in dem sie ihre Lüge aufdecken möchte. „In vierzehn Tagen kommt Papier aus Amerika. Ist schon unterwegs. Auf den Liberty-Schiffen. Das war die Zeit, die ich mir gegeben hatte, noch vierzehn Tage, dann wollte ich ihm die Wahrheit sagen.“

Sie opfert sich für Bremers Wohlergehen selbst auf, indem sie ihm immer wieder Essen aus der Kantine mitbringt, dabei gewisse Risiken auf sich nimmt, und ihre Essensmarken für ihn mitverwendet. Ich denke, dass sie dies aus Ausgleich für sein „Gefangenschaft“ in der Wohnung nimmt, ihm das Leben erträglicher machen will, um ihn so bei sich zu halten.

Die Kriegsjahre und das damit verbundene Alleinsein haben Lena Brücker abgehärtet („Die Kinder schrieen, und auch Bremer hatte aufgeschrieen (Lena Brücker legte ihm den Arm um die Schulter. Hat nicht das Haus getroffen, war irgendwo nebenan) und sie zu einem Dickkopf gemacht: „Nur Lena Brücker, der man einen Schleswig-Holsteiner Dickkopf nachsagte, grüßte immer: Guten Tag. ...“

Lena Brücker ist zudem ein recht menschlicher Charakter. An einer Stelle der Novelle gibt sie dies recht deutlich zu erkennen: „Is vielleicht das Beste, was ich gemacht hab, einen verstecken, damit er nicht totgeschossen wird und auch andere nicht totschießen kann.“

Charakterisierung der alten Frau Brücker:

Die alte Frau Brücker ist eine erstaunliche Frau: Sie kommt trotz ihrer Blindheit fast ohne Hilfe aus. Man merkt ihr an, dass sie in den ganzen Jahren gelernt hat, mit dem, was sie hat, alleine zurecht zu kommen. So will sie den Pfleger Hugo nur in Notfällen belästigen: „Hugo mag ich nicht fragen, der hat genug am Hals. Der Junge muss ja nicht noch nass werden.“

Das einzige, was ihr fehlen dürfte, ist ein wenig Gesellschaft. So verlängert sie die Geschichte, die sie erzählt, damit sie noch länger in der Gesellschaft des Erzählers ist. „ Aber übermorgen muss ich zurück nach München. Es beklagen sich die Kinder, auch meine Frau. Und das mit Recht. Ich hatte ja nur eine Woche in Hamburg bleiben wollen und bin schon die zweite Woche hier. – Kannste die Rückreise nicht um ein, zwei Tage verschieben?“

Erzähler

Lebenslauf:

Er lebte als kleiner Junge in demselben Viertel wie Lena Brücker und aß an ihrem Stand öfters eine Currywurst. Auf der Suche nach dem Erfinder der Currywurst stößt er so beinahe automatisch auf Lena Brücker, sucht diese auf und lässt sich von ihr die Geschichte der Currywurst erzählen. Er lebt heute in München mit einem Kind und einer Frau. Der Erzähler könnte sehr gut Uwe Timm selbst sein, denn wenn man seinen Lebenslauf mit dem des Erzählers vergleicht, so lassen sich doch einige Parallelen aufzeigen, welche diesen Schluss zulassen.

Auffälligkeiten an seinem Verhalten:

Als die Geschichte der Frau Brücker sich dem Ende zuneigt, merkt man, dass es dem Erzähler auch hintergründig darum geht, etwas über seine Kindheit in Erfahrung zu bringen: „So kam mein Vater in die Geschichte ... Ich konnte endlich meine Frage stellen: Wie war er, ich meine, wie wirkte er, damals, mein Vater?“ Weiter fällt auf, dass er für Frau Brücker eine wichtige Rolle spielt. Dies erkennt man daran, dass er den gestrickten Pullover und das Rezept für die Currywurst geschenkt bekommt, wobei zumindest der Pullover für ihren Enkel bestimmt war. Er scheint ihr also in der kurzen Zeit ans Herz gewachsen zu sein, mehr noch als ihre eigene Familie.

Hermann Bremer

Lebenslauf:

Hermann Bremer ist Bootsführer im Zweiten Weltkrieg, verheiratet und Vater eines Kindes. Eigentlich ist er im Krieg Seemann und in Oslo stationiert, wurde aber aufgrund des politischen Geschehens in eine Panzereinheit abkommandiert. Auf dem Weg vom Heimaturlaub in seiner Heimatstadt Braunschweig zurück zur Front, bleibt er in Hamburg aufgrund der Bombardierung der Stadt hängen und findet Unterschlupf bei Lena Brücker. Seinen Auftrag, an die Front zurückzukehren, erfüllt er nicht, stattdessen bleibt er bei Lena Brücker und beginnt mit dieser eine Affäre, wobei er Frau Brücker seinen wahren Familienstand verschweigt. Als er allerdings bemerkt, dass Frau Brücker ihn während der ganzen Zeit belogen hat, und er damit nicht mehr an sie und ihre Wohnung gebunden ist, verschwindet er aus Lena Brückers Leben und kehrt später dorthin zurück. Nachdem er nämlich Lena Brücker verlassen hat kehrt er nach Braunschweig zurück zu seiner Familie und arbeitet dort als Vertreter für Fensterkitt. Später kommt er zurück nach Hamburg, besucht ihren Currywurststand, kauft dort eine Wurst, und einen Kaffee, lässt sich aber nicht anmerken, ob er Frau Brücker erkennt.

