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GREGOR SCHRÖDER

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Analyse von Sachtexten & Kommentaren · Teil 1

Da die im Anhang befindlichen Sachtexte (meist Kommentare aus Tageszeitungen) – im Unterschied zu literarischen Texten – bezüglich der Thematik meist schnell veralten, habe ich mich erst nach einigem Zögern entschlossen, meine ausführlichen Analysen/Lehrererwartungshorizonte (LEH) hier zu veröffentlichen, die sich an den Anforderungen von FHR bzw. AHR orientieren (s.u.).

Natürlich sind meine Bewertungen dieser Sachtexte subjektiv und müssen keineswegs in dieser Form geteilt werden. Zudem sind alle meine Analysen auf dieser Webseite in den letzten Jahren seit 2008 entstanden und hier meist nur leicht überarbeitet, da ich nunmehr pensioniert bin.

Auf der anderen Seite geht es ja mehr um die Technik der Analyse bzw. Interpretation. Auch tun sich manche Schüler/-innen z.T. recht schwer, solche Texte zu analysieren, was häufig daran liegt, dass sie z.B. Zeitungskommentare nur noch sehr selten lesen. Daher sollen die folgenden LEH eine Hilfestellung leisten bei der Bearbeitung von expositorischen Texten.


Erklärungen zur Textsorte Kommentar und zu den wichtigsten Argumenttypen

Merkmale eines Kommentars


Argumenttypen

Wer eine These aufstellt (Behauptung), muss diese irgendwie begründen. Die Bedeutung oder Stärke einer These hängt von den Argumenten, also Beweisen, ab, die für sie gefunden werden können.

In diesem Zusammenhang spricht man auch von der Qualität der Argumente. Dabei gibt es u.a. folgende verschiedene Arten zu argumentieren (Argumenttypen).

Argumenttyp Beispiel Funktion

Faktenargument

75% aller Deutschen befürworten das Grundgesetz.

Die formulierte These (Behauptung) wird durch eine überprüfbare und belegbare Tatsachenaussage gestützt.

Diese ist unstrittig und ist für den Empfänger der These nachvollziehbar.

Normatives Argument

Kulturelle Werte, beispielsweise das Schreiben, müssen an die nachfolgende Generation weitergegeben werden.

Die These wird dadurch gestärkt, dass verbreitete Wertmaßstäbe (Normen) als Grundlage dienen. Diese Normen sind allgemein akzeptiert.

Autoritätsargument

Lesen von Büchern ist eine der besten Möglichkeiten, um die eigenen Fähigkeit im Deutschunterricht zu schärfen, betonte der Vorstand des Dudens.

Hierbei wird eine Autorität herangezogen, die die eigene Meinung nochmals unterstützt. Meist sind dies Instanzen, die dem Empfänger bekannt und Größen auf ihrem Gebiet sind.

Analogisierendes Argument

Aus dem besten Drehbuch wird nichts, wenn jeder Darsteller die Hauptrolle einnehmen möchte und nur an sich selbst denkt. Das gilt auch für Diskussionen.

Das aktuelle Thema der Argumentation wird mit einem anderen Bereich verbunden. Idealerweise ist dieser dem ursprünglichen ähnlich, sodass ein Vergleich funktioniert.

Indirektes Argument

Kritiker von Lernseiten im Netz meinen, dass Bücher besser geeignet wären. Fakt ist, dass sich die Noten der Schüler verbessert haben, seit es das Internet gibt.

Das Argument der Gegenseite wird angegriffen. Die eigene These wird also gestützt, indem die Gegenposition entkräftet wird.

Plausibilitätsargument:

Ich kümmere mich natürlich vorerst um meine Probleme. Wie sagt man so schön? Jeder ist sich selbst der Nächste!

Die Aussage wird dadurch begründet, dass sie „plausibel“, also für den Leser oder Zuhörer besonders nachvollziehbar scheint.


Zu folgenden 3 Bereichen finden sich Sachtexte/Zeitungskommentare und ausführliche Analysen/LEH, wobei sich die Texte jeweils im Anhang befinden:

I. Medien/Sprache

1. Werner Bartens: Bestseller ‘Digitale Demenz’ von Manfred Spitzer – Krude Theorien, populistisch montiert (2012) PDF

2. Franziska Bulban, Kilian Trotier: Wir begegnen uns nur noch selbst (2012) PDF

3. Evelyn Finger und Götz Hamann: Hetze im Netz (2012) PDF

4. Alexander Jungkunz: Medien-Jahr 2009 – Die Kluft wird größer (2009) PDF

5. Neil Postman: Wir informieren uns zu Tode (1993) PDF

6. Andreas Weck: Google+ – Warum das Netzwerk selbst schuld an seinem ‘Geisterstadt’-Image ist (2013) PDF


II. Frauen/Familie/Schule

7. S. Gaschke: Neues Glück. Kein Grund zur Klage – Den Frauen geht's besser (2001) PDF

8. Christian Hümmler: Kopfnoten – Zensur, die Grenzen setzt (2008) PDF

9. Birgitta vom Lehn: Den Hausfrauen die Freiheit (2009) PDF

10. Birgitta vom Lehn: „Kitas sind gut für Eltern, nicht für Kinder“ (2010) PDF

11. Sonja Munka: Zieht den Kindern endlich den Stecker! (2013) PDF

12. Dagmar Rosenfeld: Die Venusfalle (2008) PDF

13. Sarah Schaschek: Weltfrauentag – Lasst uns über Männer reden! (2008) PDF

14. A. Wirtz: Mehr Zeit für Kinder – Erziehung ist die Aufgabe beider Elternteile (2002) PDF

15. Astrid Wirtz: Wer bezahlt die Rechnung? (2007) PDF


III. Wirtschaft/Ethik/Gesellschaft (hier: Sachtexte 2)

16. Alexandra Borchardt: Wirtschaft braucht Werte (2010) PDF

17. Michael Geyer: Deutschland in der Globalisierungsfalle (2008) PDF

18. Ulli Kulke: Warum die Globalisierung den armen Ländern nutzt (2012) PDF

19. Nadja Pantel: Lebensmittel ohne Schweinefleisch – Hauptsache halal (2014) PDF

20. Petra Pinzler: Noch mehr ist nicht genug (2011) PDF

21. Wolfgang Wiedlich: Wer das Gras wachsen hört (2007) PDF


Übungstexte ohne LEH:

22. Markus Balser: Profiteure der Globalisierung (2014) PDF

23. Michael Bauchmüller: Attac strauchelt im Mainstream (2014) PDF

24. Gert Egle: Facebook – Meine Ohrmarke „gefällt mir“ – nicht (2011) PDF

25. Gerd Egle: Moderne Nesthocker (2013) PDF

26. Alexander Hagelüken: Geld stinkt doch (2009) PDF

27. Hans-Werner Kilz: Bilanz 2009. Das große Versagen (2009) PDF

28. Paul Kunder: Auf der Jagd nach ‘Spike’– Spicken im Zeitalter von Smartphone und mobilem Internet (2012) PDF

29. Nina Meckel: Wozu die Glotze verteufeln? (2007) PDF

30. Markus Rohwetter: Das Netz ist voll (2010) PDF

31. Horst Wildemann: Der Segen der Knappheit (2011) PDF


1. Werner Bartens:

Bestseller ‘Digitale Demenz’ von Manfred Spitzer – Krude Theorien, populistisch montiert (2012)

1. Überblicksinformation: äußere Publikationsdaten, Textsorte, Thema (AHR)                                     

W. Bartens befasst sich in seiner Buchrezension „Bestseller ‚Digitale Demenz‘ von Manfred Spitzer – krude Theorien, populistisch montiert“ (gekürzt aus: SZ vom 9.9.12, S.9) kritisch mit Spitzers Thesen. Spitzer versuche, mit scheinwissenschaftlichen Argumenten die Schädlichkeit der neuen Medien (PC, Handy, Fernsehen, Navi) für unser Gehirn zu beweisen. In Wahrheit missbrauche er aber nur die Hilflosigkeit der Eltern angesichts der neuen Medien, um mit einem populären Sachbuch Geld zu verdienen. Der Text ist ein Kommentar, da der Autor in einer Tageszeitung schreibt und sehr engagiert Stellung zu diesem Thema nimmt, um zur Meinungsbildung des Lesers beizutragen.

