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GREGOR SCHRÖDER

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Literatur & Interpretation

Weiterführender Schreibauftrag

Einführung

Erfahrungsgemäß fällt dieser Aufgabentyp einigen Schüler/-innen – gerade den männlichen – besonders schwer. Meist schreiben die Personen in einer bestimmten Situation einer literarischen Text einen Brief, in dem sie ihr Verhalten begründen. Dabei sollte besonderer Wert darauf gelegt werden, dass die jeweilige Situation, die Verhaltensweisen und Charakterzüge der betreffenden Personen sowie die Intentionen des Textes zutreffend erfasst werden.

Zentrale schriftliche Abiturprüfung in Deutsch / Aufgabenarten I und II: Analyse eines Sachtextes bzw. eines literarischen Textes:

Weiterführende, produktionsorientierte Schreibaufträge sind – den Lehrplanvorgaben folgend –immer an den vorausgehenden analytischen Auftrag gebunden. Bei der Umsetzung des produktiven Schreibauftrags werden analytisch-konstruktive und intuitiv-kreative Momente miteinander verknüpft. Die Schüler/-innen müssen Vorgaben der Textvorlage bei der eigenen Gestaltung berücksichtigen und ihre Lösung unter Beachtung literarischer Muster, poetischer Repertoires oder textsorten-spezifischer Anforderungen selbständig entwickeln. Neben der eigentlichen Textproduktion wird in der Regel gefordert, die eigene Textgestaltung zu erläutern und zu begründen.

Im Folgenden sind 10 Beispiele bzw. Lehrererwartungshorizonte zu folgenden literarischen Texten aufgeführt:

1. Peter Bichsel: die Tochter (KG) PDF-Datei

2. Peter Bichsel: San Salvador (KG) PDF-Datei

3. Irene Dische: Liebe Mom, lieber Dad (Brief)

4. Georg Büchner: Woyzeck (Drama)

5. Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame (Drama)

6. G.E. Lessing: Emilia Galotti (Drama)

7. Frank Wedekind: Frühlings Erwachen (Drama)


1. Peter Bichsel: die Tochter (KG)

1. Aufgabe:

Schreibe einen Brief der Tochter an ihre Eltern, in dem sie ausführlich begründet, weshalb sie vorerst nicht mehr zu ihnen kommt und sich ein Zimmer in der Stadt genommen hat.

Liebe Eltern,

ihr habt euch sicher schon große Sorgen um mich gemacht, weil ich gestern nicht nach Hause gekommen bin. Aber ich war einfach nicht mehr in der Lage, so wie jeden Abend vom Büro nach Hause zu kommen.

Schon den Gedanken an den immer gleichen Ablauf des gemeinsamen Abendessens mit euch kann ich nur schwer ertragen. Warum wartet ihr immer eine Stunde am gedeckten Tisch, nur weil ich jetzt, seit ich in der Stadt arbeite, eine Stunde später nach Hause komme? Habt ihr denn nichts Besseres zu tun, als nur dazusitzen u. euch vorzustellen, was ich angeblich alles so wahnsinnig Interessantes in der Stadt mache?

Beim Abendessen wollt ihr dann immer nur hören, was ich alles Tolles erlebt habe und wie gut ich doch Französisch kann, damit ihr wieder mal stolz sein dürft auf mich, das ich ja so viel mehr kann als ihr.

In Wahrheit kann ich doch nur ein bisschen Schulfranzösisch, bin überhaupt nichts Besonderes, und mir geht es in letzter Zeit auch gar nicht gut. Die Situation zu Hause bei euch deprimiert mich immer mehr. Meine Arbeit im Büro ist furchtbar langweilig und mein Chef belästigt mich öfter und droht mir, mir zu kündigen, wenn ich das nicht mit mir machen lasse. Ich fühle mich oft so einsam! Aber genau das kann ich euch nicht erzählen, weil ihr ein so übertrieben idealisiertes und unrealistisches Bild von mir habt. Ihr würdet das gar nicht verstehen und aus allen Wolken fallen.

Für euch bin ich nicht Monika, sondern nur ein liebes Kind, das immer das zu tun hat, was ihr als Eltern wünscht! Dabei bin ich doch erwachsen. Ich heiße Monika und möchte von euch als eigenständige Persönlichkeit mit allen Vorzügen, aber auch Schwächen und Fehlern anerkannt und wertgeschätzt werden!!

Natürlich bin ich nicht ganz unschuldig an der jetzigen Situation. Ich selbst habe diese Rolle der braven und lieben Tochter bis heute angenommen und mich nach außen hin nie dagegen gewehrt.

Da ich aber eure Verhaltensweisen und Ansichten in Wahrheit als sehr rückständig und monoton empfunden und mich besonders für Mutters altmodische Garderobe immer geschämt habe, wollte ich ganz anders sein. Deshalb habe ich mich immer nach der neuesten Mode gekleidet und versucht, in allem ganz modisch und modern zu erscheinen.   

Auch habe ich Wörter wie „tearoom“ benutzt und ein Modejournal unter dem Arm getragen, damit jeder gleich merkt, wie weltoffen und interessant ich doch bin.

Leider haben viele Männer dies missverstanden und gemeint, dass ich sehr oberflächlich sei. Daher versuchten sie nur, mich rumzukriegen, so dass ich meine liebe Not damit hatte, solche ekelhaften Kerle wieder loszuwerden.   

Das Schlimmste aber ist für mich, dass ich niemand habe, mit dem ich darüber reden, dem ich all meine Sorgen und Ängste anvertrauen kann!

Deshalb saß ich da, Abend für Abend, am Esstisch und musste dauernd eure stereotyp-langweiligen, oberflächlichen Fragen über mich ergehen lassen. Wie oft wäre ich am liebsten aus der Haut gefahren!! Ich habe mich für euch, aber auch für mich selbst furchtbar geschämt! Deshalb bin ich immer gleich nach dem Abendessen auf mein Zimmer gegangen. Manchmal habe ich stundenlang auf meinem Bett gesessen und einfach nur geweint!

Auch heute ging es mir nach der Arbeit so schlecht, dass ich mich fast übergeben hätte. Als ich mich dann zum Bahnhof schleppte, traf ich völlig überraschend eine frühere Schulfreundin Karin, die ich immer sehr gemocht habe. In einem Cafè erzählte sie mir, dass sie wie ich in der Stadt eine Arbeit gefunden habe und jetzt eine Wohnung für sich suchte. Man habe ihr eine sehr schöne, preiswerte und riesige 3-Zimmer-Wohnung angeboten, die sie aber sofort mieten müsse. Sie wisse gar nicht, wie sie sich entscheiden solle.

Als ich das hörte, war ich natürlich überglücklich und bot ihr an, die Wohnung mit ihr zusammen zu mieten und auch gleich einzuziehen. Es ist nämlich eine möblierte Wohnung eines sehr netten älteren Ehepaars. Karin war ganz begeistert von meinem Vorschlag. Wir gingen sofort hin und mieteten die Wohnung. Zum 1. Mal in meinem Leben habe nun jemanden, mit dem ich über alles reden kann. Karin ist ja so verständnisvoll!! Ich merke, wie gut mir das tut.

Entschuldigt meine große Offenheit, aber ich glaube, dass wir nur so wirklich Verständnis für einander entwickeln können. Ich hoffe, ihr könnt verstehen, dass ich jetzt erst einmal etwas Abstand brauche und zu mir selbst kommen muss. Natürlich liebe ich euch von ganzem Herzen und bin sehr traurig darüber, dass ich euch eine Zeitlang nicht sehen kann.

Ich muss mich jetzt erstmal an die völlig neue Situation und das Zusammenwohnen mit Karin gewöhnen! Sobald es mir dann wieder gut geht, schreibe ich euch einen weiteren Brief. Hoffentlich habt ihr bis dahin den Schock über mein Ausbleiben überwunden. Vielleicht kann ich euch ja schon in ein paar Wochen besuchen!

Es umarmt euch ganz innig und liebevoll

Eure Tochter Monika


2. Peter Bichsel: San Salvador (KG)

2. Aufgabe:

Schreibe einen lösungsorientierten Dialog per Telefon zwischen Hildegard (H) und ihrer Mutter (M), die Pauls Abschiedsbrief findet und mit ihr darüber spricht - und besonders über ihre Beziehung zu Paul.

H: „Hallo, Mama. Entschuldige, dass ich nach 21.30 Uhr noch anrufe, aber ich muss dir unbedingt etwas sagen! Ich bin gerade von der Chorprobe nach Hause gekommen, aber Paul war nicht da. Stattdessen habe ich auf dem Küchentisch ein Blatt Papier gefunden. Auf das hat Paul geschrieben: ‘Mir ist es hier zu kalt. Ich gehe nach Südamerika. Paul’. Auch ein neuer Füller und ein Blatt mit der Adresse seiner Eltern lag daneben. Ich weiß gar nicht mehr, was ich mit Paul anfangen soll! Vorsichtshalber habe ich gleich seine Hemden im Schrank gezählt. Aber die waren natürlich alle noch da. Er wollte mich wohl nur erschrecken, bevor er wieder in ein Lokal geht. Da sein Stammlokal der ‘Löwen’ heute geschlossen hat, wird er wohl in die Kneipe gegenüber gegangen sein.“

M: „Hilde, das ist ja furchtbar! Warum erzählst du mir das erst jetzt? Geht das schon länger so mit ihm? Ich war damals bei eurer Hochzeit so glücklich, dass du so einen liebevollen Mann bekommen hast, der eine großartige Karriere vor sich hatte.“

H: „Er ist ja sehr gebildet und hätte alle beruflichen Aufstiegschancen gehabt. Sogar Chefdolmetscher hätte er werden können, da er so gut Englisch, Französisch und Spanisch spricht. Aber seit seiner Kündigung hat er sich so verändert! Er sitzt die ganze Zeit in der Küche, liest Zeitungen und raucht ständig wie ein Schlot, obwohl ich ihm das verboten habe. Er ist überhaupt so unordentlich! Ständig muss ich hinter ihm her räumen und ihn kontrollieren. Abends ist er oft weg. Er geht allein ins Kino und betrinkt sich immer öfter im ‘Löwen’. Ich bin schon froh, dass er wenigstens noch auf die Kinder aufpasst, wenn ich z.B. Chorprobe habe. Ich muss mich langsam richtig schämen für ihn! Wenn andere mich nach ihm fragen, muss ich irgendwelche Ausreden erfinden oder sogar lügen. Deshalb habe ich ein schlechtes Gewissen, da man doch immer die Wahrheit sagen muss!“