Charakterisierung:

Die Figur des Hermann Bremer ist eine recht komische. Es wirkt an einigen Stellen so, als fühle er sich in seiner Rolle nicht wohl. So ist er beispielsweise Soldat im Krieg, scheint aber nach 6 Jahren Krieg nicht an Luftangriffe gewöhnt zu sein: „Auf einem Schiff sieht man die Flugzeuge, auch, wie die Bomben fallen, sagte er entschuldigend, hier ist es ein bisschen ungewohnt.“ Zudem ist seine große Angst vor dem Tod auffallend, die er auch noch nach dem langwierigen Krieg zu haben scheint: „Die wollen mich in letzter Minute noch verheizen“. Er ist also nicht mit ganzem Herzen Soldat, jedoch auf jeden Fall ein Patriot („Verlieren wir den Krieg, verlieren wir unsere Ehre, sagte Bremer.“) Aufgrund dieser Tatsache begeht er sogar eine Straftat, welche auch mit dem Tode geahndet werden kann: Er wird fahnenflüchtig. Er gibt sich der Illusion hin, dass die Deutschen mit den westlichen Alliierten eine Allianz gegen den kommunistischen Osten bildet und diesen angreifen und zurückerobern wird: „Hat Dönitz mit den Amerikanern verhandelt? Mit den Engländern? Geht es endlich gegen Russland?“ Eine Schuld des Deutschen Reichs weist er von sich.

Während seiner Gefangenschaft fühlt sich Bremer eingeengt und empfindet Langeweile. Die Tage verbringt er mit der Lösung von Kreuzworträtseln, dem Putzen der Küche oder einfach nur der Beobachtung des Geschehens auf der Straße. Er fühlt sich so, als sitze er in einer Falle: „Denn je erfolgreicher die Truppen waren, je weiter sie gen Osten vorstießen, desto länger zog sich der Krieg hin, und das hieß, umso länger saß er in dieser Wohnung, Wochen, Monate und – Schweiß brach ihm aus – Jahre.“

Hermann Bremer verschweigt Frau Brücker während seines Aufenthalts in ihrer Wohnung seine wahren Familienverhältnisse. Der Beweggrund für dieses Verhalten ist mit Sicherheit die Angst vor den SS-Offizieren, die, wie er vermutet, ihn wegen Fahnenflucht suchen. Würde er von Frau und Kind erzählen, würde Frau Brückers Interesse an ihm recht stark sinken und er würde auf der Straße sitzen. Dies ist vor allem deswegen verwunderlich, da er auch weiß, dass sie verheiratet ist. Die Verhaltensweisen werden Hermann Bremer erst bewusst, als er seinen Geschmackssinn verliert. Erst an dieser Stelle beginnt er zu überlegen, was er eigentlich tut und wie falsch er sich verhält: „Vielleicht, dachte er, kommt es vom Rauchen, du rauchst zu viel, aber dann nistete sich sogleich der Gedanke ein, es ist nicht das Rauchen, sondern dass du dich hier von einer Frau verstecken lässt. Du bist ein Schwein, dachte er.“

Die Liebesbeziehungen der Lena Brücker in der Darstellung

1. Die Beziehung zu Gary Brücker

Die Beziehung zu Gary lässt sich in zwei Teile aufteilen: Die Zeit vor und die Zeit nach dem Krieg. Über die Beziehung vor dem Krieg wird nicht viel erzählt, nur so viel, dass sie ihn nicht wirklich vermisst im Kriege, die guten Erinnerungen an die gemeinsame Zeit vor dem Kriege scheinbar nicht besonders groß sein können: „Vermissen sie ihn ? Sie hätte sagen können – und das wäre die Wahrheit gewesen: Nein.“ [25] Nach dem Krieg kann man nicht mehr von Liebe zwischen den Beiden sprechen („Ne zeitlang habe ich den einen mit dem anderen ausgetauscht, im Kopf jedenfalls“), weil sie immer noch in Hermann Bremer verliebt ist. Die beiden führen eine alltägliche Ehe, Gary arbeitet tagsüber und abends legt er sich faul aufs Sofa und betrinkt sich. Anfänglich haben die beiden noch regelmäßig Geschlechtsverkehr, nach drei Monaten allerdings weicht Lena Brücker dem Sex durch eine Ausrede aus („Nach drei Monaten begann sie sich herauszureden, sagte, dass sie Hefepilze habe“). Als sie ein Stück Damenunterwäsche findet, welches eindeutig nicht von Lena Brücker, sondern von einer weitaus schlankeren Frau stammen musste, redet sie mit ihm gar nicht mehr erst darüber, sondern schmeißt ihn direkt aus der Wohnung. Von diesem Punkt ist sie im Leben auf sich selbst gestellt, muss die Kinder alleine versorgen und selbst arbeiten gehen. Auf eine weitere Beziehung lässt sie sich nicht mehr ein, allerdings wird nicht deutlich gesagt, dass sie noch einmal die Chance bekam, eine weitere Beziehung zu beginnen.