2. Thematik des Textes in Bezug zum aktuellen öffentlichen Diskurs über die Kritik an der Nutzung der neuen Medien

In letzter Zeit sind viele Berichte über den Missbrauch der neuen Medien erschienen. Computer- und Internetsucht sind als negative Begleiterscheinungen in aller Munde.   

Jugendliche verbringen heutzutage überdurchschnittlich viel Zeit mit diesen Medien (Killerspiele besonders bei Jungen, auch Amokläufern), wobei das Smartphone für viele zum ständigen Begleiter geworden ist, das dauernd genutzt wird, um nur ja nicht angeblich wichtige Infos (Facebook, SMS, WhatsApp) zu verpassen. Eltern, Schulen, aber auch Arbeitgeber beklagen diese egozentrische Mediennutzung, die bisher selbstverständliches Kommunikations- und Sozialverhalten zu verdrängen scheint.

3. Benennung der Sinnabschnitte und gedanklicher Aufbau des Textes

1. Einleitung: Ironische Abwertung von Spitzers übertriebenem „Anliegen“. Angeblich sollen laut Spitzer die neuen Medien „uns u. unsere Kinder um den Verstand bringen“ (Z.1-5).

2. In seiner „Kampfschrift“ warne Spitzer vor Vergesslichkeit, Verflachung und Vereinsamung, wobei er dramatisierend an das Wohl unsere Kinder appelliere (Z.6-10).

3. In der folgenden Argumentation geht er ausführlich auf Spitzers Beweisführung ein, die er mit vielen Beispielen aus dessen Buch regelrecht zerpflückt und als unlogisch und unstrukturiert hinstellt (wie nach dem Überkonsum neuer Medien!). Ferner wirft er ihm bewusste Irreführend, Manipulation und Verdummung vor (Z.11-44).

4. Fazit: Spitzers Erfolg beruhe auf der Hilflosigkeit der Eltern vor Medienkonsum ihrer Kinder, da sich Medienkritik und Ruf nach innerer Einkehr immer gut verkaufe (Z.45-49).

4. Darstellung der Kernaussagen des Autors und Untersuchung der Argumentationsstruktur

Seine Hauptthese: Spitzer missbrauche sein Image als Wissenschaftler und die Hilflosigkeit von Eltern gegenüber dem Medienkonsum ihrer Kinder, um mit pseudowissenschaftlichen Behauptungen über die angebliche Schädlichkeit der neuen Medien einen Bestseller zu schreiben, belegt der Autor mit folgenden, meist Plausibilitäts-, analogisierenden, Erfahrungs-, indirekten und Fakten-Argumenten (PA, aA, EA, IA, FA).

1. Als Einstieg wertet Bartens Spitzers „Anliegen“ ironisch ab. Dieser wolle die Welt „vor der Verblödung bewahren“ (Z.1), die ihr durch die neuen Medien drohe, wozu er PC, Handy, TV u. Navi zählt. Spitzer selbst nenne es übertreibend ein „sehr unbequemes Buch“ für viele Menschen (Z.1-5). PA,aA,EA

2. Spitzers Buch ist für ihn kein Sachbuch, sondern eine Kampfschrift, in der theatralisch vor „Verflachung, Vergesslichkeit u. Vereinsamung gewarnt werde. Dies zeige der häufige Gebrauch von  „Ich“ (Vorwurf von Egoismus) und „der flehentliche Ausruf“(Z.7), dass es um die Kinder gehe. Er gebe an mit seiner Kompetenz als „Psychiater und Gehirnforscher“ und wolle sich angeblich auch als Vater zweier Kinder nicht bewusstes Verschweigen schlimmer Folgen vorwerfen lassen (Z.6-10). PA,aA,EA, IA

3. Bartens wirft Spitzer Unlogik vor, da er zwar viel wisse, diese Infos aber nicht ordnen und strukturieren könne und damit die gleichen Symptome zeige, die erst „durch übermäßigen Medienkonsum drohten“ (Z.13) (Z.11-13). PA, aA, IA

4. Spitzer zeige anhand der „radiologischen Durchleuchtung der Füße“, die „bis in die 1970er-Jahre in Schuhgeschäften üblich war“ (Z.14f.), dass technischer Fortschritt oft gefährlich sei, was aber längst bekannt sei und nichts mit seinen Thesen zu neuen Medien zu tun habe (Z.14-18). PA, aA, EA, IA

5. Bei Gebrauch des Navis drohe ein Orientierungsverlust, was „eine selbst zusammengeschusterte Grafik“ (Z.21) mit angeblich höherer Intensität der grauen Gehirnsubstanz bei Londoner Taxifahrern mit längerer Berufserfahrung beweise. Damit bezweifelt er Spitzers wissenschaftliche Vorgehensweise (Z.19-23). PA, aA, EA, IA

6. Aus dieser Abbildung sei dies nicht ersichtlich. Selbst wenn Londoner Taxifahrer mehr Gehirnzellen hätten, sage dies nichts über ihre geistigen Fähigkeiten aus, womit er dessen Beweisführung in Frage stellt (Z.24-27). PA, aA, EA, IA, FA

7. Statt einer Antwort zeige er „in einer briefmarkengroßen Schwarzweiß-Abbildung“ (Z.28), dass sich Gehirnzellen von Tieren bei Stress zurückbildeten und wie sich die Alzheimer-Krankheit im Gehirn ausbreite. Dies sei so willkürlich wie Ergebnisse „einer Google-Suche zum Suchbegriff ‘Hippocampus’“ (Z.31) (Z.28-31). PA, aA, EA, IA, FA

8. Spitzer verschweige die positive Wirkung von Eustress und die 90%-ige Nichtübertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen. Zudem sei unklar, ob die neuen Medien nicht auch neue Fertigkeiten ermöglichten (Z.32-35). PA,aA,EA,FA

9. Der Verunglimpfung von Navis folge völlig unlogisch ein Kapitel über Demenz. Den Begriff „Digitale Demenz“ halte Spitzer für berechtigt, zumal es hierzu bei Google über 50.000 Einträge gebe, obwohl es bei dem Begriff „Grüne Giraffe“ (Z.39) 10-mal so viel seien (Z.36-39). PA, aA, EA, FA

10. Spitzer wolle zeigen, man behalte z.B. in der Schule umso mehr, je mehr man ein Thema verstehe. Zur Illustration zeige er aber nur 3 dunkle Balken in ansteigender Größe ohne die Dimension der Behaltensleistung, was keine Aufklärung, sondern Verdummung sei (Z.40-44). PA,aA,EA,FA