M: „Warst du mal beim Nervenarzt mit ihm? Vielleicht ist mit Paul etwas nicht in Ordnung.“

H: „Der schickt Paul doch nur in die Nervenheilanstalt. Und was habe ich dann davon? Ich bin ja so froh, dass wir nicht zur Miete wohnen und ihr uns finanziell so großzügig unterstützt, sonst wäre ich total hilflos! Ich habe schon bei der letzten Beichte mit unserem Pfarrer gesprochen. Aber er hat mir nur gesagt, dass ich das als christliche Frau eben ertragen muss, da nur der Tod uns scheiden kann.“

M: „Hilde, du wirst doch nicht an Scheidung denken! Wie stehst du denn dann da vor den Leuten! Außerdem geht das doch ohne seine Einwilligung gar nicht. Du musst auch an die Kinder denken! Hast du mit Paul mal über seine Probleme und eure Beziehung gesprochen?“

H: „Was soll ich denn mit ihm reden? Wie oft habe ich ihm gesagt, dass er sich eine Arbeit suchen und sich bewerben muss! Er schaut mich dann aber nur traurig an und sagt nichts. Höchstens, dass er nicht mehr leben will. Daher habe ich es in letzter Zeit aufgegeben, überhaupt noch mit ihm zu reden. Er hat ja auch keine Freunde, mit denen er reden kann und die ihm weiterhelfen könnten. Auf mich hört er ja gar nicht mehr!“

M: „Hilde, vielleicht musst du einfach mehr auf Paul eingehen! Die Kündigung war sicher ein großer Schock für ihn, besonders weil er doch eigentlich so ehrgeizig ist. Ich habe fast den Eindruck, dass du ihn durch deine ständigen Anforderungen, deine übertriebene Kontroll- und Ordnungssucht völlig überforderst. Da ist es doch kein Wunder, dass er allen Problemen ausweicht, zu nichts mehr fähig ist und sich völlig wertlos fühlt. Du musst ihn gerade jetzt unterstützen, ihm zeigen, dass du ihn liebst und ihn wertschätzt.“     

H: „Mama, woher habe ich denn das alles? Du hast mich doch so erzogen!!“

M: „Hilde, du hast ja recht. Vielleicht habe ich dich ein bisschen zu streng und nicht liebevoll genug erzogen. Aber damals war ja die Nazizeit und dann noch der Krieg. Heute ist das doch alles anders! Dein Vater ist auch nicht immer besonders ordentlich. Das ist bei Männern eben so. Du solltest einfach viel liebevoller mit Paul umgehen. Bei den Kindern kannst du das doch auch! Er ist doch schließlich ein so herzensguter Mensch! Ich habe mit Vater auch so manche Krise durchlebt. Aber wir haben immer zusammengehalten, auch in den schweren Kriegszeiten, wo wir fast nichts zu essen hatten. Vater hat doch viele Beziehungen zu den Ministerien in Bonn. Ich werde ihn gleich bitten, sich darum zu kümmern. Er kann Paul sicher helfen, ganz schnell wieder eine Stelle zu bekommen. Wir unterstützen euch doch in jeder Hinsicht, so dass ihr nicht am Hungertuch nagen müsst! Du musst aber mit Paul reden, ihn öfter in den Arm nehmen, ihm sagen, dass du ihn wirklich liebst, immer zu ihm hältst und ihm helfen wirst. Du musst ihn jetzt unbedingt aufbauen, damit er beim Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck hinterlässt und sie ihn auch nehmen.“   

H: „Mama, du hast ja recht. Ich wäre ja so glücklich, wenn Paul wieder eine Arbeit hätte! Dann würde er es sicher schaffen, seine Selbstmordgedanken und sein apathisches Dasitzen zu überwinden. Ich glaube, ich habe Paul wirklich in der letzten Zeit gar nicht mehr beachtet. Ich schäme mich, dass ich in letzter Zeit so gefühllos zu Paul war. Aber ich habe selbst unter seinem Zustand so sehr gelitten! Das kannst du dir gar nicht vorstellen! Ich konnte ja mit niemandem darüber reden.“

M: „Hilde, ich bin ja so froh, dass du mir jetzt alles erzählt hast! Hoffentlich kann Vater ihm in ein paar Tagen eine neue Stelle vermitteln. Dolmetscher werden doch überall dringend gebraucht!“

H: „Mama, sobald Paul zurückkommt, werde ich ihn in den Arm nehmen und mit ihm reden. Ich bin dir ja so dankbar für alles, was du für uns tust! Tschüss, Mama!“

M: „Tschüss, mein Kind! Ganz liebe Grüße auch an die Kinder. Ich bin sicher, dass Vater für Paul das Richtige findet.“


3. Irene Dische: Liebe Mom, lieber Dad, 1989 (Brief)

Liebe Mom, lieber Dad,

bitte entschuldigt, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich kann mir vorstellen, dass Ihr Euch meinetwegen Sorgen gemacht habt, aber ich konnte wirklich nicht anrufen. Bis gestern lag ich im Krankenhaus. Zum ersten Mal seit anderthalb Monaten sitze ich wieder an einem Tisch. Nach unserem Streit vor sechs Wochen wegen Ralph, der Euch nicht gefällt, weil er so viel älter als ich und überhaupt eine seltsame Wahl ist, weil er kein Arzt oder Anwalt ist wie alle anderen, die ich kenne, war ich so wütend, dass ich mich besser nicht ans Steuer gesetzt hätte. Jackie hatte die ganze Zeit im Wagen auf mich gewartet. Sie ist immer meine beste Freundin gewesen. Ich war doch bloß vorbeigekommen, um Euch kurz zu umarmen. Danach wollten wir weiterfahren – über das Wochenende nach Maine, wo Ralph eine Farm hat. So arm ist er nämlich gar nicht, wisst ihr. Ich war hereingekommen und sagte: „ich wollte euch bloß Guten Tag sagen, ich bin auf dem Weg nach Maine.“ Da habt Ihr gleich angefangen, mir Vorwürfe wegen Ralph zu machen. Ihr werdet Euch daran erinnern. Als Du, Dad, meine Beziehung zu ihm eine „Katastrophe" nanntest und Mom zu weinen anfing, da habe ich eben kehrtgemacht und bin gegangen. Ihr seid hinter mir her, aber ich war schneller. Ich habe mich in den Wagen gesetzt, mit zitternden Händen. Jackie bot an, sie könne fahren. Aber ich wollte nicht. Ich fuhr zu schnell. Ich fuhr viel zu schnell. Jackie schrie mich an. Ich stand einfach auf dem Gaspedal. Hundertfünfzig bin ich gefahren. An einer Baustelle verengte sich die Straße, und ich übersah die Warnschilder. Ich geriet auf den Mittelstreifen, der Wagen brach durch die Leitplanke und schoss auf die Gegenfahrbahn. Ein kleiner Wagen, eine indische Familie mit vier Kindern, kam mir entgegen – ich krachte mitten in sie rein. Noch immer habe ich Jackies „Nein! Nein!“ im Ohr. Es waren ihre letzten Worte. Jackie ist tot. Ein siebenjähriger Junge in dem anderen Wagen hat überlebt, die Eltern und seine drei Geschwister sind tot. Er aber hat nicht die kleinste Schramme, die ihn von der neuen Wirklichkeit wenigstens einen Moment lang ablenken könnte. Was mich angeht – um beim Sichtbarsten anzufangen: Die Hüften und beide Beine sind zerquetscht. Das Gesicht ist völlig kaputt – die Nase gebrochen, die Wangenknochen gebrochen, ein Riss in der Stirn, sieben Rippen, der linke Arm und die linke Hand an fünf Stellen gebrochen. Ich habe auch innere Verletzungen – unter anderem einen Lungenriss. Drei Tage war ich auf der Intensivstation. Ralph kam mit dem Flugzeug von Maine, um bei mir zu sein. In Boston sollte eine Ausstellung mit seinen Bildern eröffnet werden, für die er seit mehr als einem Jahr gearbeitet hatte. Er fuhr nicht hin, sondern blieb, solange er konnte, bei mir. Irgendwann musste er zurück nach Maine, sich um die Tiere kümmern, und kam dann an den Wochenenden herüber.

Die übrige Zeit war ich allein. Ich habe vier Operationen hinter mir – in vier Wochen. Im Gesicht werde ich noch operiert. Vielleicht kann ich nie mehr richtig laufen. Kinder werde ich auch keine bekommen können. Aber das alles macht mir längst nicht so viel Kummer wie mein Gewissen. Ich habe fünf Menschen umgebracht. Jackies Eltern haben ihr einziges Kind verloren. Ein kleiner Junge hat alle seine Angehörigen verloren. Und ich bin schuld.

Liebe Mom, lieber Dad. Nichts von alledem ist wahr. Die Wahrheit ist, ich hatte bei Euch angehalten, um Euch eine freudige Nachricht zu bringen. Aber weil Ihr derart über Ralph hergezogen seid, konnte ich Euch nicht sagen, dass ich schwanger bin. Jetzt bin ich im fünften Monat. Letzte Woche haben Ralph und ich geheiratet. Entschuldigt den ersten Absatz: Ich wollte nur, dass Ihr meine Neuigkeiten im richtigen Licht seht. Wir leben in Maine, ich bin ungeheuer glücklich, und ich hoffe, Ihr besucht uns bald mal.

In Liebe

Eure Tochter Sarah  

(aus: Irene Dische, Fromme Lügen. Sieben Geschichten, 1989, S.27f.)

Irene Dische: deutsch-amerikanische Schriftstellerin, geb. 1952 in New York, lebt vor allem in Berlin, stammt aus einer Familie mit jüdischen und katholischen Wurzeln. Ihre Eltern sind aus Deutschland emigriert. Sie wird durch Veröffentlichung des Buches „Fromme Lügen. Sieben Geschichten“ (1989) einem größeren Publikum bekannt.

3. Aufgabe:

Entwerfen Sie einen Dialog zwischen „Mom“ und „Dad“ nach Erhalt des Briefes, in dem die Eltern ihr bisheriges Verhalten reflektieren.