2. Die Beziehung zu Hermann Bremer

Die Beziehung, auf welche sich Lena Brücker mit Hermann Bremer einlässt ist eher eine reine Sexbeziehung, als eine wirkliche Partnerschaft. Hierfür gibt es zwei Indizien: Zum einen reden die beiden nicht offen über ihre Probleme und Lebensgeschichten, zum anderen haben sie eben täglich teilweise exzessiven Sex: „Dann hilft nur eins, sagte er, du musst einen Katzenbuckel machen und jetzt das Kreuz durchdrücken, den Kopf nach unten, die Beine etwas spreizen, locker, ganz locker und den Hintern hoch, noch höher, so ist‘s gut. Und jetzt tief durchatmen. Locker ! Ausatmen ! So ist‘s gut. Huchhh.“

Lena Brücker genießt die Zeit mit Bremer sichtlich, sie nutzt gar jede Gelegenheit, die sich bietet, die gemeinsame Zeit mit Bremer zu verlängern, sei es auch nur um ein paar Tage: „Ich lasse für ihn das Papier ein bisschen früher ankommen, also in drei Tagen, und die gönne ich mir noch.“ Durch Bremer findet sie ihr Selbstvertrauen wieder, welches sie in den Jahren des Krieges scheinbar verloren hat. Sie hält sich für etwas Besonderes, da sie mit ihren vierzig Jahren noch einen jungen Mann bezirzen kann: „Sie zog sich aus, ohne Scham, nackt, wie sie das früher nie getan hatte, und das, obwohl sie inzwischen nicht mehr zwanzig war legte sie sich zu ihm auf das Matratzenfloß“

Dass Frau Brücker trotz des Krieges und der Einsamkeit noch mit Gary verheiratet ist hindert sie nicht direkt daran, eine Affäre mit einem jüngeren anzufangen, macht sie allerdings etwas vorsichtiger: „Aber das hätte sich für ihn wie eine Aufforderung anhören müssen.“ [31]. Sie selbst sagt, dass sie nicht genau wisse, ob ihr Mann überhaupt noch am Leben sei oder zu ihr zurückkomme.

Die Entdeckung der Currywurst – Eine Alltagsgeschichte?

„Denn die Geschichte, seine, ihre Geschichte, konnte er niemanden erzählen, das war keine dieser Kriegsgeschichten, die überall und immer wieder die Runde machten. Das war keine Stammtischgeschichte. Das ist eine Geschichte, die nur ich erzählen kann. Es gibt darin nämlich keine Helden.“

Dies sagt Lena Brücker in der Novelle, ziemlich direkt nach dem Verschwinden Hermann Bremers. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob sie mit dieser Äußerung Recht hat.

Mit einer Äußerung hat Lena Brücker auf jeden Fall recht: Die Geschichte, zumindest die Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt, wird Hermann Bremer nie erzählen können. Zwar muss er keine Verurteilung als Fahnenflüchtiger fürchten, jedoch wird er als Feigling gelten, da er nicht als ideologischen Gründen geflüchtet ist, sondern nur um seine Haut und sein Leben zu retten. Dies wurde in der damaligen Nachkriegszeit nicht sehr gerne gesehen, da viele Leute der Ansicht waren, dass das Deutsche Reich wegen solchen „Feiglingen“ den Krieg verlor.

Die einzige, die diese Geschichte erzählen kann ist wirklich Lena Brücker, da sie alle Details kennt, die zum Verständnis nötig sind. Zudem wird durch die Geschichte kein schlechtes Licht auf sie geworfen, sie tut zwar etwas Verbotenes, indem sie einen Fahnenflüchtigen Soldaten beherbergt, dies wiederum zeigt ihren Mut und ihren Einsatzwillen. An dieser Stelle drängt sich nun die Frage auf, ob Lena Brücker ein Held in dieser Geschichte ist, die sie ja selbst erzählt. Laut Definition ist ein Held eine Person, welche im Mittelpunkt des Geschehens steht oder durch vorbildliches Verhalten Bewunderung und Anerkennung hervorruft. Lena Brücker steht in dieser Geschichte eindeutig im Mittelpunkt des Geschehens, die sie sich selbst als Erfinderin der Currywurst sieht, auch wenn sie sich bescheiden gibt und es auf einen Unfall zurückführt. Zudem erzählt sie in der Novelle einen Großteil bzw. den wichtigsten Teil ihrer Lebensgeschichte, sie steht also eindeutig im Mittelpunkt. Auch das andere Kriterium, welches einen Helden näher identifiziert, scheint Frau Brücker zu erfüllen. Ihr Verhalten ist ziemlich klar als Vorbildlich einzustufen. Zum einen besitzt sie den Mut sich in der Zeit der Diktatur durch ein faschistisches Regime sich mit kritischen Kommentaren gegen das System zu stellen, zum Anderen beherbergt sie einen fahnenflüchtigen Soldaten, was zum Einen vom Staat als Beihilfe zur Fahnenflucht gesehen wird, zum Anderen in der Bevölkerung als Vaterlandsverrat gesehen sehen dürfte. Trotz alledem steht sie zu ihrem Entschluss und meistert die Situation mit Bravour. In der Nachkriegszeit bringt sie sich und ihre Kinder all die Jahre durch geschickten Handel mit ihrer Wurstbude über die Runden, ohne die Hilfe eines Mannes. Dies dürfte ihr Anerkennung durch den Leser bringen. Aus diesem Grunde ist Lena Brücker die Heldin der Novelle, auch wenn sie selbst sich nicht als diese sieht.

Es bleibt also zum Schluss die Frage, ob es sich um eine Alltagsgeschichte handelt oder nicht. Ich beantworte diese Frage mit einem klaren Nein, da in dieser Geschichte eben ein Grossteil von der Lebensgeschichte Lena Brückers steckt, und eine Lebensgeschichte ist nie etwas „alltägliches“. Zudem handelt es sich hierbei um eine Kriegserzählung, eine Geschichte aus dem Krieg und man wird wohl nicht behaupten können, dass im Krieg ein Anklang von Normalität und Alltag zu finden sei, auch wenn sich die Menschen der damaligen Zeit sich auf ihre Situation eingestellt haben.