11. Am Schluss konstatiert Bartens, dass Spitzers Erfolg allein auf der Hilflosigkeit vieler Eltern angesichts „der Gier ihrer Kinder nach iPad, Wii oder Laptop“ (Z.45) beruhe, da solche pädagogischen Aufrufe zu Verzicht und Mäßigung schon immer populär gewesen seien. Schon Bücher von Neil Postman u.a. mit Medienkritik, innere Einkehr und Konzentration auf das Wesentliche hätten sich gut verkauft (Z.45-49). PA, aA, EA, FA

5. Beschreibung sprachlicher Gestaltungsmittel und deren Wirkungen

Der Autor verwendet einige Metaphern/Personifikationen („von digitalen Dealern ... befeuert wird“, Z.2; „in die Tasten greifen“, Z.9; „segensreich“, Z.16; „Allgemeinplatz“, Z.17, „zusammengeschusterte Grafik“, Z.2), um seine Ansichten zu veranschaulichen. 2 rhetorische Fragen (Z.4f.) sollen Spitzers Unlogik aufzeigen. Die Ellipsen (Z.13, 24, 42, 47) und Einschübe  (Z.10, 33, 41, 48f.) sollen das Gefühl vermitteln, dass es gegen diese kurzen und einprägsamen Behauptungen u. Spitzers Position keine vernünftigen Einwendungen gibt. Die vielen Aufzählungen und Beispiele (Z.2, 6, 15f., 26f., 33f.) sollen seine Argumente wirkungsvoll unterstreichen. Mit Ironie/Abwertung („Anliegen“, Z.1; „Kampfschrift“, Z.6; Z.7f., 11f., 37) will er Spitzers Argumente entwerten. Die Verallgemeinerungen („die Menschheit“, Z.1; „den Leser“, „man“, Z.32, „den Menschen“, Z.34), Vereinfachungen (Z.11ff., „Allgemeinplatz“, Z.17, „viele Eltern ... hilflos“, Z.45) und Übertreibungen („Menschheit vor der Verblödung bewahren“, Z.1, „Oberflächlichkeit und fehlende Orientierung“, „zusammengeschusterte Grafik“, Z.21) sollen Klarheit und Verständlichkeit von Bartens Ansichten hervorheben, seiner Kritik größere Allgemeingültigkeit und Klarheit verleihen und  die Glaubwürdigkeit seiner Argumente erhöhen. Es gibt viele Alliterationen („digitalen Dealern“, Z.2; „Verflachung, Vergesslichkeit und Vereinsamung“, Z.6; „Oberflächlichkeit ... Orientierung“, Z.13; „Grüne Giraffe“, Z.39; „Kontemplation sowie Konzentration“) und ein Wortspiel („durch Aus-schalten auch abschalten“, Z. 47), da der Autor neben Sachargumenten auch mit Wohlklang überreden will. Er verwendet viele griffige Formulierungen (Z.1, „Informationswust“, Z.11; „21, „Verdummung“, Z.44) sowie Fremdwörter/Fachbegriffe („ADHS“,Z.8, „iPad, Wii“, Z.45), Z.14; „Hippocampus“, Z.22, „Eustress“, Z.32), um zu zeigen, dass er fachkompetent ist und weiß, worüber er schreibt. Der Satzbau ist komplex und in Hochsprache verfasst. Einige Sätze erstrecken sich über 4 Zeilen mit Nebensätzen und Einschüben.

6. Herausarbeitung der Textintentionen

Bartens will zeigen, dass Spitzers Anspruch an sein Buch („Die Menschheit vor der Verblödung bewahren“, Z.1) völlig unrealistisch ist und nur sein wirkliches finanzielles Anliegen verdecken soll, einen populären Bestseller zu schreiben. Er versucht nachzuweisen, dass der „Psychiater und Gehirnforscher“ Spitzer nur scheinwissenschaftliche Argumente verwende und seine ‘Beweise’ einer kritischen Prüfung nicht standhielten. Laut Bartens zitiere er in dramatisierender Weise seine eigenen Kinder, um die Zielgruppe (durch Mediennutzung ihrer Kinder überforderte Eltern) in Angst und Schrecken zu versetzen.

Ironischerweise sei sein Buch verworren und unlogisch, so dass es gerade die Symptome aufweise, die eigentlich erst Folge einer übermäßigen Nutzung der neuen Medien sein sollte. Er bestreitet die Übertragbarkeit von Ergebnissen der Hirnforschung aus dem Tierreich und fragt kritisch, ob die digitalen Techniken nicht auch „einen Zugewinn an neuen Fertigkeiten“ (Z.35) mit sich bringen würden. Letztlich gebe es viele solcher Bestseller, die mit Medienkritik und dem Ruf nach innerer Einkehr Geld verdienten.

7. Bewertung der Argumentationsstruktur

Der Autor weist in seiner Rezension durchaus plausibel auf zahlreiche Schwachstellen von Spitzers Thesen hin. Anhand von Beispielen aus dessen Buch kann er viele Widersprüche in dessen Argumentation aufzeigen. Spitzer scheint wissenschaftliche Ergebnisse wohl sehr vereinfacht dargestellt zu haben. Bartens Kritik an Ergebnissen der Hirnforschung verkennt jedoch, dass viele Erkenntnisse aus ethischen Gründen nur über den Tierversuch gewonnen werden können. Zudem beginnt seine Rezension mit einer stark übertriebenen Abwertung von Spitzers Anliegen. Eine gewisse Unlogik ergibt sich bei Bartens selbst. Einerseits nennt er Spitzers Buch eine „Kampfschrift“ (Z.6), was bedeutet, dass Spitzer selbst an seine Thesen glaubt, andererseits tut er so, als habe dieser in Wirklichkeit nur das „Anliegen“ (Z.1), einen populären Bestseller zu schreiben und damit Geld zu verdienen. Durch seine stete Abwertung Spitzers, immerhin Psychiater und Hirnforscher, dem er geistige Verwirrung und bewusste „Verdummung“ (Z.41) vorwirft, schwächt er meines Erachtens die Glaubwürdigkeit seiner Argumente. Offensichtlich scheint Bartens sämtliche – bei Spitzer sicher vorhandenen – bedenkenswerten Thesen auszublenden und nur die widersprüchlichen und nicht wissenschaftlich abgesicherten Thesen anzuführen, um sie dann genüsslich zu zerpflücken. Völlig außer Acht lässt Bartens nämlich die Tatsache, dass die heute übermäßige Nutzung der neuen Medien erhebliche Auswirkungen auf Kommunikation und Sozialverhalten hat, auch wenn sich das nicht durch Gehirn-Scans nachweisen lässt.

8. Stellungnahme zur Aussage der Nichtübertragbarkeit (90%) von TV + Zugewinn an Fertigkeiten durch neue Medien (Z. 33-35)

Bartens zweifelt Beweise des Hirnforschers Spitzer u.a. mit der Behauptung an, dass sich Ergebnisse von Tierversuchen (TV) zu 90% nicht auf den Menschen übertragen ließen.   

Wenn dies so wäre, müssten alle TV unverzüglich eingestellt und klinische Erprobungen als unverhältnismäßige Risiken verboten werden. Auch dürften dann keine Medikamente mehr verkauft werden. Hier ist Bartens in seinem Bestreben, Spitzer Unwissenschaftlichkeit nachzuweisen, meines Erachtens weit übers Ziel hinausgeschossen.