Erwartungshorizont zur Bearbeitung der Aufgabe (FHR-Prüfung Deutsch)

Die Schüler/-innen sollten in dem Dialog zwischen „Mom“ und „Dad“ zunächst ein Elternteil kurz den zentralen Inhalt des Briefes (besonders die Diskrepanz zw. 1. und 2. Absatz, Z.38) wiedergeben lassen. Dabei könnte neben Betroffenheit oder gar Empörung (eher seitens des Vaters, der damals Sarahs Beziehung zu Ralph „eine Katastrophe“ nannte, Z.12f.) auch Freude darüber geäußert werden (eher seitens der Mutter, da diese bei Sarahs letztem Besuch geweint hat, Z.13), dass ihre Tochter 6 Wochen nach ihrem „Streit“, (Z.4) endlich wieder zu ihnen Kontakt aufgenommen hat.

Auf jeden Fall sollten die Eltern über Sarahs jetzigen Mann Ralph sprechen, den sie vor einer Woche heimlich geheiratet hat (Z.37) und dabei begründen, inwiefern sie einen solchen Schwiegersohn als Katastrophe empfinden („so viel älter“ als Sarah und „eine seltsame Wahl“, Z.5f.; „kein Arzt oder Anwalt“ wie ihre anderen Freunde, Z.6), aber auch erwähnen, dass er in Maine eine Farm hat und nach Ansicht Sarahs gar nicht „so arm“ ist (Z.10).

Bei dem Dialog über das Verhalten ihrer Tochter Sarah sollten die Eltern erwähnen, dass diese sie liebevoll anredet (Z.1) und auch liebt („Euch kurz zu umarmen“, Z.8f.; höflich und wohlerzogen ist, gute Manieren hat (Elternhaus) und Einfühlungsvermögen besitzt (Z.2f.). Jedoch teilt sie nicht den Standesdünkel der Eltern, die wohl der Oberschicht angehören und Sarah standesgemäß verheiraten möchten. Sie hält nichts von deren Missachtung nicht so gebildeter Farmer und lässt sich von ihnen keine diesbezüglichen Vorschriften machen. Die starke Abwertung ihrer Beziehung zu ihm seitens der Eltern kränkt sie dermaßen, dass sie sofort das Haus verlässt.

Sie hat aber klare Vorstellungen von dem, was sie möchte, und ist selbstbewusst genug, ihren Willen durchzusetzen und Ralph einfach heimlich zu heiraten, was sie „ungeheuer glücklich“ (Z.39) macht.

Andererseits hat sie große Angst vor ihren Eltern, da sie sich wohl nicht getraut hätte, ihren Eltern von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Auch der 1. Absatz ihres Briefes zeigt deutlich, wie sehr sie glaubt, die Eltern durch eine regelrechte Horrorgeschichte (schrecklicher Autounfall mit mehreren Toten im 1. Absatz, bei dem Sarah angeblich sehr schwer verletzt wird) erschrecken zu müssen, damit sie erkennen, was in Wahrheit eine „Katastrophe“ wäre.

Dann sähen sie ihre „Neuigkeiten“ – Schwangerschaft und Heirat – im richtigen Licht“ (Z.38f.), was sicher ihr größter Wunsch wäre, da sie sich mit ihren Eltern versöhnen möchte.

Sarahs erfundener tragischer Autounfall sollte bei den Eltern sicher auch Betroffenheit erzeugen und am Schluss des Gesprächs Anlass geben, über mögliches Fehlverhalten der betroffenen Personen zu sprechen, wobei infolge der gleichen Ansichten der Eltern (Z.11f.) keine gegenseitigen Schuldzuweisungen erfolgen sollten.

1. Möglichkeit (am plausibelsten):

Die Eltern sind sehr betroffen über Sarahs 1. Absatz im Brief und zeigen Einsicht bezüglich ihrer Fehler im Umgang mit ihrer Tochter, da sie sehr an Sarah hängen.

2. Möglichkeit (eher unwahrscheinlich aufgrund des liebevollen Grundtenors von Sarahs Brief):

Die Eltern beharren hartherzig auf ihren negativen Ansichten über Ralph und sehen sich durch Sarahs Schwangerschaft und heimliche Heirat in ihren Vorurteilen bestätigt. Sie müssten dann ihren Standesdünkel über die Liebe zu ihrer Tochter setzten, was auch mit dem Weinen der Mutter schwer zu vereinbaren ist.

Bei einer guten Schülerleistung sollten neben der sprachlich korrekten Dialogform alle zentralen Aspekte von Sarahs Brief, die Vorwürfe der Eltern über Sarahs Beziehung zu Ralph und besonders Sarahs Verhaltensweisen und Charakterzüge sachlich richtig dargestellt werden. Ferner sollte bezüglich der Reflexion elterlichen Fehlverhaltens die 1. Möglichkeit konsequent entwickelt werden.

Eine ausreichende Schülerleistung sollte neben der sprachlich weitgehend korrekten Dialogform zentrale Aspekte von Sarahs Brief, zumindest in Ansätzen die Vorwürfe der Eltern über Sarahs Beziehung zu Ralph sowie einige Charakterzüge und Verhaltensweisen Sarahs richtig erfassen. Ferner sollte bezüglich der Reflexion elterlichen Fehlverhaltens eine der beiden Möglichkeit in groben Zügen erkennbar sein.


4. Georg Büchner: Woyzeck (Drama)

4. Aufgabe:

1. Gib in einer Überblicksinformation u.a. kurz an, wer Franz, Marie u. Andres sind, was mit ihnen passiert ist und in welcher Situation sich Andres am Ende der 18. Szene befindet. 2. Verfasse anschließend einen Brief von Andres nach Szene 18 an seinen Waffenbruder Franz, in dem er u.a. das bisherige Verhalten von Franz  (einschl. Szene 18) reflektiert u. sich höchst besorgt zeigt über dessen mögliches künftiges Verhalten.

1. Überblicksinformation

G. Büchners Drama “Woyzeck”(1837) spielt an 3 Tagen in der damaligen Zeit in einer Kleinstadt in Hessen und handelt von dem einfachen, völlig mittellosen Soldaten Franz Woyzeck und seiner ebenso armen Geliebten Marie Zickwolf mit ihrem unehelichen Sohn Christian.

Woyzeck wird vom Arzt für geringes Entgelt, auf das dieser aber angewiesen ist, für das Experiment einer 3-monatigen Erbsendiät missbraucht, die ihn körperlich entkräftet und zunehmend geistig verwirrt. Zudem wird er von allen Höhergestellten aufs schwerste erniedrigt, wie ein Tier behandelt und wegen seines unehelichen Verhältnisses zu Marie moralisch verurteilt.

Marie ist sehr hübsch, lebenslustig und möchte ein besseres Leben führen - wie die oberen Schichten. Woyzecks Verwirrtheit, Halluzinationen und Wahnvorstellung stoßen sie zunehmend ab. Auch wenn sie immer wieder Schuldgefühle beschleichen, gibt sie sich doch bewusst dem von ihr als sehr männlich empfundenen und draufgängerischen Tambourmajor hin. Als Woyzeck als betrogener Ehemann vom Hauptmann für seine Ahnungslosigkeit verspottet wird und der Tambourmajor, der wild mit Marie im Wirtshaus getanzt hat, ihn niederschlägt, verfällt dieser infolge der dauernden Demütigungen immer mehr in Wahnvorstellungen, bis seine innere Stimme ihm befiehlt, Marie zu töten.

Sein Waffenbruder Andres ist der einzige, zu dem Franz eine ungestörte Beziehung hat. Er weiß, wie man mit Franz umgeht auch wenn er ihm manchmal sehr merkwürdig vorkommt. Sie schlafen in der Kaserne zusammen in einem Bett und gehören als einfache Soldaten derselben sozialen Schicht an. Als Franz ihm in Szene 18 all seine Habseligkeiten gibt, ist er ganz starr und fürchtet, dass er ins Lazarett komme. Da Franz nicht zurückkommt, schreibt er ihm ihn größer Sorge den folgenden Brief.

2. Brief von Andres an Franz

Lieber Franz,

wo steckst du? Ich mache mir die größten Sorgen!! Als wir uns zuletzt gesehen haben (18. Szene), hast du mir all deine Sachen gegeben, was mich zwar ehrt, da ich wohl der einzige bin, dem du vertraust. Deine Jacke habe ich schon anprobiert und sie passt mir wie angegossen. Das Kreuz, das Ringlein und das Heiligenbild habe ich natürlich sofort gut verwahrt und werde es nie anrühren.

Zugleich aber habe ich große Ängste um dich, da es so aussah, als wolltest du von mir und der Welt Abschied nehmen. Ich konnte nur noch – starr vor Schrecken – ja wohl sagen. Du sprachst vom Leiden und von Jesu rotem und wundem Leib, wie es in der Bibel deiner Mutter stand. Fühlst du dich wie Jesus am Kreuz? Franz, ich habe dir schon gesagt, dass du ins Lazarett kommst, wenn du so weitermachst. Ich verstehe dich, Franz, da ich ebenso ein Füsilier bin wie du. Und genauso wie du werde ich ausgebeutet und gedemütigt. Wenn wir dann alt und keine Soldaten mehr sind, müssen betteln oder verhungern. Ich mag gar nicht erst daran denken!

Wir müssen immer hinter den anderen her marschieren, alles tun, was unsere Vorgesetzten wollen – besonders dieser arrogante, aufgeblasene Hauptmann und der Tambourmajor, dieser lächerliche Angeber und Schürzenjäger!! –, sonst werden wir hart bestraft.  

Weißt du noch, wie wir Stöcke schneiden mussten (1. Szene), damit einer von uns einfachen Soldaten wegen eines kleinen Vergehens von unserem Unteroffizier eine unmenschliche Prügelstrafe erhielt? Er wurde ohnmächtig u. konnte danach tagelang weder stehen noch sitzen.

Du bist der einzige, mit dem ich reden kann. Ich habe sonst niemanden auf der Welt. Noch nicht mal eine Frau und ein Kind wie du. Wie sollte ich auch so jemanden finden? Wir haben ja gar kein Geld, um eine Frau zu heiraten oder auch nur zu unterhalten. Du hast ja diese 3-monatige Erbsendiät gemacht, um für Marie etwas Geld zu erhalten. Vielleicht hat dich diese Diät erst richtig krank gemacht. In den letzten Wochen warst du immer verwirrter, abgemagerter und gehetzter. Früher warst du viel fröhlicher und ausgeglichener. In der letzten Zeit habe ich mich oft vor dir und deinen düsteren Visionen gefürchtet (1.,11.,14. Szene). Du warst dann wie in Trance und überhaupt nicht mehr ansprechbar.

Als du voller Unruhe hinaus ins Wirtshaus gingst (11. Szene), merkte ich schon, dass du wegen Marie so unruhig warst, weil du ahntest, dass sich Marie mit einem anderen vergnügte. Auf der anderen Seite hast du dich in letzter Zeit wirklich dermaßen seltsam benommen, dass ich fast verstehen kann, dass Marie sich von dir abwendet.