Bewertung

Das Buch „Die Entdeckung der Currywurst“ hat einen sehr positiven Eindruck bei mir hinterlassen, obwohl ich mich mit ihm einige Zeit befassen und eine Facharbeit darüber schreiben musste. Es stellt sich aber die Frage, ob hier von müssen die Rede sein kann. Als ich mir das Buch vornahm, war ich sehr gespannt und hoffte auf eine unterhaltsame Geschichte, welche sich intensiv mit dem Thema der altbekannten Currywurst befasst. Umso verwunderter war ich, als nach einigen Seiten keine Rede mehr von der Currywurst war und man sich inmitten des Zweiten Weltkrieges befand, allerdings war ich nicht enttäuscht. Die Geschichte des Hermann Bremers und deren Ausgang zog mich eigentlich mehr in den Bann, als die Currywurst selbst, ja, nach einiger Zeit hätte ich die Currywurst fast vergessen, wenn da nicht der Erzähler gewesen wäre, der immer wieder anfing zu „quengeln“. Als ich dann die Lektüre beendet hatte, war ich wirklich erstaunt, dass ich, der ich eigentlich keine „Leseratte“ bin, dieses Buch so schnell gelesen hatte, zumal es meinen anfänglichen Erwartungen keineswegs entsprach. Als es dann allerdings daran ging, eine Facharbeit über das Buch zu schreiben, war meine Freude schnell gedämpft, da es einfach kein Material zu Uwe Timm gab, nicht mal im Internet. Zudem ist das Buch sehr vielschichtig, viele Aspekte fielen zwangsweise unter den Tisch, andere verstand ich gar nicht oder konnte mir nur teilweise einen Reim drauf machen. So ist mir die exakte Funktion des Pullovers, der die ganze Zeit von Frau Brücker gestrickt wird, bis heute unklar.

Trotz alledem halte ich „Die Entdeckung der Currywurst“ für ein sehr gutes Buch, und ich werde es bestimmt ein weiteres Mal lesen – und dann freiwillig. Abschließen möchte ich deswegen mit einem Zitat der FAZ, welches ich auf dem Buchrücken entdeckte und für sehr passend halte:

„Es ist, kurz und einfach gesagt, eine wunderbare Geschichte ... Prallvoll mit Gefühl und Realität, süß-scharf sozusagen, immer auch etwas bedrohlich wie ein Märchen aus der nächsten Nachbarschaft.“


8. Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen (Erzählung, 1990)

1. Aufgabe: Charakteristik des Vaters mit DDR-Vergleich

1. Überblicksinformation

Birgit Vanderbekes Erzählung „Das Muschelessen“ (1990) spielt von ca. 18.00 - 21.45 Uhr am Abendessentisch einer 4-köpfigen Familie in der 2. Hälfte der 1970er Jahre in der BRD. Sie handelt von der schrittweisen Veränderung der Mutter, der 18-jährigen Tochter und des jüngeren Sohnes bezüglich ihrer Einstellung zum tyrannischen Mann bzw. Vater.

Dieser kommt wider Erwarten nicht wie üblich zum Abendessen, wo dessen so gut wie sichere Beförderung als Angestellter mit einem Muschelessen gefeiert werden soll. Je länger der Vater ausbleibt, desto stärker werden aus der subjektiven Erinnerung der Tochter (Ich-Perspektive, meist innerer Monolog) dessen katastrophale Erziehungsmethoden und Verhaltensweisen sichtbar, die typische Züge des DDR-Regimes aufweisen. Auch die Familie distanziert sich immer mehr von ihm und wünscht sich, dass er nicht mehr wieder käme.

Am Schluss, als das Telefon klingelt, entscheidet sich die Mutter, den Hörer nicht abzunehmen, sondern lässt ihren Sohn die toten Muscheln als Symbol für den nicht mehr vorhandenen Vater und DDR-Staat entsorgen.

2. Charakteristik des Vaters (mit Vergleichen zur DDR)

2.1. Vorgeschichte u. Beruf des Vaters

Der „unehelich(e)“ Vater hat sich „aus armen Verhältnissen“ ... „empor hat kämpfen müssen“ (49). In Wahrheit hat ihm seine Mutter durch stricken und Körbe flechten Mathematik-Studium (49) und beruflichen Aufstieg ermöglicht. Er ist aber sehr undankbar, schämt sich zeit seines Lebens seiner niederen Herkunft und will von seiner Mutter nichts mehr wissen. Der Vater übernachtet nicht bei ihr, sondern im Dorfgasthaus, da es bei ihr nicht „sauber und appetitlich, sondern „ungepflegt“ sei, und verachtet „das Niedere“(51) an ihr. Er isst nur bei ihr, wenn sie sich eine Köchin nimmt, schreibt ihr nie und beschimpft sie wegen ihres Hände-Zuckens. Als sie stirbt, ordnet er aus verdrängten Schuldgefühlen ein völlig übertriebenes Begräbnis an („prächtigste Grab im Dorf“, über 100 Trauergäste, 52). In typisch fehlender Selbstwahrnehmung wirft er seiner Tochter, die infolge seiner ungeheuren Heuchelei nicht zur Beerdigung ihrer geliebten Oma geht, „Pietätlosigkeit“(53) vor.