Natürlich ist eine Übertragbarkeit von meist aus Versuchen mit Nagetieren (Ratten und Mäusen) nur sehr bedingt möglich. Deshalb gibt es ja die klinische Erprobung und die zahlreichen Hinweise auf den Beipackzetteln der Medikamente. Trotzdem ist die Hirn- und Arzneimittelforschung für die Gesundheit von Menschen unverzichtbar. Der unkritische Griff zur Pille ist allerdings immer problematisch, da z.B. die gleichzeitige Einnahme von unterschiedlichen Medikamenten meist nicht erforscht wurde und es jährlich 10.000 Tote und 100.000 Schwerstverletzte allein in der BRD durch Nebenwirkungen von Medikamenten gibt.

Sicherlich gibt es einen Zugewinn an Fertigkeiten durch die neuen Medien, die zudem viele Arbeiten erleichtern und deren Erledigung beschleunigen. Es überwiegen aber m. E. bes. bei Jugendlichen die nachteiligen emotionalen und kommunikativen Folgen für den Einzelnen, seine Beziehungen zu anderen und für unserer Gesellschaft.

Gerade Smartphones verführen dazu, sich ständig damit zu beschäftigen und oft nicht mehr wahrzunehmen, was um einen herum geschieht. Verabredungen untereinander werden nur sehr unverbindlich getroffen und meist mehrfach wieder verschoben. Statt intensiv und ausdauernd miteinander mündlich zu kommunizieren und Blickkontakt zu halten, werden Gespräche verkürzt, da die Gesprächsteilnehmer sich nach kurzer Zeit wieder mit ihrem Smartphone beschäftigen. Dies kann durchaus Oberflächlichkeit und Vereinsamung fördern.

Interesse für Politik und soziales Engagement geraten so schnell in den Hintergrund. Auch Eigeninitiative, Kreativität und längere Beschäftigung mit einem Thema werden so kaum unterstützt, da es ständige Ablenkungen durch Handy-Anrufe, SMS, WhatsApp, E-Mail etc. gibt, die die direkte Kommunikation bzw. die stille Beschäftigung mit einer interessanten Sache ersetzen bzw. verhindern. Jedoch ist der Mensch ein soziales Wesen, das auf emotionale, individuelle, liebevolle Zuwendung und Wertschätzung sowie Körperkontakt angewiesen ist. Nicht ohne Grund nehmen psychosomatischen Erkrankungen, Depressionen, Zukunftsängste, soziale Phobien u.ä. in letzter Zeit erheblich zu. Auch Personalchefs berichten über zunehmende emotionale, kommunikative und soziale Defizite von Auszubildenden bei Vorstellungsgesprächen. Der Kommentar aus der SZ wendet sich an einen akademisch gebildeten, Adressatenkreis, der Spitzers oberflächliche und oft unlogische Argumentation durchschauen kann.


2. Franziska Bulban, Kilian Trotier:

Wir begegnen uns nur noch selbst (2012)

1. Überblicksinformation (FHR)

Franziska Bulban und Kilian Trotier befassen sich in ihrem Kommentar „Wir begegnen uns nur noch selbst“ (gekürzt aus: Die Zeit v. 19.01.12, S.15) kritisch mit der personalisierten Google+ Suche („Search plus Your World“, Z.4), die statt scheinbar objektiver Info-Suche nur noch dem Google-Profil unseres eigenen Sozialen Netzwerks entsprechende, gefilterte Suchergebnisse liefere. Obwohl wir darüber zunächst empört seien, dass „Web-Giganten“ (Z.43) wie Google etc. Gewinnmaximierung, statt objektiver Infos anstrebten und Suchmaschinen „kein Konversationslexikon“ (Z.41) seien, würden wir bald schon wieder auf Facebook Privatfotos von uns preisgeben und vergnügt weiter googeln. Der Text ist ein Kommentar, da die Autoren in einer Fachzeitschrift schreiben und sehr engagiert Stellung zu diesem Thema nehmen, um zur Meinungsbildung des Lesers beizutragen.

2. Darstellung der Kernaussagen des Autors + Argumentationsstruktur

Ihre Hauptthese: Google+ liefere statt objektiver Infos nur das, was wir gemäß unserem Persönlichkeits-Profil gerne läsen, was uns aber aus Bequemlichkeit nur kurz empöre, belegen die Autoren mit folgenden, meist Plausibilitäts-, analogisierenden, Erfahrungs-, indirekten, normativen, moralischen, Autoritäts- und Fakten-Argumenten. PA, aA, EA, IA, NA, MA, AA, FA

1. Als Einstieg geben Bulban/Trotier ein übertriebenes Beispiel für personalisierte Google-Suche nach Rasenmähern: Bilder von Freunden mit Rasenmähern. Dieser Unsinn sei bereits Realität, da diejenigen mit Google+-Profil „bei ihren Suchergebnissen“ (Z.7) auch Privates aus dem Netzwerk serviert bekämen. Als Beleg wird die angesehene New York Times zitiert: „eine der größten Veränderungen bei Suchmaschinen“. (Z.1-8) PA, aA, EA, MA, AA  

2. Bei Google+ erhielte man „gleichzeitig alle News aus seinem eigenen kuscheligen Sozialen Netzwerk“ (Z.9f.). Die bewusst verharmlosenden Begriffe „kuschelig“ und „plaudern“ sollen die verborgene Gefährlichkeit der Sozialen Netzwerke verdeutlichen. So werde aus einer Suchmaschine für Inhalte eine für menschliche Beziehungen, damit diese Menschen sich wohlfühlten, viel von sich preis gäben und konsumierten. (Z.9-13) PA, aA, EA

3. Diese Nachricht habe zu einem großen Aufschrei geführt, was u.a. einen Juraprofessor zur Löschung seines Google-Profils u. den Autor Manjoo zur Behauptung „Google zerstört seine Suchmaschine“ veranlasst habe. Mit diesen 2 Autoritäten wollen Bulban/Trotier die Bedeutung des Protests verdeutlichen (Z.14-17) MA, AA, NA

4. Die Autoren bestreiten nun die Berechtigung des Aufschreis. Es habe sich im Grunde nicht viel verändert, da Google schon lange Suchergebnisse personalisiere und „Search plus your world“ „nur der nächste logische Schritt“ (Z.24) sei. Die Empörung sei unverständlich, da jeder User diese Funktionen abschalten oder andere Suchmaschinen nutzen könne. Hiermit kritisieren die Autoren die User selbst. (Z.18-25) FA, PA, aA, EA, MA

5. In Wahrheit seien wir erschrocken über unser eigenes Bild in der Google-Suchhistorie. Das Suchverfahren verstärke „menschlich bequemes Verhalten“ (Z.29) und gebe dem User immer mehr von dem, was er bereits kenne. So entstehe „das Bild von egozentrischen Konsumenten“ (Z.31). (Z.26-31) MA, aA

6. Google könne man das nicht vorwerfen, da wir an dem Mist, der uns angeboten werde, selbst schuld seien. Wir klagten darüber, da laut K. Passig von der SZ „Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen“ (Z.34). Jedoch nehme uns Google die Chance der Veränderung. Ferner widerspreche die Personalisierung dem Verständnis einer Suchmaschine. Wenn die User begriffen, dass sie kein Konversationslexikon sei, könne „das Vertrauen in ihre Effizienz rapide sinken“ (Z.41). (Z.32-41) PA, MA, aA, NA

7. „Unser aufgescheuchter Umgang mit diesen Problemen“ (Z.42) zeige, dass wir uns der Abhängigkeit von „Web-Giganten wie Apple, Facebook und Amazon“ (Z.43) mit Schrecken bewusst würden. Ihre Dienste seien „kein quasi staatlicher Bestandteil der Internet-Infrastruktur“ (Z.46), sondern Gewinn orientierte Unternehmen im Kampf um Marktanteile. Hiermit machen die Autoren unsere scheinheilige Aufregung lächerlich, da wir die Gesetze des Marktes kennen sollten. (Z.42-48) PA, MA, aA, NA, FA

8. Laut Bulban/Trotier empörten wir uns, da mit unseren Geheimnissen und Beziehungen „keine unheimlichen Geschäfte gemacht werden“ (Z.50) sollten.