Letzte Nacht war es ganz schlimm. Du hast mich aus dem Schlaf gerissen und geschüttelt, da du nicht schlafen konntest. Du hörtest die Geigen immer zu und eine Stimme aus der Wand. Ich sagte dir, lass sie tanzen, Gott behüt uns und bin wieder eingeschlafen. Vorher habe ich dir noch – wie schon so oft – empfohlen, Schnaps zu trinken und Schlafpulver zu nehmen. Mir wenigstens hilft das, um unseres elendes Lebens einigermaßen zu ertragen. Wir sind halt in dieses Elend hineingeboren und haben keine Chance, unserem Schicksal zu entfliehen. Vielleicht geht es uns ja nach unserem Tode besser. Die hohen Herren wie der Doktor und der Hauptmann, die haben es besser. Die können es sich leisten, uns zu verspotten, zu demütigen und verachten und noch auf unsere Kosten zu leben!!

Ich weiß, dass es dich besonders schmerzt, dass sich der Tambourmajor mit deiner Marie vergnügt und dich damit vor aller Welt bloßstellt. Aber was soll man machen? Sie haben die Macht und Geld und können Frauen einfach mehr bieten als wir arme Schlucker.

Wenn sie dieser armen Frauen dann überdrüssig sind, werfen sie sie weg wie einen nutzlosen Gegenstand und bezeichnen sie dann auch noch als Hure. Am besten sollten man sie alle töten! Aber wir haben eben keine Chance gegen sie. Deshalb ist es besser, wir ersäufen unseren Kummer im Schnaps (14. Szene). Das Schlimmste ist, dass diese dummen Weiber immer wieder auf diese Angeber hereinfallen und gar nicht begreifen wollen, wie sehr sie ausgenutzt werden. Sobald ihnen einer von denen mit einer Offiziersuniform schöne Augen macht, bilden sie sich wer-weiß-was darauf ein und glauben, diese meinten es ernst. Manche glauben sogar, sie könnten ihrem elenden Schicksal durch eine entsprechende Heirat entgehen. Dabei heiraten diese Leute doch nur unter Ihresgleichen!!

Wir meinen es ehrlich, haben aber meist bei diesen Frauen das Nachsehen, da wir ihnen einfach nichts bieten können! Ich hoffe inständig, dass diese hohen Herren wenigstens nach ihrem Tode in die Hölle kommen und für ihre Untaten auf Erden bestraft werden. Sicher bin ich mir aber nicht. Warum kann Gott nur diese Ungerechtigkeit, das Morden und Leiden auf Erden zulassen?! Warum sind wir hier auf Erden der allerletzte Dreck!? Du merkst, dass ich ebenso verzweifelt bin wie du!

Ich hoffe wirklich inständig, dass du dir nichts angetan hast oder in deinem Wahn andere töten willst. Du wirst dann nur vor allen als Mörder dastehen und hingerichtet. Vielleicht kommst du sogar danach sogar noch in die Hölle!

Auch wenn du einen großen Hass Marie gegenüber empfindest, bitte, tu ihr nichts an. Sie ist doch auch nur ein armes Opfer wie wir. Schließlich machst du es ihr mit deinem verwirrten Verhalten auch nicht gerade einfach. Denk doch auch an deinen Sohn Christian. Soll er ohne Vater in einem Waisenhaus aufwachsen und es dort noch schlechter haben als wir?!

Ich vermisse dich sehr und fühle mich so einsam ohne dich!

Dein Kumpel Andres

5. Aufgabe:

Schreiben Sie einen Brief von Marie Zickwolf an Franz Woyzeck, in dem sie ihm schreibt, dass und weshalb sie eigentlich nicht mehr mit ihm zusammenleben möchte. (Georg Büchner: Woyzeck – Textstelle: Ende der 17. Szene, Seite 31 oben)

Machen Sie neben Maries ausführlicher Kritik an dessen Verhaltensweisen (unter Beachtung ihrer beider Beziehung), Maries Wünsche und Erwartungen an ihre eigene Zukunft, aber auch ihre religiös-moralischen Skrupel und ihre innere Zerrissenheit deutlich. Beachten Sie stilistisch Maries Herkunft und die Entstehungszeit des Dramas.

Situation: Franz ist seit zwei Tagen nicht mehr bei Marie gewesen. Marie hat zuvor wild mit dem

Tambourmajor im Wirtshaus getanzt und liest jetzt in ihrem Zimmer voller Skrupel in der Bibel die Geschichte von der Begegnung Jesu mit der schönen Sünderin, die sie auf sich bezieht.

Erwartungshorizont zur Bearbeitung der Aufgabe (FHR-Prüfung)

Das vorliegende Drama von 1837, das als Schlüsselwerk der literarischen Moderne gilt und von den Naturalisten als erstes Drama der sozialen Misere angesehen wird, behandelt ein Thema, das fächerübergreifend zentrale Themen von Deutsch, Politik und Religion aufgreift.

Neben der Beziehung und den unterschiedlichen Emotionen, Erwartungen, Wünschen sowie dem Kommunikationsverhalten von Frauen und Männern werden hier die tragischen Folgen von permanenter Demütigung und Ausbeutung einschließlich der Frage der strafrechtlichen Bewertung von Woyzecks Verzweiflungstat thematisiert.

Die Schüler/-innen sollen Maries momentane innere Zerrissenheit, ihre Sorge über das längere Wegbleiben von Franz, ihr Geständnis ihres Verhältnisses zum Tambourmajor und ihre Hinwendung zu anderen, attraktiven Männern, ihre Erwartungen an einen Mann und an ein viel besseres Leben, verbunden mit Vorwürfen an Franz über sein für sie unerträgliches Verhalten ihr und ihrem Kind gegenüber, sowie ihre Trennungsabsichten trotz moralisch-religiöser Skrupel und  Selbstmordgedanken in Form eines privaten Briefes an Franz Woyzeck herausarbeiten.

Der Brief soll eine Strukturierung in Einleitung, Hauptteil und Schluss erkennen lassen, die Gestaltungsmittel der Personenanrede beinhalten sowie stilistisch ihre Herkunft („arm Weibsbild“, 4. Szene, Seite 14) und die Zeitumstände berücksichtigen. (Anforderungsbereiche I+II)

Es wird erwartet, dass die Schüler/-innen zunächst Maries Sorge über das zweitägige Wegbleiben von Franz ansprechen. Dann sollte Marie ihm voller Skrupel ihre Beziehung zum Tambourmajor und ihre Hinwendung zu anderen, attraktiven Männern gestehen. Dieses Geständnis sollte aber verbunden werden mit Vorwürfen über das ihr rätselhafte und für sie unerträgliche Verhalten von Franz ihr und zum Teil auch dem gemeinsamen Kind Christian gegenüber.

Besonders seine Halluzinationen und Wahnvorstellungen ängstigen und verstören sie, aber auch die Tatsache, dass er immer so gehetzt wirkt und sie und ihr Kind oft gar nicht richtig anspricht bzw. ansieht (2. Szene). (Anforderungsbereiche I+II)

Da sie nichts von seiner Erbsendiät und seinen ständigen Demütigungen weiß, kann sie nur vermuten, dass er zum fortschreitenden Wahnsinn neigt. Hierbei sollte ihre innere Zerrissenheit deutlich werden und Marie sollte ausdrücken, dass sie ihn sicher früher anders kennen gelernt und auch geliebt hat bzw. ihn noch immer liebt. (Anforderungsbereiche II+III)

Anschließend sollte sie ihre Erwartungen an einen Mann und an eine für sie erstrebenswerte Zukunft darlegen. Ihr ist klar, dass sie von den anderen und auch von Franz als Hure angesehen wird (2. und 7. Szene). Sie will aber auf jeden Fall aus ihrer trostlosen sozialen Lage heraus kommen. Sie will als Frau bewundert und mit Schmuck beschenkt werden, fröhlich sein sowie ausgelassen und wild tanzen (4., 6. und 12. Szene). Sie hält sich für genauso schön und begeh-renswert wie die vornehmen Frauen und möchte auch ein Luxusleben führen wie sie.

Am Schluss sollte sie ihm ihre Trennungsabsichten trotz moralisch-religiöser Skrupel und Selbstmordgedanken mitteilen. (Anforderungsbereiche II+III)

Bei einer guten Schülerleistung wird erwartet, dass neben der klaren Briefstruktur und Maries innerer Zerrissenheit ihre Sorge über das längere Wegbleiben von Franz, ihr Geständnis ihres Verhältnisses zum Tambourmajor und ihre Hinwendung zu anderen Männern, ihre Erwartungen an einen Mann und an ein viel besseres Leben, verbunden mit Vorwürfen an Franz über sein für sie unerträgliches Verhalten ihr und ihrem Kind gegenüber sowie ihre Trennungsabsichten trotz moralisch-religiöser Skrupel und Selbstmordabsichten deutlich werden.

Eine ausreichende Schülerleistung sollte neben der Briefform zumindest Maries Sorge um das Wegbleiben von Franz, ihr Geständnis ihres Verhältnisses zum Tambourmajor, ihre Erwartungen an ein viel besseres Leben, verbunden mit Vorwürfen an Franz über sein Verhalten ihr gegenüber, sowie ihre Trennungsabsichten trotz moralischer Skrupel in groben Umrissen deutlich werden.


5. Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame (Drama)

Text II: Dramentext:

Der Besuch der alten Dame, III. Akt, S.93, Zeile 2-4

Quelle: Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame, Zürich 1985

6. Aufgabe:

Geben Sie in einer kurzen Einleitung an, in welcher Situation sich Alfred Ill im III. Akt, S.93, Zeile 2-4 befindet. Verfassen Sie anschließend einen Abschiedsbrief Ills an die Güllener (zu öffnen nach seinem Tode), in dem er sein bisheriges Verhalten reflektiert und seine geänderte Einstellung zu seinen früheren Taten begründet.

Erwartungshorizont zur Bearbeitung der Aufgabe (FHR-Prüfung)

Die Schüler/-innen sollten in einer Einleitung darlegen, dass der Krämer Alfred Ill „seit Tagen“ (S.92, Z.4)  in seiner Wohnung oberhalb seines Ladens herumgeht und überlegt, was er tun soll. Bisher hat er seine Schuld gegenüber seiner Jugendliebe Klara Wäscher eher verdrängt bzw. als Jugendsünde dargestellt und versucht, bei Polizei, Bürgermeister und Pfarrer Hilfe gegen Claire Zachanassian zu bekommen, da diese den Güllenern eine Milliarde für seinen Tod versprochen hat. All dies scheitert jedoch, da auch sie sich schon verschuldet haben in der Hoffnung, dass einer Ill tötet. Sein verzweifelter Versuch, Claire von ihrem Vorhaben abzubringen, ist ebenso vergeblich wie sein Fluchtversuch aus Güllen. Er weiß, dass er „verloren“ ist (Ende des II. Aktes).