Noch während seines Studiums in Ost-Berlin muss er wegen Schwangerschaft seiner späteren Frau mit der Tochter heiraten – ein „fürchterlich dörflicher Skandal“ (21), da sie aus gutem Hause kommt. Er lehnt eine Abtreibung ab, da er angeblich „Verantwortungsgefühle hat und Moral“ (21).   

Seine fragwürdige Moral zeigt sich bereits, als die Familie nach Heirat und Geburt der 2 Kinder ca. 1958 in den Westen flüchtet. Er überlässt seiner Frau die Verantwortung für die schwierige Fluchtvorbereitung und weigert sich im Flüchtlingslager, eine Arbeit am Bau anzunehmen, weil er „nicht für solche Arbeit gemacht“ (21) sei. Da er „logisch abstrakt“ denkt, lässt er die Mutter „praktisch konkret“ (21) handeln, wie Kohlen schleppen, den Papierkrieg um Wohnung, Essensmarken und Arbeitsgenehmigung erledigen. Er hasst ihr Heulen, findet dies zynischerweise aber in der Schlange und vor Beamten richtig, weil es hier vorteilhaft ist (21).

Bei illegalem Grenzübertritt wird er wegen Besitzes von 2 kg Bananen verhaftet, da er sich wieder „zu ungeschickt“ (9) anstellt, was er jedoch verdrängt und als „politische(n) Widerstand“ (9) hinstellt. Eine 3. Schwangerschaft wird durch Abtreibung verhindert, an der die Mutter fast stirbt, was er ihr aber ebenso vorwirft wie ihre lange Krankheit und ihr schlechtes Aussehen danach (Sich-gehen-Lassen, 22).

Er unternimmt viele Dienstreisen, übernachtet oft in Tagungshotels und kommt erst am Wochenende nach Hause Auf diesen Tagungen hält er „brillant(e)“ Vorträge über eines „der schwierigsten und heikelsten Gebiete der Naturwissenschaften“ (7). Angeblich entwickelt er dabei „außergewöhnliche didaktische Fähigkeiten“ (7), hat hohe Fachkompetenz und weiß das Publikum von sich und seinen Vorträgen zu begeistern.

Wenn er seine Vorträge zu Hause vorbereitet, muss die Familie „mucksmäuschenstill“ (7) sein und ihn für seine schönen Folien loben (wie DDR, die auch kein Aufmucken oder gar Kritik und nur Lob erwartete). Als Angestellter ist er extrem ehrgeizig - eine Beförderung ist so gut wie sicher - und er will „höchster Angestellter“ (61) werden. Gesellschaftliche, Karriere fördernde Verpflichtungen nimmt er gerne wahr, wozu auch der verschwenderische Kauf „von immer teureren Autos“ (62) gehört. Andere dagegen erledigt er nur widerwillig, z.B. den Besuch der „Abonnementkonzerte“, bei denen er sich langweilt und die er sofort nach seiner Beförderung kündigen will, um sich dann dem Wagnerkult zuzuwenden (62).

2.2. Charakterzüge des Vaters

Um den „Armeleutegeruch“ loszuwerden, besteht er auf frischen „weiße(n) Tischdecken“ (22), obwohl das Waschen für die Mutter sehr anstrengend ist, und gibt in Lokalen „gigantische Trinkgelder“, ohne die Quittungen für Abrechnung mit Firma u. Finanzamt aufzubewahren und ihre Einwände zu beachten, dass „das Geld sowieso nicht reicht bis zum Monatsende“(22).

Aus Verschwendungssucht und Vollständigkeitswahn abonniert er auch Spiegelausgaben und deutsche Briefmarkensammlungen ab 1949 als „Zukunftsanlage“ (30) für seine Kinder, obwohl sie dies nicht wollen. Einwände seiner Frau wg. hoher Kosten wertet er als „Kleinlichkeit“ und Provinzialismus“ (30) ab und verspottet sie als „Krämerseele“ (57). Ferner investiert er mehrfach bei dubiosen Aktienvertretern „unser gesamtes Geld“ (57) in japanische Aktien und erleidet dabei Totalverlust. Daraus lernt er aber nicht (unbelehrbar), sondern beschimpft und verspottet stattdessen seine Frau mit ihren Kleidern, die sie aus Finanznot im Schlussverkauf erwirbt, als „graue Maus“ ohne „Pep“ (58), mit der man nicht ausgehen könne, da er natürlich „maßgeschneiderte Anzüge“ (58) trägt, sie aber nur „Ladenhüter“(57f.).

Er schämt sich seiner Frau wie bei seiner Mutter, zumal sie sich, im Gegensatz ihm, dem „weltgewandte(n) Mann“ (58), nicht so gut in Gesellschaftsdingen auskenne. Die Schuld am Misserfolg gibt er stets ihr und ist in perverser Verdrehung von Ursache und Wirkung der Beleidigte (Sündenbockfunktion!), wenn etwas schiefläuft (wie DDR, die durch äußeren Prunk und große Aufrüstung viel Geld verschleuderte, ebenfalls aus Fehlern nichts lernte und die Schuld für eigene Misserfolge dem mangelnden Arbeitseinsatz der Bürger anlastete. Auch ihr internationales Auftreten stand in krassem Gegensatz zu ihrer peinlichen Provinzialität und deutschen Spießigkeit).