Hier prangern die Autoren unsere Doppelmoral an. Diese Empörung und das Gerede über „den Untergang der Internet-Imperien“ (Z.51) halte jedoch nur ein paar Tage an. Dann säßen wir wieder vor „unseren MacBooks“ (Z.52), stellten Privatfotos ins Netz und „erfreu(t)en uns an unseren Rasenmäherfreunden ganz oben in der Trefferliste“ (Z.53).

Am Schluss stellen die Autoren ironisch resignierend fest, dass „Netzriesen“ zu recht „von unserer Bequemlichkeit in der Vergangenheit auf unsere Bequemlichkeit in der Zukunft schließen“ (Z.54f.) könnten. (Z.49-55) PA, MA, aA, FA  

3. Analyse der sprachlichen Gestalt

Die Autoren verwenden viele Metaphern/Personifikationen („kopiert das Erfolgsgeheimnis“, Z.5; „die Suchenden enger an sich binden“, Z.5; „Tür zur digitalen Welt“, Z.9, 11; „Empörungswelle“, Z.18), 3 Fragen (Z.1, 18, 25) und eine rhetorische Frage stellen einen fiktiven Dialog mit dem Leser dar (Z.3). Die Zitate (Z.8, 15ff., 21, 34) von Autoritäten sollen die Argumente von Bulban/Trotier stützen, Die Ellipsen (Z.1, 3, 19, 25, 54f.) und ein Befehl (Z.1) sollen das Gefühl vermitteln, dass es gegen diese kurzen, einprägsamen Behauptungen und Positionen der Autoren keine vernünftigen Einwendungen gibt. Die vielen Aufzählungen und Beispiele (Z.2, 5, 20f., 30, 36ff.) sollen ihre Argumente wirkungsvoll unterstreichen. Mit ironischer Untertreibung/Abwertung („Google menschelt“, Z.5; „kurze Momente der Klarheit“, Z.49) wollen sie die Empörung der User als unehrlich entlarven. Die doppelte Verneinung („keine unheimlichen“, Z.50) soll die gemeinte starke Bejahung stärker betonen.

Die Verallgemeinerungen („Wir“, Z.10, 33, 46; „jedem Nutzer“, Z.24; „Uns“, Z.26f.) sollen Leser und Autoren auf die gleiche Stufe heben, Vereinfachungen („Wohnzimmer“, Z.30, 54f.) u. Übertreibungen („digitalen Welt“; Z.9, 11; egozentrischen Konsumenten“, Z.31; „einem digitalen Bild von uns selbst begegnen“, Z.18) sollen Klarheit und Verständlichkeit ihrer Ansichten hervorheben, ihrer Kritik größere Allgemeingültigkeit und Klarheit verleihen und die Glaubwürdigkeit ihrer Argumente erhöhen. Anaphern (Z.1f., 14, 26f. etc.), Alliterationen (Z.3, 7, 8, 12, 13, 15f., 27, 37, 43, 45, 46, 49, 50, 51, 52), Wiederholungen (Z.30, 39, 34, 39f., 54) und ein Wortspiel („Mit unseren Wünschen, Geheimnissen und Beziehungen sollen keine unheimlichen Geschäfte gemacht werden“, Z. 49f.) werden verwendet, da die Autoren neben Sachargumenten auch mit Wohlklang überreden wollen. Er verwendet viele griffige Formulierungen/Neologismen  („losgoogeln“, Z.1; „Web-Giganten“, Z.43, „Netzriesen“, Z.54) sowie Fremdwörter/Fachbegriffe („Post“, Z.3, „Search plus Your World, Z.4; „Suchalgorithmus“, Z.29, Filter-Bubble“, Z.21, „twitterte“, Z.16), um zu zeigen, dass er fachkompetent ist und weiß, worüber er schreibt. Der Satzbau ist komplex und in Hochsprache verfasst. Einige Sätze erstrecken sich über 3 Zeilen mit Nebensätzen und Einschüben.

4. Fazit: Gesamtbewertung + Adressatenbezug

Bulban/Trotier zeigen mit anschaulichen Beispielen auf, wie sehr uns Google+ verändern könnte und wie weit dies durch die personalisierte Suche bereits geschehen ist. Hierzu zitieren sie Autoritäten wie Professoren, Autoren und international angesehene Tageszeitungen. Ihre Thesen stützen sie meist mit Plausibilitäs-, analogisierenden, normativen, moralischen, Autoritäs-, aber auch ein paar Faktenargumenten. Für dieser Entwicklung geben sie aber hauptsächlich den Usern die Schuld, der frei entscheiden könne und die Gesetze des Marktes kennen sollte. Die Empörung der User sei daher heuchlerisch und halte sowieso nur kurz an, ehe man wieder aus Bequemlichkeit Privatfotos ins Netz stelle und sich an den eigentlich sinnlosen Ergebnissen der Google-Suche sogar erfreue, statt aufrege. Offensichtlich hätten wir uns längst damit abgefunden, im Netz uns selbst zu begegnen, da wir längst zu „egozentrischen Konsumenten“ geworden seien.

Grundsätzlich haben Bulban/Trotier mit ihrer Kritik am User-Verhalten und an der gespielten Empörung Recht. Deren oft egozentrisches Internet-Verhalten, das meist gar nicht mehr auf Info-Suche gerichtet ist, lädt zum Ausspionieren und Manipulieren geradezu ein.

Jedoch blenden die Autoren aus, dass die Internet-User gegen die „Web-Giganten“ (Z.43) weitestgehend machtlos sind, da deren z.T. illegale Aktivitäten kaum kontrolliert werden, bzw. nur schwer zu kontrollieren sind – ganz abgesehen von Viren, Trojanern etc. Statt die Gegenwehr allein den Usern zu überlassen, sollte die internationale Staatengemeinschaft diese demokratiefeindlichen Tendenzen viel stärker unterbinden oder zumindest schärfer kontrollieren, da Verbraucher bzw. Bürger dringend vor dieser Medienmacht geschützt werden muss. Auch z.B. die illegalen Abhöraktionen der NSA sind kein Schicksal, sondern werden so lange fortgeführt, bis sich die EU erfolgreich dagegen im Streit mit den USA dagegen wehrt.  

Unsere Gesellschaft verändert sich sehr rasch. Soziale Netzwerke treten oft an die Stelle direkter, mündlicher Kommunikation, so dass das Bedürfnis nach Mitteilung privater Dinge z.T. in die Sozialen Netzwerke verlagert wird. Trotzdem darf dies nicht schamlos kommerziell ausgenutzt werden.

Das Internet bedarf ganz dringend der Regulierung und staatlicher Kontrolle. Die von den Autoren beschworenen Marktgesetze haben z.B. zur 2. Weltwirtschaftskrise geführt, mit gigantischen Verlusten für Unternehmen, Banken und auch Ländern. Daher muss die Marktwirtschaft an einigen Stellen reguliert und kontrolliert werden. Besonders die Weitergabe von kriminellen Inhalten jeder Art oder unerwünschter Werbung sollte stärker international geächtet und strafrechtlich verfolgt werden. Nur so kann die Info- und Werbungs-Flut im Netz reduziert werden. Dieser Kommentar aus der Wochenzeitung „Die Zeit“ wendet sich bewusst an einen akademisch gebildeten, kritischen Adressatenkreis, der deren ironischer Kritik an den Facebook-Usern und deren lächerlichem und durch Suchtverhalten geprägten egozentrischen Verhalten mehrheitlich zustimmen wird.