In dem Abschiedsbrief an die Güllener sollten die Schüler/-innen zunächst sein ausführliches Schuldein- geständnis aufführen:

Ill hatte vor 45 Jahren eine Liebesaffäre mit Klara. Als sie schwanger wurde, hat er seine Vaterschaft mit Hilfe zweier bestochener Zeugen vor Gericht bestritten und Mathilde Blumhard geheiratet, denn „sie hatte Geld“ (S.37). Als Hure, die mit vielen Männern schläft, wurde sie mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt und landete in einem Hamburger Bordell. Ihr gemeinsames Kind wurde ihr weggenommen und starb bald an Hirnhautentzündung.

Es sollte auch deutlich werden, dass es ihm schwer gefallen ist, sich seine schlimme Tat einzugestehen. Er habe seit Klaras Weggang in einer Hölle gelebt, da ihm seine Familie die Armut vorhalte. Alles sei seine Schuld und er sei dadurch jetzt ein „schmieriger, windiger Krämer“ (S.102) geworden. Er wolle nicht mehr kämpfen und habe auch kein Recht mehr zu leben.

Viel zu lange habe er seine Tat verdrängt bzw. als Jugendsünde verharmlost. Allerdings hätten ihm die Güllener seit Claire Zachanassians Ankunft das Leben zur Hölle gemacht. Mit jedem Kredit auf seinen Tod und mit dem ständig steigenden Wohlstand habe seine Angst vor dem Tod zugenommen.

Wenn die Güllener ihm diese grauenhafte Furcht erspart hätten, wäre alles anders gekommen. Dann hätte er das Gewehr genommen und Selbstmord begangen (S.108f.).

Ganz besonders jedoch habe ihn die Unverschämtheit, Selbstgerechtigkeit und Doppelmoral der Güllener empört, die sich aktiv daran beteiligt hätten, die schwangere Klara zu verstoßen und aus der Stadt zu vertreiben, wodurch eine Mitschuld an Klaras Schicksal hätten. Ihre jetzigen Vorwürfe (besonders auch der Honoratioren, Funktionsträger und des Pfarrers) seien nicht moralisch begründet, sondern sie benutzten ihn nur als Sündenbock, um ihre eigene Schuld zu verdrängen und ihr mörderisches Vorhaben zu rechtfertigen.

Er werde sich ihrem Urteil bzw. ihrer Verurteilung beugen und sich seiner Tötung nicht mehr widersetzen, aber auf keinen Fall werde er ihnen den Gefallen tun und Selbstmord begehen, da er sie dazu zwingen will, ihn zu töten. Dann könnten sie nicht die Ausrede benutzen, sie hätten ihn gar nicht wirklich umbringen wollen und sein Selbstmord sei die Konsequenz seines Verbrechens an Klara Wäscher, für den sie nicht verantwortlich seien.

Sie müssten nun mit der Schuld leben, ihn aus Geldgier umgebracht zu haben, obwohl sie an Claire Zachanassians Schicksal eine Mitschuld trügen.

Schließen sollte der Abschiedsbrief zum Beispiel mit der Hoffnung, dass die Güllener doch eines Tages (wie er) erkennen, welch schwere Schuld sie mit seiner Ermordung auf sich geladen hätten und dass sie sicher bald erführen, dass man sich mit Geld kein gutes Gewissen erkaufen könne.

Bei einer guten Schülerleistung sollten neben der sprachlich korrekten Briefform die Vorgeschichte, Ills momentane Situation sowie seine geänderte Einstellung zu seinen früheren Taten ausführlich und angemessen dargelegt werden. Ferner sollten Ills Gründe für die Ablehnung des Selbstmords mit dem Hinweis auf die Mitschuld der Güllener, ihre Verlogenheit und ihr Verhalten ihm gegenüber ausführlich begründet werden.

Eine ausreichende Schülerleistung sollte neben der sprachlich weitgehend korrekten Briefform die Vorgeschichte sowie Ills momentane Situation zumindest in groben Zügen erfassen sowie seine geänderte Einstellung zu seinen früheren Taten, seine Bereitschaft zu sterben und seine Ablehnung des Selbstmords wenigstens in Ansätzen richtig begründen.


6. G.E. Lessing: Emilia Galotti (Drama)

Weiterf. Schreibauftrag zu Lessings „Emilia Galotti“:

Brief Odoardos an Claudia aus dem Gefängnis nach V,8 (LEH G. Schröder ©2012)

7. Aufgabe:

Odoardo befindet sich im Gefängnis, da er sich nach Tötung von Emilia dem Prinzen selbst als Richter ausgeliefert hat (V,8), und wartet auf seine Aburteilung. Aus dem Gefängnis schreibt er einen Brief an seine Frau.

Schreibe den Brief Odoardos aus dem Gefängnis an Claudia, die von der Tragödie u. der Gefangennahme Odoardos bisher nur gerüchteweise gehört hat. Berücksichtige dabei u.a. seine gesellschaftliche Stellung, seine momentane Situation und psychische Verfassung, seine Erwartungen bezüglich des Gerichtsurteils, die Bewertung seiner Tat, seine religiöse Einstellung, seine Haltung gegenüber dem Prinzen, Claudia als Adressatin (Beziehung, Reflexion über Erziehung bei Hofe usw.).   

Aufbau des Briefes:

- Anrede (z.B. liebe Claudia, II,2, auch “meine teure/treue Claudia”, nicht: “liebste” )

- Situation im Gefängnis (psychische Verfassung) + Grund für Haft (ausführlich V,7: Warum hat er seine Tochter getötet?)

- moralische Rechtfertigung der Tat, aber schwere Sünde, da Verstoß gegen 5. Gebot

- Erwartung der gerechten Strafe (Hinrichtung?) durch Prinz (Odoardo ist Untertan, keine Auflehnung!)

- Verweis auf Jenseits (Hoffen auf gnädigen Gott, der ihm verzeiht, Wiedervereinigung mit Claudia?)

- Anklage gegen Prinz als “Wollüstling” (II,4 usw.) u. lasterhaften Hof (V,5)

- Kritik an Stadterziehung (II,4), Nähe zum lasterhaften Hof u. Trennung der Familie, wegen seines Landgutes auf Sabionetta, Lob des Landlebens (Kritik an Claudia nicht zu heftig, da Prinz Hauptschuldiger)

- (Wunsch, dass sie ihn im Gefängnis besucht(?) o.ä.)

- Schlussformel (z.B.: Gott befohlen, in tiefer Trauer / Verzweiflung ...)

- Dein (dich liebender) Odoardo

Meine liebe und teure Claudia,

kaum getraue ich mich nach all den schrecklichen Ereignissen, dir aus dem Gefängnis diesen Brief zu schreiben. Ich habe gehört, dass du mich besuchen wolltest, dass aber der Prinz dies bis zum Prozess untersagt hat. So muss ich nun ganz allein auf die Gerichtsverhandlung warten, von der niemand weiß, wie sie ausgehen wird. Egal wie das Urteil des Prinzen ausfallen wird: Unsere Familie ist für immer zerstört. Trotzdem möchte ich versuchen, dir zu erklären, wie es zu dieser Katastrophe gekommen ist, und dich um Verzeihung bitten für das, was ich dir angetan habe.

Ich kann dir gar nicht sagen, wie untröstlich ich bin über meine Tat, die dir sicher unfassbar vorkommen wird, da du damit unsere gerade von dir über alles geliebte Tochter verloren hast. Vielleicht hätte ich dich doch öfter um Rat fragen sollen, anstatt alles selbst – oft vorschnell, unüberlegt und voller Zorn – zu entscheiden.

Andererseits frage ich mich, ob deine Entscheidung wirklich richtig war, dass du mit Emilia in die Stadt und damit in die Nähe des Hofes gezogen bist. Natürlich konnte Emilia nur dort den Grafen finden und er sie – einen solch würdigen Mann, den ich unbedingt meinen Sohn nennen wollte.

Wenn ich allein schon daran denke, dass dieser wundervolle Graf Appiani von Helfershelfern des Prinzen ermordet wurde, ergreift mich erneut ohnmächtiger Zorn. Aber ich will mich wieder beruhigen, um den Brief an dich fortsetzen zu können.

Ich selbst wollte euch nicht nach Guastalla folgen, da ich das Leben in der Nähe des lasterhaften Hofes einfach nicht ertragen kann. Auf meinem Landgut bei Sabionetta fühlte ich mich einfach viel wohler und freier, obwohl ich trotzdem als Oberst des Prinzen Untertan bin. Natürlich musste ich auch schon allein deshalb öfter auf meinem Landgut sein, um meinen Anspruch auf dieses Gebiet gegenüber dem Prinzen aufrechtzuerhalten, da dieser ja mehrfach versucht hat, mir dieses Land wegzunehmen.

Sicher hätten wir uns viel häufiger besuchen sollen, so dass ich schon viel früher von des Prinzen Absichten bezüglich Emilias auf der lasterhaften Vegghia des Kanzlers Grimaldi vor einigen Wochen hätte erfahren können. Dann wäre diese Katastrophe sicher so nicht passiert, da ich für die Hochzeit auf jeden Fall entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen hätte.

So bin ich an jenem unglückseligen Tage nichtsahnend – wenn auch empört über das frühere Verhalten des wollüstigen Prinzen Emilia gegenüber auf der Vegghia – auf mein Landgut vorausgeritten, um die letzten Vorbereitungen für die Hochzeit zu treffen.

Als ich dann von einem meiner Bedienten erfuhr, ihr alle wäret in Gefahr, eilte ich sofort nach Schloss Dosalo, wo ich erfuhr, dass Graf Appiani verwundet und zur Stadt zurückgekehret und ihr beiden euch auf das Schloss gerettet hättet. Der Kammerherr des Prinzen Marchese Marinelli verhinderte jedoch, dass ich sofort zum Prinzen vorgelassen wurde. So wurde ich zunächst mit der gleichzeitig anwesenden Grafin Orsina allein gelassen.