Da für ihn nach der „Flucht in den Westen ein neues Geschichtsbild fällig“ (32) ist, kauft er ein 20-bändiges Geschichtslexikon. Im Westen erhielten seine Kinder „ein falsches, zu oberflächliches Geschichtsbild“, eine „Husch-husch-Bildung“ (32), nichts gründlich, „nur war es drüben eben leider das Falsche gewesen“ (33). Seine ‘Hilfe’ bei den Hausaufgaben der Kinder ist extrem umständlich, ungeschickt und widerspricht seiner angeblich begeisternden Vortragskunst. Auch beim Vergleich seiner Fähigkeiten mit denen der Kinder (Schule, Sport etc.) wird seine fehlende Selbstwahrnehmung deutlich. Eine 1 der Tochter wertet er als bestenfalls 4 (im Vergleich zu seinen Noten) ab, eine 4 des Bruders zeige, dass dieser ein totaler Versager und „stinkend faul“ (27), hart zu bestrafen sei und mütterliches Erbe haben müsse. Dabei weist er das beklagte „Dünnbrettbohren und Trittbrettfahren“ (33) genauso auf (Äußerlichkeit u. Anpassung an Firma) wie die DDR (Oberflächlichkeit + unkritisches Nachahmen der UdSSR).

Seinen Willen setzt er stets rücksichtslos und brutal durch, bei Musikgeschmack (Verdi), Urlaub (nur sonnige Gegenden) und den stereotypen Sonntagsausflügen (Es ist ihm egal, ob Tochter schlecht wird, da er zu schnell fährt und im Auto raucht.). Wenn seine Familie darunter leidet, wirft er ihnen Charakterschwäche (43) vor und quält sie bei Sonnenbrand mit Zitronensaft, was diese als „Martyrium“ und „Fegefeuer“ (40) empfinden.

Bei ihm gibt es kein „billigstes Gratisverständnis“ (42), da er sich angeblich hat „durchboxen müssen (43), wobei sich zeige, „wer Charakter hat“ (43). Dazu erzählt er der Tochter die Geschichte vom brutalen Vater, der seinem Sohn verspricht, ihn aufzufangen, aber fallen lässt mit dem Hinweis, nicht mal dem eigenen Vater zu vertrauen. Beim Springen vom Dreimeterbrett zwingt er den Sohn, noch einmal zu springen und zu leugnen, dass es schlimm war, wobei die Tochter nicht mit Geld belohnt wird, da sie kein 2. Mal springt und dem Vater widerspricht (wie DDR).

Das Familienleben überwacht er streng und duldet weder Abweichungen von seinen Maßregeln noch „Heimlichkeiten“ (41). Er erteilt keine direkten Verbote, sondern zeigt durch sein Verhalten, was die Familie zu tun und zu lassen hat. Das gegenseitige Verpetzen (17) dient seiner sadistischen Machterhaltung, was er ebenso genießt wie „das Strafen festsetzen und Ordnung schaffen“(24) (wie DDR, besonders Stasi).

Als Mathematiker zieht er gerne angeblich „logische Schlüsse“, mit denen die Welt zu ergründen sei, wobei Musisches und Kultur als „reiner Überfluss“ „keinen Motor zum Laufen bringt“. Er benutzt aufgeblasene Fachbegriffe im Alltag (toxisch, 16) und lehnt „das Verweinte und Sentimentale“ (19) an der Mutter ab. Phantasien sind für ihn „reine Gedankenverschwendung“(12). Nichtstun (52) bei Oma und Tochter bekämpft er radikal (wie DDR).

Am schlimmsten ist jedoch seine unglaubliche Abwertung und Brutalität gegenüber seinen Kindern. Die bei der Geburt behaarte Tochter bezeichnet er als „Affe“, „Teufel“, „Satansbraten“(45,47) und wirft sie wegen ihres infernalischen Gebrülls gegen die Wand, so dass sie einen Hüftschaden davonträgt (47f.). Bei seinen sadistischen Strafritualen wegen Nichtigkeiten schlägt er die Kinder äußerst hart ins Gesicht, wirft sie gegen einen Schrank und tritt auf die am Boden liegende Tochter mit Holzpantoffel ein, so dass die Kinder an Selbstmord denken (54).

   Auch passiven Widerstand (Hänschen-klein-Singen des Sohnes) versucht er mit aller Macht zu brechen. Immer müssen sich die Kinder für ihr ‘Fehlverhalten’ entschuldigen, sonst werden sie mit totaler Isolation und Missachtung bestraft (wie DDR).

2.3. Beziehungen des Vaters zu den anderen Familienmitgliedern sowie Frauen-, Männer- und Familienbild

Er kommt stets um 17.30 nach Hause, trinkt erst Bier und erwartet pünktliches Abendessen um 18 Uhr, wie in „eine(r) richtige(n) Familie“, von der er trotz fehlender Kenntnis „genaueste Vorstellungen“(14f.) hat. Er fordert Disziplin (Respekt vor Mutter, 13), Ordnung (Hemdknopf beim Sohn, 64, kurze Haare, 59), Sauberkeit, Tischmanieren (59) und duldet kein „Verwildern“ (13). Die Kinder haben daher keine Freunde, da diese davon abweichen und deshalb aus ärmlichen Verhältnissen kommen oder neureich (Softeis,59) sind (wie DDR, auch Gemeinsamkeiten mit Nazi-Regime).