3. Evelyn Finger und Götz Hamann:

Hetze im Netz (2012)

Erwartungshorizont zur Bearbeitung der Aufgabe 1 (FHR)

Der Text setzt sich mit der Kritik an dem über das soziale Netzwerk Facebook organisierten Antisemitismus auseinander.

Die Schüler/-innen sollen erkennen, dass es sich bei dem Text um die journalistische Form des Kommentars handelt, der die Leser zur Auseinandersetzung mit der dargestellten Problematik auffordert, indem er pointiert und z.T. mit überspitzt dargestellten Beispielen die antisemitischen Ausprägungen mit Hilfe des Web 2.0 darstellt. Bei der Einordnung der Thematik ist die aktuelle gesellschaftliche Kontroverse um die Wirkung des sozialen Netzwerkes, welches gerade seinen zehnten Geburtstag gefeiert hat, zu berücksichtigen. Die Schüler/-innen können bei der Bewertung der dargestellten Meinung sowohl ihre eigenen Lebenserfahrungen im Umgang mit modernen Medien als auch ihre Kenntnisse in Bezug auf die Bedeutung medialer Entwicklungen in der so genannten Informationsgesellschaft einbeziehen. Die Analyse des Textes erfordert den Nachweis sprachlicher Kompetenzen sowohl bei der Durchdringung der argumentativen und sprachlichen Gestaltung als auch bei der Verschriftlichung der ermittelten Ergebnisse.

Die konkreten Erwartungen

Anforderungsbereiche I und II
Anforderungsbereich III
Darstellungsleistung
Die Anforderungen in Bezug auf die Verstehens- und Darstellungsleistung sind „ausreichend“ erfüllt, wenn


4. Alexander Jungkunz:

Medien-Jahr 2009 – Die Kluft wird größer (2009)

1. Überblicksinformation (FHR)                                    

Alexander Jungkunz befasst sich in seinem Kommentar „Medien-Jahr 2009 – die Info-Kluft wird größer“ (aus: Nürnberger Nachrichten v. 24.12.09) mit der abnehmenden Qualität besonders des Fernsehens, so dass die Kluft zwischen Info-Elite und der breiten Masse in Demokratie gefährdender Weise wachse. Es handelt sich um einen Kommentar, da er in einer Tageszeitung schreibt u. engagiert Stellung zu diesem Thema nimmt, um zur Meinungsbildung des Lesers beizutragen.

2.1. Hauptthese + Argumentationsstruktur                

Seine Haupthese: „Die Flut des Seichten in den Medien“(Untertitel) gefährde die Demoratie  und vertiefe die Kluft zw. den Konsumenten stützt er mit folgenden meist Fakten- und Plausibilitäts-, aber auch Erfahrungs-, normativen, analogisierenden und indirekten Argumenten: FA, PA, NA, EA, aA, IA

Als Einstieg zitiert er scheinbar verwundert dpa, die mit J. Pilawa u. J.B. Kerner als „Meister des seichten Talks“ (Z.3) das Fernsehjahr 2009 prägten. (Z.1-3)

1. Besonders 2009 sei das Niveau des privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehens zunehmend verflacht, was 2 Bestseller belegten. (Z.4-7) FA, EA

2. RTL sei „mit ‘Formaten’ wie ‘Das Supertalent’ oder ‘Bauer sucht Frau’“ … „zum Quoten-stärksten Sender“ geworden, jedoch mit der Einschränkung, dass Proteste z.B. bei problematischen Serien wie „Erwachsen auf Probe“ und „50 pro Semester“ z.T. Wirkung gezeigt hätten. (Z.8-12) FA, EA     

3. „Anspruchsvolles“ (Z.14) gebe es meist nur versteckt auf Spartenkanälen und oft sehr spät abends. (Z.13-16) FA,PA

4. Hauptthese: Da – überspitzt formuliert – der größte Teil der Programme „von Proleten für Proleten und mit Proleten“ gemacht werde, vertiefe sich die Kluft zwischen der Masse der immer schlechter informierten TV-Konsumenten und der Info-Elite. (Z.17-20).

5. Diese nutze das TV-Angebot gezielt und informiere sich auch z.B. in Internet, Zeitschriften und Zeitungen, wo jedoch auch wegen der „Finanz- und Wirtschaftskrise“ (Z.24) und der rückläufigen Anzeigeneinnahmen infolge der „Entlassungswelle in den Redaktionen“ ein Qualitätsverlust drohe. (Z.21-27) PA, FA

6. Schlussfolgerung: Laut Zeitungs-Verleger Alfred Neven DuMont leide die Demokratie, „wenn Medien schwächeln“ (Z.28) und es ohne Gegenmaßnahmen in 20 Jahren im Westen keine Tageszeitung mehr gebe. (Z.28-30) AA, PA, aA

7. Kostenlose Internet-Artikel seien eine große Gefahr für Zeitungen und führten zur bisher gescheiterten Forderung nach „paid content“. (Z.31-39) PA, MA

8. Fazit: Wenn Medien Rolle als 4. Gewalt verlören, gefährde dies – von Politikern z.T. Gewollt – die Demokratie, wie der Fall Brender zeige. (Z.40-42) NA

9. Schlussappell: Medien sollten diese Wächterrolle daher gewissenhafter wahrnehmen. (Z.42)

2.2. Analyse der sprachlichen Gestalt + Adressatenbezug

Der Autor verwendet viele Metaphern/Personifikationen („In der Flut des Seichten gehen Qualitätsangebote oft unter“, Untertitel; „fortschreitende Verflachung des Niveaus“, Z.5; „Warum das Fernsehen uns verblödet“, Z.7; „Demokratie leidet“, Z.28), um seine Argumente zu veranschaulichen. 3 rhetorische Fragen (Z.2f.,17f.) sollen die Fragwürdigkeit des jetzigen TV-Programmangebots unterstreichen. Mit ironischen Unter- bzw. Übertreibungen („Formaten“, Z. 8; Meister des seichten Talks“; Z.3; „Fernsehen uns verblödet“, Z.7, „das nicht eben verwöhnte Publikum“, Z.9 etc.) bezüglich der TV-Qualität versucht er, seine Kritik am TV-Programm zu verdeutlichen. Diesem Ziel dienten auch die vielen Aufzählungen und Beispiele. Die Ellipsen („Wie bitte?“, Z.2; Überschriften zu jedem Absatz, „Eine Zuspitzung“, Z.32; „Fest steht:“, Z.40) sollen das Gefühl vermitteln, dass es gegen diese kurzen und griffigen Behauptungen keine vernünftigen Einwendungen gibt.

Verallgemeinerungen („Man darf gespannt sein“, Z.38) und Vereinfachungen (Unterteilung der Zuschauer/-innen in Info-Elite und breite Masse) sollen die Bedeutung der Meinung des Autors erhöhen, Meinung hervorheben und seiner Kritik größere Allgemeingültigkeit und Klarheit verleihen. Die zahlreichen Zitate sollen ebenfalls die Gültigkeit der Argumente des Autors erhöhen. Es gibt nur wenige meist unbeabsichtigte Alliterationen (bewusst: Z.17, sonst Z.2,3,5,11,22), da der Autor nicht mit Wohlklang überreden, sondern mit Sachargumenten überzeigen will. Jungkunz verwendet viele griffige Formulierungen, englische Modewörter („Info-Elite“, Z.20; , „seichten Talks“, Z.3; „Spartenkanälen“, Z.16; „zappt“, Z.22; „Sex-Partner“, Z.12; „paid content“, Z.35) und Fremdwörter („Proleten“, „Feuilletonchef“, Z.17; „Medien-Mogul“, Z.34; „Printmedien“, Z.33), um zu zeigen, dass er fachkompetent und up to date ist und weiß, worüber er schreibt.