Gräfin Orsina ist aber überhaupt nicht wahnwitzig, wie Marinelli behauptete, sondern sie meinte zu Recht, dass die ganzen Umstände u. Intrigen bei Hofe jeden vernünftigen Menschen wahnsinnig machen. Von ihr erfuhr ich, dass Appiani tot ist und der frevelhafte Prinz sich am gleichen Morgen in der Kirche Allerheiligen während der Messe unserer Emilia in eindeutiger Absicht genähert habe. Nur täuschte sie sich darin, dass sie meinte, unsere Emilia habe etwas mit dem Meuchelmord zu tun gehabt u. sei freiwillig bei ihm auf Dosalo gewesen. Sie gab mir dann ihren Dolch, da ich wehrlos vor der Höhle des Räubers stand. Ach, hätte ich doch nur in ihrem Sinne von diesem Dolch Gebrauch gemacht !!!

Dann stürztest du aus dem Zimmer, in dem sich auch Emilia u. der Prinz befanden, und beteuertest euer beider Unschuld. Obwohl ich vollkommen empört und doch auch Zweifel an Emilias untadeligem Verhalten hatte, konntest du mich damit beruhigen, dass sie zwar zunächst alles hinnahm, dann aber sich erfolgreich den Prinzen vom Leibe hielt u. ihn regelrecht anschrie, so dass dir Angst und Bange wurde.

Ich wurde trotz meiner Empörung plötzlich ganz ruhig und schickte dich mit meiner geistigen Freundin und Wohltäterin Gräfin Orsina zur Stadt zurück, da ich glaubte, Manns genug zu sein, Emilia mit mir nehmen zu können, um weiteres Unheil zu verhindern.

Während ich darauf wartete, vorgelassen zu werden, ärgerte ich mich in Gedanken darüber, dass ich mich von der vor Eifersucht wahnwitzigen, lasterhaften Gräfin hatte fortreißen lassen. Ich wollte ja nur die gekränkte Tugend von Emilia, und damit unserer ganzen Familie retten.   

Den Tod meines geliebten Sohnes Appiani zu rächen verbot mir natürlich meine Religion, da das nur Gott darf. Eigentlich hätte ich nun über das Geschehene weinen sollen, aber ich habe das noch nie gekonnt. Für mich genügte es, dass der Prinz nicht noch für sein Verbrechen mit Emilia belohnt, sondern nach seinem Tode mit der Hölle bestraft würde.

Schließlich erschien der Marchese Marinelli u. meinte, dass der Prinz Emilia u. dich persönlich in die Stadt bringen möchte. Als ich darauf bestand, dass Emilia stattdessen unbedingt mit mir kommen müsse, wich er aus u. ging fort, um den Prinzen zu holen, der über Emilias künftigen Aufenthalt entscheiden solle und dies am besten beurteilen könne.

Damit war ich wieder allein und fragte mich voller Zorn, ob der Prinz, der hier alles darf, was er will, mir auch meine Tochter vorenthalten kann. Mit diesem gesetzlosen, kurzsichtigen Wüterich würde ich es wohl aufnehmen. Dann sagte ich mir, dass diese Hofschranze Marinelli das ja nur vom Prinzen behauptet habe. Ich war so dumm, mir seine Ausrede, weshalb Emilia wieder nach Guastalla müsse, nicht angehört zu haben, da ich dann darauf richtig und überlegt hätte reagieren können.

Der Prinz kam dann und war er sehr liebenswürdig u. galant zu mir, so dass ich als sein Untertan ebenso in galanter Sprache antworten musste. Auch er wollte euch beide im Triumpf in die Stadt bringen. Als ich ihm diese Bitte abschlug und stattdessen Emilia in ein Kloster bringen wollte, war er zunächst dagegen, gestand mir dann aber das Recht als Vater zu, Emilia dorthin zu bringen, wo ich es für richtig hielt.

Schon dachte ich Tor, ich hätte gewonnen, als der intrigante und unverschämte Marinelli meinte, dass man unsere ganze Familie voneinander trennen u. auch getrennt verhören müsse, da wohl ein begünstigter Nebenbuhler Appiani getötet habe.

Als diese Hofschranze davon sprach, Emilia in eine besondere Verwahrung zu bringen, wurde ich so wütend, dass ich beide mit dem Dolch töten wollte. Jedoch ließ ich mich leider wieder durch die schmeichelhafte Art des Prinzen beruhigen. Der Prinz sprach dann davon, dass Emilia nicht ins Gefängnis, sondern in das Haus seines Kanzlers Grimaldi, seiner lasterhaften Gemahlin und Töchter, gebracht werden sollte.

Wieder heuchelte der Prinz echte Anteilnahme und Besorgnis um das Wohl von Emilia und beteuerte, dass er wirklich nicht mehr tun könne. Dann stellte er mir noch großzügig frei, ihnen zu folgen oder nach Sabionetta zurückzukehren!!

Ich war einfach sprachlos u. nicht fähig, gegen deren Intrigen und verlogen-heuchlerische Art anzukommen. Daher forderte ich, nur noch ein letztes Mal mit Emilia zu sprechen. Dies wurde mir natürlich wieder großzügig gewährt, wobei als Gipfel der Heuchelei und Verhöhnung der Prinz sich wünschte, dass er sein Freund u. Vater wäre.

Bevor dann Emilia zu mir kam, war ich wieder allein und dachte darüber nach, ob Emilia wirklich in allem unschuldig u. wert wäre, was ich für sie tun wolle. Eigentlich wäre es Gottes Aufgabe gewesen, sie vor dieser Schande zu retten. Aber da Emilia kam, musste ich mit ihr sprechen.

Emilia war sehr ruhig und gefasst, auch als sie von mir die Gewissheit erhielt, dass und warum der Graf tot war. Sie wollte auf jeden Fall fliehen und war sehr empört, dass sie in den Händen ihres Räubers bleiben sollte. Emilia bestritt jedem Menschen das Recht, jemand anderen zu zwingen oder leiden zu lassen. Ich war so begeistert von ihr, dass ich erkannte, dass ihr Frauen die besseren Menschen sind. Als ich ihr jedoch erzählte, dass ich fast  Marinelli bzw. den Prinzen umgebracht hätte, war sie bestürzt, da diese Lasterhaften nur ein Leben hätten, und wollte, dass ich ihr den Dolch gäbe.

Verführung sei für sie die wahre Gewalt. Auch ihre Sinne seien Sinne. Sie kenne das Haus der Grimaldis. Eine Stunde da unter deinen Augen habe einen solchen Tumult in ihrer Seele hervorgerufen, den auch strengste Übungen der Religion in Wochen kaum besänftigen konnten. Mit dem Hinweis auf christliche Märtyrer, die durch ihren Tod zu Heiligen geworden seien, forderte sie erneut den Dolch von mir. Schließlich warf sie ihre Rose im Haar zu Boden, da ich sie angeblich zu einer Hure machen wolle, und beschwor mich, wie der Vaters der römischen Virginia zu handeln, der seine Tochter tötete, um ihre vom Tyrannen bedrohte Unschuld zu retten.

Diese Anschuldigung Emilias kränkte dermaßen mein Ehrgefühl, und die Vorstellung, sie im lasterhaften Haus der Freude schutzlos den schamlosesten Verführungen ausgesetzt zu wissen, versetzte mich in rasenden Taumel, so dass ich - nicht mehr Herr meiner Sinne - unsere geliebte Tochter erstach, statt die Urheber dieser Frevel.

Nun kamen der Prinz und Marinelli hinzu, wobei mich der Prinz als grausamen Vater beleidigte. Ich rechtfertigte mich mit der Rettung ihrer Unschuld, wobei Emilia mich noch im Sterben in Schutz nahm, da sie behauptete, sich selbst getötet zu haben.

Schließlich fasste ich wieder Mut und fragte den wollüstigen Prinzen anklagend, ob die sterbende Emilia ihn noch reizen würde. Ich sagte ihm, dass ich mich nicht selbst töten werde, da ich zu meinem Verbrechen stünde und mich ihm selbst als Richter ausliefern werde. Der Prinz spielte natürlich wieder den Unschuldigen, bezeichnete Marinelli als Teufel und verbannte ihn theatralisch vom Hof.

Seitdem sitze ich nunmehr schon über einen Monat im Gefängnis, ohne dass es zu einer Gerichtsverhandlung gekommen ist. Vielleicht müssen Sie noch überlegen, welche Intrige sie wieder bei Gericht gegen mich aushecken sollen. Ich weiß noch gar nicht, wie ich mich beim Prozess verhalten soll. Ich hoffe nur, dass Gott mir die Kraft gibt, meinen Richtern endlich die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern und mich nicht wieder als gehorsamer Untertan zu verhalten, auch wenn mich das vielleicht mein Leben kosten kann. So könnte ich zumindest meine Selbstachtung zurückgewinnen und verhindern, dass der Prinz erneut über mich triumphiert.

Wie auch immer der Prozess ausgeht. Ich hoffe, dass ich im Himmel einen gnädigen und gerechten Richter finden und mit unserer geliebten Tochter vereint sein werde. Ich hoffe sehr, dass du auch mir verzeihen kannst, da ich nur die Unschuld unserer Tochter retten wollte.

Vielleicht werde ich ja auch nur verbannt und wir können uns später noch einmal – außerhalb von Guastalla – wiedersehen.

In tiefer Trauer und unverbrüchlicher Liebe zu dir

Dein Odoardo

8. Aufgabe:  

Schreiben Sie den Brief Emilias an ihre Freundin Maria, die sie lange nicht gesehen hat. Sie weiß daher weder vom Grafen Appiani und der bevorstehenden Hochzeit, noch von ihren Begegnungen mit dem Prinzen. Beachten Sie stilistisch Emilias Herkunft und Erziehung in der Nähe des Hofes. (Textstelle: V,1)

Situation: Emilia wird nach dem Überfall auf die Hochzeitskutsche in das Lustschloss des Prinzen gebracht. Bis auf eine kurze Anwesenheit ihrer Mutter war Emilia mit dem Prinzen allein in einem Zimmer. Nachdem der Prinz das Zimmer verlassen hat, ergreift Emilia die Gelegenheit, um ihrer (fiktiven) Freundin Maria einen Brief zu schreiben.