Er hat ein sehr traditionelles Männer- und Frauenbild. Seinen Sohn lehnt er radikal ab, auf den er nicht stolz sein kann (27), da dieser schon als Baby sanft, weich, niedlich und Mutters „Schmusekind“ (17) war, so dass er beide als „geblümte Existenzen“ (27) abwertet. Auch kann sein Sohn - anders als er - nicht richtig Fußball spielen und hat schlechte Noten, weshalb er ihn brutal schlägt, um ihm das Weiche auszutreiben.

Die Tochter lehnt er als „hässlich“ (Affe, krumme Beine, Pickel, 25f.) ab, zumal sie ihm nicht gehorcht, d.h. nicht sein Liebling sein will.

Extreme Frauenfeindlichkeit zeigt er auch bei seiner Frau, die sich immer für ihn umstellen (3 Gesichter, 13), jede „niedere Arbeit“ verrichten muss und als Sündenbock für eigene katastrophale Fehler benutzt und ständig demütigt wird (Vergleich mit schönen Sekretärinnen). Seine eigene „stinkende Faulheit“ führt dazu, dass er sie bei hohem Fieber zur Hausarbeit zwingt, in ihrer Abwesenheit alles liegen lässt und sie sogar mit „Nierenbeckenentzündung“ (66) aus dem Krankenhaus holt. Er redet ständig über seine Arbeit, sie darf aber nicht über die Schule reden, da dies unwichtig ist. Dennoch ist seine Familie für ihn eine einzige Enttäuschung (24). Er weist (wie die DDR) alle negativen Eigenschaften, die er bei anderen beklagt, selbst auf und leidet unter fehlender Selbstwahrnehmung, radikaler Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühlen, die er mit Alkohol und äußerster Brutalität bekämpft. Das Ende vom tyrannischen Vater (Staat) wirkt so wie eine Erlösung, aber mit traumatischen, bis heute spürbaren Folgen.

2. Aufgabe: Charakteristik des Bruders

Charakteristik des Bruders

Der Bruder war im Gegensatz zur älteren Schwester ein „niedliches Baby“, „sanft“, „blond“ und ein „unverwüstlich lächelndes“ ... „Goldkind der Mutter“(48). Dies ist dem Vater – im Gegensatz zu seiner Frau – von Anfang an „verdächtig“ und „sonderlich vorgekommen“ (48).

Seine „dauernde Niedlichkeit“ fand der Vater immer „jämmerlich“ (48), und da sein Sohn „als Kind manchmal Kleidchen hat tragen wollen“ (48), bezeichnet der Vater, der dieses „Weichliche“ nicht ausstehen kann, diesen – wie auch seine Tochter – als „die reinste Enttäuschung“ (25). Er ist „Mutters Sohn“ (17), „sehr anschmiegsam“ und „ein Schmusekind“, das die Mutter küsst, nicht aber seine Schwester, die das strikt ablehnt (17). Der Bruder entspricht überhaupt nicht dem Bild des Vaters von einem richtigen Sohn. Das „Verträumte“ (27) beim Sohn und seiner Frau, die er hierfür verantwortlich macht, findet er unausstehlich und nennt das „geblümte Existenzen“ (25).

Der Bruder mag für sein Leben Pommes Frites u. bezeichnet seine Mutter, auf die er sehr stolz ist, als „beste Pommes-Frites-Macherin“ (8).

Er bemüht sich durchaus, seinem Vater zu gefallen, da er „gut Volleyball spielt“ (25) und eifrig trainiert, Dies nützt aber nichts, da der Vater diese Sportart nicht spielen und deshalb auch nicht leiden kann. Beim Fußball stellt sich der Bruder dagegen zum Entsetzen des Vaters, der dieses Ballspiel früher wie auch alles andere angeblich „sehr gut gemacht“ (25) hat, „linkisch und ungeschickt“ an. Aus Angst vor dem ihn vom Fenster aus beobachtenden Vater fürchtet er sich „geradezu schrecklich vor diesem Fußball“ (25).

Seine schulischen Leistungen sind viel schlechter als die seiner Schwester. Da der Vater angesichts der heutigen „Husch-husch-Bildung“ (32) schon die Einsen seiner Tochter bestenfalls als Vieren bewertet (33), empfindet er die Vieren des Bruders als Provokation. Sein Sohn ist für ihn ein totaler Versager (34) und „einfach dumm und stinkend faul“ (27), was natürlich nur ein mütterliches Erbteil sein kann.

Da der Bruder von seiner Mutter immer verpetzt wird und - anders als seine Schwester - nicht gut lügen kann, muss er die sadistischen Bestrafungen des Vaters noch viel intensiver („für meinen Bruder ... eher schlecht gewesen“, 18) über sich ergehen lassen, die er als „Menschenquälen“ (20) bezeichnet. Oft kommt er „nasenblutend und heulend“ (26) aus dem Wohnzimmer. Der Schrank ist dem Sohn ganz verhasst, denn der Vater holt „sich erst einen Kognak aus der Bar im Wohnzimmerschrank heraus, bevor es losgeht“ (28).

„Wenn er hinterher in sein Zimmer gesperrt war, hat (er) immer laut gesungen ..., immer dasselbe Lied, nämlich Hänschen-klein“ (54). Dieses Kinderlied handelt davon, dass Hänschen in die weite Welt hinausgeht und nur wegen seiner Mutter zurückkehrt. Ein Vater kommt in diesem Lied nicht vor. Dies erbost seinen Vater, der ihn nochmals schlägt, ihm aber dieses Lied nicht austreiben kann. Auf der anderen Seite hält er - im Unterschied zu seiner Schwester - seinen Widerstand nicht lange durch, da er auf Bitten der Mutter „sich immer am selben Abend noch gleich entschuldigt, damit wieder alle mit ihm reden“ (55). Trotzdem hat der Sohn infolge der dauernden schweren Misshandlungen und Erniedrigungen Selbstmordgedanken und sagt: „Immer habe ich Lust, aus dem Fenster zu springen, ich bin richtig süchtig danach“ (56).