Der Satzbau ist durchaus recht variabel, komplex und in Hochsprache verfasst. Einige Sätze erstrecken sich sogar über 3-4 Zeilen mit Einschüben und mehreren Nebensätzen.  

Fazit: Jungkunz möchte mit griffigen, wohlklingenden Formulierungen, Metaphern, Authentizität verleihender wörtlicher Rede, Fremdwörtern und Fachbegriffen die Aussagekraft ihrer Argumente unterstützen.

Adressatenkreis: Dieser Kommentar aus einer Tageszeitung wendet sich bewusst an einen akademisch gebildeten Adressatenkreis, der sich eher der Info-Elite zuordnen und seiner pauschalen Abwertung der breiten Masse wohl mehrheitlich zustimmen wird.

3. Stellungnahme (Bedeutung + Aktualität des Themas, Kritik an Positionen des Autors,  Fazit mit Erläuterung des eigenen Standpunkts)

Seine Position ist angesichts immer seltsamerer TV-Formate u. wachsender Kanalvielfalt aktueller denn je. Der Qualitätsverlust ist umso bedenklicher angesichts der Erhöhung der GEZ-Gebühren und Ausdehnung auf alle Haushalte. Dennoch kann ich These und Argumenten des Autors nur bedingt zustimmen:

Zu 1: Jungkunz hat mit seiner Kritik an der abnehmenden TV-Qualität insgesamt wohl recht. Das liegt aber auch sicher daran, dass es heute so viele (über 400!) Sender gibt, die meist mehr als seichte Unterhaltung präsentieren. Erst ab 1984 gibt es jedoch überhaupt Privatsender, die sich über Werbung finanzieren müssen. Der immer größer werdende Druck der Quote, die über die Werbefinanzierung der einzelnen Sendungen auch bei Teilen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens entscheidet, führt notwendigerweise zu einer Verflachung des Niveaus, da der Durchschnitts-IQ nun mal bei 100 liegt, und deshalb bei sehr anspruchsvollen Sendungen keine hohen Einschaltquoten zu erwarten sind.

Ein Vergleich mit früheren Programmen ist daher schwierig, und das Problem ist, dass die früheren Zeiten oft unkritisch verklärt werden. Fernsehen diente auch früher – und weltweit sowieso – weniger der Information und Bildung als vielmehr der Unterhaltung.

Zu 2: Jungkunz’ Verwunderung über den laut dpa großen Stellenwert von Pilawa und Kerner für das TV-Jahr 2009 ist völlig berechtigt, da diese Bewertung sich rein quantitativ an den Einschaltquoten orientiert. Zu Recht zitiert er entsprechende Bestseller, die sich mit der Seichtheit des TV und der dadurch ausgelösten Verblödung befassen, wobei er jedoch zu wenig zw. privatem u. öffentlich-rechtlichem TV differenziert.

Seine Kritik an den RTL-Serien ist mehr als berechtigt, da diese, wie z.B. bei „Erwachsen auf Probe“ fremde Kinder zu pädagogischen Versuchskaninchen missbrauchen, was ethisch mehr als fragwürdig ist und nicht damit gerechtfertigt werden kann, dass deren Eltern ihre – finanziell erkaufte – Zustimmung hierfür gegeben haben.

Zu 3: Richtig ist, dass anspruchsvolle Sendungen meist zu sehr ungünstigen Sendezeiten und noch dazu nur bei wenigen Sendern (Phoenix, Arte, 3-Sat, WDR-3 etc.). Diese Kritik gilt aber für alle Medien (Radio, Internet, Printmedien etc.). Wer sich jedoch Mühe gibt, findet trotzdem meist das für ihn Passende. Man kann im Übrigen Sendungen auch aufzeichnen und später ansehen. Eine andere Frage ist, mit welcher Berechtigung wir dann noch – angesichts sinkender Qualität – GEZ-Gebühren zahlen sollen.

Zu 4: Jungkunz’ These, dass ein Großteil des TV-Programms ‘Proleten-TV’ sei, wozu er Zeit-Feuilleton-Chef Jens Jessen als Kronzeugen zitiert, ist übertrieben und mangels geeigneter Belege nicht stichhaltig genug, wobei die wachsende Kluft zwischen den Konsumenten sicher plausibel erscheint. Das Fernsehpublikum ist jedoch meines Erachtens wesentlich vielfältiger und differenzierter zu betrachten, als der Autor meint.

Zu 5+7: Jungkunz’ Befürchtungen bezüglich des Zeitungssterbens und der kostenlosen Internetkonkurrenz halte ich dagegen für berechtigt, da Tageszeitungen und Bücher einfach eine viel höhere Informationsqualität besitzen und deren Autoren schließlich bezahlt werden müssen. Leider werden immer mehr Zeitungsartikel von nach Zeilen und damit schlecht bezahlten, freien Mitarbeitern verfasst, was zwangsläufig zum Niveauverlust führt. Auch Verlage, Buchhandlungen und Einzelhandel bekommen zunehmend die Allmacht des Internets und der Online-Bestellungen zu spüren. Wahrscheinlich wird es auf Dauer zum „paid content“ kommen müssen, wobei dann jedoch auch eine – bisher fehlende – Qualitätssicherung der Inhalte erfolgen müsste.

Zu 6: Seine Schlussfolgerung, laut Zeitungs-Verleger Alfred Neven DuMont leide die Demokratie, „wenn Medien schwächeln“ (Z.28) und es ohne Gegenmaßnahmen in 20 Jahren im Westen keine Tageszeitung mehr gebe, ist sicher berechtigt, aber wohl übertrieben. Wahrscheinlich aber wird sich das Zeitungssterben fortsetzen, so dass die Zeitungs- und damit Meinungsvielfalt der Medien abnehmen wird.

Zu 8+9: Seine Warnung, dass Medien ihre Rolle als 4. Gewalt verlören und dies – von Politikern z.T. Gewollt – die Demokratie gefährde, wie der Fall Brender zeige, ist sehr bedenkenswert (wenn auch nicht belegt), da Medien die Aufgabe haben, die Öffentlichkeit kritisch zu informieren und Fehlverhalten von Politik und Wirtschaft aufzudecken und anzuprangern. Beim „Fall Brender“ hat sich sogar die Bundeskanzlerin selbst eingemischt, ein verfassungsrechtlich höchst bedenklicher Vorgang. Seinem Schlussappell, Medien sollten diese Wächterrolle gewissenhafter wahrnehmen, ist uneingeschränkt zuzustimmen.

Fazit:

Jungkunz’ Kommentar enthält viele bedenkenswerte und auch jetzt noch gültige Aspekte. Die zunehmende Niveaulosigkeit des TV ist sicher beklagenswert, zumal wir alle das öffentlich-rechtliche Fernsehen zwangsweise mitfinanzieren, ohne irgendwelche Mitwirkungsrechte bezüglich der Programmgestaltung zu haben. Vielleicht sollten wir das Recht erhalten, über das Programmangebot per Ranking abzustimmen.          