Erwartungshorizont zur Bearbeitung der Aufgabe (FHR-Prüfung)

Die Schüler/-innen sollen Emilias momentane ausweglose Situation, ihre Gefühle bezüglich der geplanten Hochzeit, ihre Ungewissheit über Appianis Schicksal, ihre Auseinandersetzung mit ihren sinnlichen Begierden und den damit verbundenen moralisch-religiösen Schuldgefühlen sowie ihren Zwiespalt angesichts der unterschiedlichen Erziehungsprinzipien von Claudia (städtische Erziehung in der Nähe des Hofes, Feste, Sinnenfreude) und Odoardo Galotti (Verurteilung des lasterhaften Hofes, strenge Tugend, unbedingte Ehrlichkeit, Unterdrückung der Sinnlichkeit) in Form eines privaten Briefes an ihre Freundin herausarbeiten.

Der Brief soll eine Strukturierung in Einleitung, Hauptteil und Schluss erkennen lassen, die Gestaltungs-mittel der Personenanrede beinhalten sowie stilistisch Herkunft („Geschlecht der Galotti“, I,6) und Beruf des Vaters (Oberst) sowie ihre Erziehung in der Nähe des Hofe angemessen berücksichtigen.

Es wird erwartet, dass die Schüler/-innen aus Emilias Sicht ihre momentane innere Zerrissenheit („Die Furchtsamste und Entschlossenste unseres Geschlechts“, IV,8) schildern. Sie hat sich dem Prinzen zu Füßen geworfen und ist ihm „nicht ohne Sträuben“ (III,5) in ein Zimmer gefolgt, aus dem Gräfin Orsina etwas später „ein weibliches Gekreusche“ (IV,3) hört. Schließlich berichtet ihre Mutter, dass sie nicht mehr „jammert und winselt“, sondern „sie hält den Prinzen in einer Entfernung, sie spricht mit ihm in einem Tone“ (IV,8), dass Claudia das Schlimmste für ihre Familie befürchtet.

Auf jeden Fall sollte neben Appianis ungewissem Schicksal ihre Wertschätzung, aber nicht sehr tiefe emotionale Bindung an ihn erwähnt werden. Appiani spricht in II,7 zu ihr nicht von Schönheit und Liebe, sondern nennt sie nur fromm und bescheiden. Nur so sind ihre Gefühlsaufwallungen zu erklären, die die frühere Begegnung mit dem Prinzen auf der Vegghia beim Kanzler Grimaldi und seine dreiste Annähe-rung sowie seine Liebesschwüre am (heutigen) Morgen in der Kirche Allerheiligen bei ihr hervorgerufen haben (II,6).

Infolge der bürgerlichen Erziehungsprinzipien der Familie Galotti (Emilia hat „keinen Willen“ gegen ihre Mutter, II,6; sie verschweigt daher die 2. Begegnung mit dem Prinzen), ihrer Behütetheit („unter den Augen meiner Mutter“, V,7) und ihrer strengen moralisch-religiösen väterlichen Erziehung (schon „sündigen wollen“ ist Sünde, II,6; Verlust der Unschuld „schlimmer als tot“, IV,7; selbst „strengste Übungen der Religion“, V,7 konnten den Aufruhr in ihrer Seele nach der Begegnung mit dem Prinzen auf der Vegghia auch nach Wochen kaum besänftigen) sieht sie sich als mitschuldig wider Willen (II,6), so dass ihre tragische Ausweglosigkeit und ihr Todeswunsch sich am Ende des Briefes bereits andeuten sollten.

Bei einer guten Schülerleistung wird erwartet, dass neben der klaren Briefstruktur und Emilias Gefühlen bezüglich der geplanten bzw. verhinderten Hochzeit mit Appiani besonders ihre Auseinandersetzung mit ihren sinnlichen Begierden und den damit verbundenen moralisch-religiösen Schuldgefühlen, ihr Zwiespalt angesichts der unterschiedlichen elterlichen Erziehungsprinzipien sowie ihre tragische Ausweglosigkeit deutlich werden.

Eine ausreichende Schülerleistung sollte neben der Briefform zumindest die stärkere Bindung Emilias an ihre Mutter als an Appiani erkennen lassen. Ferner sollten ihre sinnlichen Begierden und die damit verbundenen religiösen Schuldgefühle, der Bezug zu den elterlichen Erziehungsprinzipien sowie ihre tragische Ausweglosigkeit zumindest in groben Umrissen deutlich werden.

Erwartungshorizont

Emilia und Graf Appiani

- Wer ist der Graf? Einige Charaktereigenschaften

- Verhältnis des Grafen zu seinen Eltern

- Plan, nach Piemont zu gehen und ein ruhiges Landleben zu führen

- Ihre Verliebtheit II,7

Emilia und der Prinz

- Sie hat ihn auf einer Abendgesellschaft beim Kanzler Grimaldi kennen gelernt

- Er war sehr höflich und zuvorkommend zu ihr

- Ihrer Mutter gefällt, dass ihre Tochter dem Prinzen gefällt

- Prinz und Odoardo verstehen sich nicht wegen Sabionetta

- Prinz lauert Emilia in der Kirche auf

- Emilia erzählt ihrer Mutter von ihren Erlebnissen in der Kirche

- Claudia rät ihr ab, etwas darüber dem Grafen zu erzählen

Emilia und der Überfall

- Claudia, Emilia und Graf Appiani sind auf dem Weg zur Hochzeit

- Ihr Wagen wird überfallen, Emilia wird gerettet

- Emilia kommt auf das Lustschloss des Prinzen

- Der Prinz entschuldigt sein Verhalten in der Kirche und geht mit ihr auf ein Zimmer – Emilia sträubt sich, geht aber mit (höfische Regeln; wirft sich vor ihm nieder)

- Claudia kommt – Emilia ahnt, dass Appiani getötet wurde: weil er nicht erscheint, weil sie es ihrer Mutter ansehen kann

Derzeitige Situation

- Hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Ahnung

- Angst, den Verführungskünsten des Prinzen zu unterliegen

- Lieber tot als die Unschuld zu verlieren: V.7 (85)


7. Frank Wedekind: Frühlings Erwachen (Drama)

9. Aufgabe:

1. Gib in einer Überblicksinformation kurz an, wer Moritz, Wendla und Melchior sind, was mit ihnen passiert ist und in welcher Situation sich Frau Gabor am Ende von III,3 befindet. 2. Verfasse anschließend einen Brief von Frau Gabor an Melchior, in dem sie ihre bisherigen Erziehungsprinzipien und ihr Verhalten gegenüber Melchior, aber auch Moritz reflektiert.

1. Überblicksinformation

Frank Wedekinds Kindertragödie „Frühlings Erwachen“ (1891) spielt um 1890 und handelt  von den Pubertätsnöten einer in Schule und Elternhaus verständnislos behandelten bürgerlichen Jugend und den unglücklich miteinander verstrickten Schicksalen der 3 Hauptpersonen: Der 14-jährigen Wendla Bergmann, die von ihrer Mutter aus falscher Scham in völliger Unwissenheit über Sexualität gelassen wird, sowie den ungleichen Schulfreunden Moritz Stiefel und dem ein Jahr jüngeren Melchior Gabor.   

Moritz leidet unter mangelndem Selbstwertgefühl und wird von der Schule sowie seinen auf strenge Pflichterfüllung pochenden Eltern überfordert. Melchior erscheint gefestigt, selbstbewusst, ist kritisch und aufgeklärt und von seiner Mutter vernünftig und tolerant erzogen. Realistisch denkend, will er seinen Freund von quälenden Grübeleien und sexuellen Zwangsvorstellungen befreien, indem er ihm eine selbst verfasste Aufklärungsschrift zusteckt. Moritz aber ist durch die Lektüre eher verstört als beruhigt, so dass er sich nicht aufs Lernen konzentrieren kann. Er wird nicht versetzt, denkt in seiner Verzweiflung an Flucht in die USA und begeht schließlich Selbstmord.

Unterdessen haben sich Melchiors und Wendlas Wege gekreuzt. Das Mädchen hat den Jungen verwirrt und erregt, indem es sich von ihm schlagen ließ. Bei der nächsten eher zufälligen Begegnung verführen die beiden einander. Melchior wird nach Moritz’ Selbstmord wegen der Aufklärungsschrift, die nach Ansicht der bornierten Lehrer die Verzweiflungstat ausgelöst hat, von der Schule verstoßen und von den hilflosen Eltern in eine Erziehungsanstalt gesteckt, III,3.

2. Brief von Frau Gabor an ihren Sohn Melchior

Mein geliebter Sohn,

nach all dem, was vorgefallen ist, und nach dem Gespräch mit deinem Vater vor der Entscheidung, dich in die Korrektionanstalt zu schicken, fällt es mir sehr schwer, dir diesen Brief zu schreiben, zumal mich all die vergangenen Ereignisse dermaßen aufgewühlt haben, dass ich kaum mehr Herr meiner Gefühle bin. Ich hoffe sehr, dass es dir in der Korrektionsanstalt nicht so schlecht geht, wie ich immer befürchtet habe.   

Vielleicht hat diese Strafe aber auch etwas Gutes. Dennoch sollst du wissen, dass ich als deine Mutter immer zu dir gehalten habe und dich auch nie im Stich lassen werde, denn du bist und bleibst mein einziges Kind, das ich über alles liebe.

Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich darunter leide, dass du mich so sehr enttäuscht hast, da all meine mit so viel Herzblut und innerer Überzeugung vertretenen Erziehungsmethoden sich als wirkungslos oder sogar als falsch erwiesen haben.

Mein Vertrauen in dich u. deine Einsichtsfähigkeit habe ich immer höher gehalten als die Anordnung reiner erzieherischer Maßregeln. Ausdrücklich habe ich dich im Beisein von Moritz, dessen Selbstmord  mir sehr nahe geht, vor dem moralisch höchst anrüchigen Buch „Faust“ gewarnt, da dort gerade das vorkommt, was du jetzt zu meinem übergroßen Entsetzen selbst getan hast.

Natürlich denke ich auch voller Selbstzweifel an die Folgen meines Briefes an Moritz. Darin habe ich ihn vor der völlig überhasteten Idee einer Überfahrt nach Amerika gewarnt. Ich habe ihm angeboten, mich für ihn bei seinen Eltern einzusetzen. Seine Selbstmorddrohung habe ich jedoch entrüstet als Erpressungsversuch zurückgewiesen. Er solle die Sache so nehmen, wie sie nun einmal sei. Jeder müsse schließlich solche Krisen durchmachen. Offensichtlich war Moritz so wenig gefestigt, dass er an seinem Schicksal zerbrochen ist. Vielleicht hätte ich doch im Brief mehr Verständnis für ihn zeigen sollen?! Nur Gott allein weiß, wozu all dies letztlich gut ist! Ich bete inständig, dass du stark genug bist, um diese Krise mit Gottes Hilfe selbst zu bewältigen, und nicht solch eine Kurzschlusshandlung wie Moritz begehst!