Wie sehr die Geschwister auch psychisch unter der Tyrannei des Vater leiden, zeigt die Tatsache, dass beide alle Fingernägel bis auf das rohe Fleisch ab- und blutig gekaut haben, dies jedoch aus Scham vor dem anderen verbergen möchten (69f.).

Zwischen Schwester und Bruder herrscht statt Solidarität Geschwisterrivalität um die Gunst des Vaters, da sie ihm unterstellt, dass er sie verpetze, um sich beim Vater einzuschmeicheln (17), während er meint, sie petze, um zu zeigen, dass sie „Vaters Tochter“ (17) ist. Auch der Sohn verpetzt die anderen, da in der Familie „jeder jeden verpetzt“ (20 u.).

Da es kaum möglich ist, es seinem Vater recht zu machen, gibt er schließlich den Versuch auf, seinem Vater zu imponieren, und stellt resignierend fest: „Ich kann ja doch machen, was ich will“ (27). Er ist so abgestumpft, dass er anfangs eher ahnungslos (8) und wenig sensibel erscheint. Aber auch bei ihm ist dann bald die Stimmung umgeschlagen“ (15). Er beschwert sich nun darüber, dass sie tatenlos dasitzen („Wir sitzen hier rum wie bestellt und nicht abgeholt“, 13). Bei den langweiligen Sonntagsausflügen mault der Bruder manchmal („nicht schon wieder“, 37), wagt es aber nicht, sich dem Vater zu widersetzen.

Der Sohn hat – wie die Mutter und seine Schwester auch – viele „Heimlichkeiten“, die der Vater nicht erfahren darf („der gesamte Fahrradkeller war voll davon“, 41f.). Als der Vater immer länger ausbleibt, stellt auch er wie die anderen fest, das Verhalten des Vater sei „Tyrannei, lieber keine richtige Familie als so eine“ (42). Auch er könne „ein paar Pfund Verständnis gebrauchen“ (42).

Wenn der Vater nicht zu Hause ist, beschäftigt er sich jedoch auch mit seiner Schwester. Dann machen sie „oft die niedere Arbeit („Einkaufen, Abwaschen, Aufräumen“) gemeinsam“ (42) und erzählen sich dabei stundenlang erfundene und wahre Geschichten.

Er geht wie sie gerne schwimmen, wobei er beim Kopfsprung etwas mutiger ist als sie. Obwohl er mehrfach aus Angst wieder vom Brett heruntersteigt und heult, springt er schließlich doch, um den Vater nicht noch mehr zu enttäuschen, und erhält als Belohnung 5 DM. Er ist so stolz, dass er dessen Frage, ob es wirklich so schlimm gewesen sei, wahrheitswidrig mit „überhaupt nicht“ (44) beantwortet.

Für die Geschwister gibt es wie für die ganze Familie „keine passenden Freunde“ (59), da sie entweder aus angeblich armen Verhältnissen stammen, was der Vater sofort am nicht manierlichen Essen am Tisch, an der Sprache oder gar an langen Haaren feststellt, oder sie sind neureich und daher kulturlos, was er z.B. am Softeis essen eindeutig erkennt (59).

Für den Bruder sind die Abo-Konzerte, die der Vater eigentlich auch nicht mag und nur deshalb besucht, da er dort hochrangige Kollegen aus seiner Firma trifft und ein „höchster Angestellter“ (61) werden will, „die reinste Qual gewesen“ (63). Ihn quält nämlich während dieser Konzerte, bei denen sie die ganze Zeit still sitzen müssen, sein oberster Hemdknopf, den er zumachen muss. In seiner Not beginnt er „den Hals in alle möglichen Richtungen hin- und herzudrehen und zu recken“ (64), und bekommt sogar Schluckbeschwerden.

Der Vater bezeichnet ihn als „Christian Buddenbrook“ (Figur aus Thomas Manns gleichnamigem Roman. Dieser Sohn gilt als unfähig und landet am Schluss in der Nervenheilanstalt). So einen Sonderling wolle er nicht in der Familie haben. Auch der Bruder möchte kein Christian Buddenbrook sein, kann aber wegen des zu engen Hemdkragens seine körperlichen Abwehrreaktionen nicht unterdrücken (64).

Gegen Ende sagt er über den Vater, den die Mutter noch immer noch so sehr fürchtet, dass sie eine Frage der Tochter wegen der Fortsetzung der Abo-Konzerte als „Blasphemie“ (67), d.h. als Gotteslästerung bezeichnet: „ ... er ist auch nur ein Mensch“ (67). Ebenso kommentiert er ihre Entschuldigungsversuche bezüglich des väterlichen Fehlverhaltens sarkastisch mit „Amen“ (67).

Am Schluss sagt er mit heiserer Stimme, als das Telefon endlos klingelt: „Vielleicht ist es ja jemand anders“ (70), und entsorgt dann auf Anordnung der Mutter symbolisch mit den toten Muscheln auch den nicht mehr auftauchenden Vater (71).