Im Gespräch mit deinem Vater habe ich dich anfangs mit aller Kraft verteidigt. Den Lehrern, die dich der Schule verwiesen haben, habe ich vorgeworfen, sie hätten dich nur als Sündenbock benutzt, da man für den Aufsehen erregenden Selbstmord von Moritz einen Schuldigen gebraucht habe. Auch den Vorwurf deines Vaters, ich hätte dir mit meinen auf Verständnis und Selbstverantwortung beruhenden Erziehungsprinzipien großes Unrecht getan, habe ich empört zurückgewiesen.   

In der Korrekturanstalt seiest du vollkommen verloren und dem Tode geweiht. Du trügest keine Schuld an dem Schulverweis, und wenn doch, hättest du es längst gebüßt. Als er über dich von moralischem Irrsinn und von Grundschäden deines Charakters sprach, die nichts mit persönlicher Schuld zu tun habe und die ich als Frau nicht beurteilen könne, habe ich ihm wiederum sehr heftig widersprochen und dies als typisch männliches Denken gebrandmarkt. Deine eigentlich moralisch unentschuldbare Aufklärungsschrift „Der Beischlaf“, die du unverantwortlicher Weise Moritz gegeben und damit dessen Unglück besiegelt hast, habe ich als Beweis für deine Harmlosigkeit, Dummheit und kindliche Unberührtheit hingestellt. Ich habe sogar deinem Vater damit gedroht, ihn zu verlassen, wenn er dich in die Korrektionsanstalt schicke. Jedoch habe ich mich in dir leider vollkommen geirrt!!  

Denn du hast es nicht bei dieser angeblichen Aufklärungsschrift belassen, sondern dich an einem unschuldigen Mädchen vergangen, unsere Familie damit in Misskredit gebracht und besonders unseren guten Ruf nachhaltig geschädigt.

Besonders schlimm war es für mich, dass ich den Spott deines Vaters über meine Naivität klaglos über mich ergehen lassen musste! Die Möglichkeit, dass wir auf einem anderen Gymnasium mit dir und deinem frühlingsfreudigen Herzen, wie er deine moralischen Verfehlungen ironisch nannte, noch einmal so eine Schande erleben könnten, hat mich veranlasst, selbst aus Überzeugung die Korrektionsanstaltt für dich zu fordern.

Auch wenn ich diesen Entschluss in sehr großer Erregung und Enttäuschung über deine moralischen Verfehlungen gefasst habe, meine ich, dass es in dieser Situation keine Alternative hierzu gibt.

Voller Scham muss ich zugeben, dass ich mit meiner zu freiheitlichen Erziehungsmethode Unrecht gehabt habe. Daher können jetzt nur noch die strengen Maßnahmen deines Vaters und die der Korrektionsanstalt helfen. Auf der anderen Seite habe ich schon große Befürchtungen, dass für dich die Umstellung auf die dortigen überharten Erziehungsmaßnahmen zu groß sein wird. Ich weiß auch nicht, ob dort wirklich alles so moralisch abläuft, wie dein Vater sich das in seine Naivität vorstellt. Man hört über solche Jungen-Internate, in die lauter unmoralische Jugendliche gesteckt werden – auch solche, die es noch viel schlimmer als du getrieben haben – doch zum Teil ganz schlimme Geschichten!! Ich hoffe inständig, dass du dich von solchen zutiefst unmoralischen Jungen nicht anstecken lässt!!

Lieber Melchior,  mein einziges Kind! In Wahrheit bin ich ganz verzweifelt!! Ich bete zu Gott, dass er dir trotz all der widrigen Umstände die Kraft gibt, diese Prüfung erfolgreich zu bestehen! Schreib mir bitte, wie es dir inzwischen geht. Ich mache mir große Sorgen um dich und warte sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen von dir!!

Ich empfehle dich nochmals Gott, auf den du vertrauen solltest. Ich hoffe, dass du deine offensichtlich falsche atheistische Einstellung, die dich in die Irre geführt hat, jetzt endlich korrigierst und wieder Vertrauen in Gott fasst, denn nur dann wird sich alles zum Guten wenden.

Ich umarme dich in Gedanken!

Deine dich über alles liebende Mutter


10. Aufgabe

2: Geben Sie in einer kurzen Einleitung an, in welcher Situation sich Moritz im II. Akt, 7. Szene (bis Seite 50, Zeile 22) befindet. Verfassen Sie anschließend einen Abschiedsbrief von Moritz an Melchior, in dem er sein bisheriges Verhalten reflektiert und seinen bevorstehenden Selbstmord begründet.

Erwartungshorizont zur Bearbeitung der Aufgabe (FHR-Prüfung)

Die Schüler/-innen sollten in einer Einleitung darlegen, dass der jugendliche Moritz Stiefel in der Abenddämmerung durch die Landschaft schlendert und sich schwermütigen Gedanken über sein Leben hingibt. Er meint zu spüren, dass er nicht in diese Welt hineinpasse, macht jedoch niemand, nicht einmal seine Eltern, dafür verantwortlich. Die einzig sinnvolle Konsequenz für ihn ist es, die Tür hinter sich zuzuziehen und „ins Freie (S.43, Z.27) zu treten, das heißt, Selbstmord zu begehen.   

Moritz wird durch Ilse, die er von früher her kennt, aus seinen Gedanken gerissen. Sie schildert ihm farbig und frivol ihr bewegtes Leben als Künstlermodell.

Er lehnt es jedoch ab, zu ihr nach Hause zu gehen, was er kurz darauf aber bedauert und den verpassten Liebesrausch beklagt. Er verbrennt Frau Gabors Brief an ihn und wird sich das Leben nehmen. (Anforderungsbereiche I+II)

Im Abschiedsbrief an seinen besten Freund Melchior Gabor sollten die Schüler/-innen zunächst aufführen, dass dieser ihm sehr viel bedeutet und er ohne Anklage oder Bitternis stirbt.

Melchior habe ihn in jeder Hinsicht, bei Hausaufgaben, Gesprächen über die für ihn unerträgliche und ihn überfordernde Schule und ihre Lehrer sowie besonders in der Frage der sexuellen Aufklärung und der Bewältigung seiner sexuellen Nöte durch dessen Aufklärungsschrift „Der Beischlaf“ unterstützt. Mit ihm habe er „manchen schönen Abend“ (S.45, Z.17) verlebt. Er sei der einzige gewesen, dem er wirklich vertrauen und bei dem er sich aussprechen konnte.

Seine Eltern mache er nicht verantwortlich, da sie von Anfang an „auf das Schlimmste gefasst sein“ (S.44, Z.2f.) mussten. Schließlich bringe er sich um, da er seinen Eltern die Schande, dass ihr Sohn nicht versetzt werde, nicht zumuten könne (S.29, Z.1f.). (Anforderungsbereiche II+III)

Anschließend sollten die Schüler/-innen u. a. die wesentlichen Stationen seines Lebens reflektieren, die seinen Entschluss für den Selbstmord begründet erscheinen lassen.

Als er in das Konferenzzimmer eingedrungen sei, habe er gemeint, dass er versetzt werde, jetzt die Welt untergehen könne, und gebüffelt wie ein Ochse (S.22, Z.3). Aber alles sei vergeblich gewesen. Das stumpfsinnige Pauken habe er körperlich und seelisch nicht durchgehalten, zumal er seine Sexualität nicht kontrollieren konnte und unter Todesangst (S.12, Z.29) gelitten habe. Seine Schrift habe ihn letztlich noch mehr verwirrt und „in Mitleidenschaft“ (S.32, Z.29) gezogen.

Er bedauere sehr, dass er sterbe, ohne „das Menschlichste kennen gelernt zu haben“ (S.45, Z.1f.).

Als feststand, dass er nicht versetzt werde, habe er Melchiors Mutter, die sich immer sehr um ihn gekümmert habe, einen Brief geschrieben und sie darin gebeten, ihm Geld für die „Überfahrt nach Amerika“ (S.41, Z.12f.) zu geben. Sie habe sehr ausführlich auf seinen Brief reagiert und angeboten, sich bei seinen Eltern für ihn einzusetzen und um Verständnis für ihn zu werben. Man könne schließlich Menschen nicht nach seinen Schulzeugnissen bewerten. Dies sei gut gemeint gewesen, aber bei seinen Eltern und deren Erwartungen an ihn natürlich völlig aussichtslos.

Weder habe sie so viel Geld, noch wolle sie es ihm geben, da sein unbedachtes Vorhaben die „denkbar größte Sünde“ (S.41, Z.16) sei. Seine Selbstmorddrohung habe sie empört als Erpressungsversuch zurückgewiesen, was ihn, bei aller Sympathie für seine Mutter, doch sehr kränkte. Am Schluss meinte sie, solche Krisen träfen jeden von uns und müssten überstanden werden.

Er aber sei am Ende seiner Kräfte, so dass ihm nur der Freitod bleibe. Schließlich sei er durch Zufall geboren und habe keinen Vertrag mit dem lieben Gott. Das Leben habe ihm die kalte Schulter gezeigt. Drüben erwarte ihn die kopflose Königin voll Mitgefühl. Die Gebote hier seien nur für Unmündige, er aber habe ein Freibillet (S.45f.). Im Gegensatz zur Ansicht seiner Schul-kameraden sei er sehr wohl dazu fähig ist, sich zu erschießen (S.22). Einen Grabstein werde er nicht bekommen, aber er hoffe, sein geliebter Freund Melchior werde ihn nie vergessen (S.45). (Anforderungsbereiche II+III)

Bei einer guten Schülerleistung sollten neben der sprachlich korrekten Briefform und seines Sprachstils Moritz‘ momentane Situation und Stimmung in II,7 seine intensive Beziehung zu Melchior sowie seine ambivalente Haltung zu Frau Gabor, seinen Eltern und seinem bisherigen Leben ausführlich und angemessen dargelegt werden. Ferner sollte Moritz‘ Entschluss für seinen Freitod ausgiebig begründet werden.

Eine ausreichende Schülerleistung sollte neben der sprachlich weitgehend korrekten Briefform die Vorgeschichte sowie Moritz‘ momentane Situation und Stimmung zumindest in groben Zügen erfassen sowie seine ambivalente Haltung zu Frau Gabor, seinen Eltern und seinem bisherigen Leben wenigstens in Ansätzen richtig dargelegt werden. Ferner sollte Moritz‘ Entschluss für seinen Freitod weitgehend angemessen begründet werden.