Im Übrigen ist überhaupt nicht einzusehen, was Parteipolitiker in Fernsehräten zu suchen haben. Sie gefährden lediglich die Rolle der Medien als 4. Gewalt und sind im Wesentlichen daran interessiert, dass ihre Partei in den Sendungen vorteilhaft dargestellt wird. Gottseidank gibt es bei zu starker Einflussnahme der Politik – im Unterschied zu anderen Ländern wie Italien – einen Aufschrei der Öffentlichkeit. Mehr unabhängige Fachleute und eine gründliche Umstrukturierung der viel zu großen und teuren Verwaltungen würden sicher dazu beitragen, weniger Quantität und mehr Qualität zu produzieren.                 

Die Pauschalabwertung des Großteils des TV-Programms als Proleten-TV halte ich für stark übertrieben und auch ungerecht. Die meisten Menschen möchten sich durch TV weniger informieren als unterhalten lassen. Dies war schon immer so. Meines Erachtens war ein Großteil des Fernsehprogramms auch schon früher recht seicht.

In anderen Ländern gibt es z.T. Staatsfernsehen bzw. ist die Qualität noch viel schlechter. Ich glaube schon, dass es eine Kluft zwischen Info-Elite und breiter Masse gibt. Fraglich ist, ob dies durch das schlechte TV-Niveau verstärkt wird oder ob sich dies nicht einfach nur beim unterschiedlichen TV-Konsum zeigt. Keiner ist gezwungen, sich die z.T. höchst problematischen Programme der Privatsender anzuschauen. Bei dem Ruf nach dem Verbot solcher Sendungen sollte immer abgewogen werden, ob diese Einschränkung von Freiheitsrechten wirklich gerechtfertigt ist. Vielleicht ist die Nichtbeachtung abstruser Serien durch uns, die wir meines Erachtens mündiger und intelligenter sind, als Jungkunz meint, einfach das beste Mittel, um solchen Sendungen ein Ende zu bereiten.         

TV-Konsum ist im Übrigen ein Spiegelbild unserer gespaltenen Gesellschaft. „Proleten“ ihr Proleten-TV vorzuhalten, ist unfair und zeugt von elitärer Verachtung der Unterschichten. Die meisten Politiker möchten das TV-Programm nicht ändern, da Brot und Spiele (heute: Hartz IV und Blödel-TV) seit den Römern ein wirksames Herrschaftsinstrument ist. Daher sind für sie leider kritische, nicht beeinflussbare TV-JounalistInnen aus Gründen des Machterhalts untragbar.


5. Neil Postman:

Wir informieren uns zu Tode (1993)

1.1.  Überblicksinformation (AHR)                                    

Neil Postman befasst sich in seinem Kommentar „Wir informieren uns zu Tode“ (aus: Dt. Institut für Erwachsenenbildung 1993, S.20f.) mit der „Informationsschwemme“, die ein Gefühl von „Ohnmacht“ (Z.21).erzeuge und nichts mehr zur „Lösung von Problemen“ (Z.3) beitrage.

1.2. Aktueller Anlass (Beziehung zum öffentlichen Diskurs über die Thematik)                            

Er bezieht sich hier u.a. auf den damaligen Bosnien-Krieg, der trotz permanenter Infos über Massenvergewaltigungen u. ethnische Säuberungen auf Befehl von Milosewic die Nato erst viel zu spät zum Eingreifen veranlasste. Gerade die Fernsehzuschauer/-innen waren den grauenvollen Bildern und Infos viel zu lange hilflos ausgeliefert. Auch die Bilder der jüngsten Kriege im Nahen Osten (Libanon, Gaza, Terroranschläge z.B. im Irak) erzeugen bei uns Ohnmachtsgefühle, zumal die UNO ebenso hilflos reagiert.

1.3./4. Darstellung der Kernaussagen des Autors + Argumentationsstruktur         

Seine Haupthese: Die „Informationsschwemme“ (Z.21) überfordere uns und helfe nicht bei der Lösung von Problemen, stützt er mit folgenden meist Plausibilitäts- und moralischen,- aber auch Erfahrungs-, Gefühls-, normativen, analogisierenden und indirekten Argumenten: PA, MA, EA, GA, NA, aA, IA

Als Einstieg nennt er Telegrafie, Fotografie und Siliconspeicher als Beispiele für die Informationsflut.

1. Laut Postman habe die immer größere Informationsvielfalt „die Verbindung zwischen Inormation und Handeln ... gekappt“. (Z.1-3) PA, IA

2. Information sei heute „eine Ware“ (Z.4), die man zur Unterhaltung oder Erhöhung des eigenen Status’ nutzen könne. (Z.4-9) PA, EA

3. Hauptthese: Die Informationsflut überfordere uns, da wir mangels Maßstäben nicht die sinnvollen Informationen herausfiltern könnten. (Z.10-18)        

4. Im Gegensatz zu früher diene Informationssuche nicht mehr zur Lebensbewältigung, sondern Kontakte würden erfunden, um ansonsten nutzlose Informationen zu verwerten (Z.18-20) aA, PA

5. Die Informationsflut (z.B. Krisenherde und Umweltzerstörung) verstärke die Ohnmacht des einzelnen, sodass er sich der eigenen Person zuwende. (Z.21-25) EA, PA

6. Man könne nicht die Welt, aber sein Äußeres (z.B. Haare, Nase, Brüste) verändern, womit auch der Egoismus zunehme. (Z.26-29) MA

7. „Unsere wirklich ernsten Probleme“ (Z.31) entstünden entgegen landläufiger Meinung trotz auszureichender Informationen. (Z.29-33) PA

8. Familientragödien und Kriminalitätsanstieg entstünden, da unklar sei, „was sinnvoll und bedeutsam“ (Z.36) sei. (Z.34-36) MA,PA

9. Schlussfolgerung + Appell: Wir bräuchten „eine glaubwürdige Erzählung“ (Z.37) über unsere Geschichte und Gegenwart, die künftige Orientierung biete. (Z.37-39)

10. Rückbezug zur These: Die Information sei dies nicht und verdecke nur, dass die meisten nicht mehr an eine Erzählung glaubten. (Z.40-42)

2.1 Zusammenfassung der Ergebnisse von Kernaussagen + Argumentationsstruktur

Postman verdeutlicht an vielen Beispielen seine Kernthese, dass wir zur Bewältigung der Informationsflut dringend einen geschichtlichen Orientierungsrahmen bräuchten. Dabei verwendet er statt statistischer Fakten meist Plausibilitäts- und moralische Argumente.

2.2 Bedeutung der Position des Kommentars für aktuellen öffentlichen Diskurs      

Seine Position ist aus damaliger wie heutiger Sicht grundsätzlich bedenkenswert, da die Überflutung z.B. mit Katastrophenmeldungen immer mehr zu Ohnmacht und Abstumpfung führt. Bilder der Erdbebenopfer aus Haiti lösen zwar große Hilfsbereitschaft aus, die jedoch schnell abebbt.

Seine Forderung nach geschichtlicher Orientierung ist richtig, aber angesichts des unterschiedlichen Umgangs mit Vergangenheit (Verklärung im Islam, fehlende Aufarbeitung in vielen Ländern und z.T. konträrer globaler Wertvorstellungen (China, Indien, islamische Länder) schwer zu verwirklichen.

2.3  Untersuchung der Stichhaltigkeit der Argumentation   

Der Autor verwendet zwar viele anschauliche und z.T. auch aussagekräftige Beispiele u. Plausibilitätsargumente, argumentiert insgesamt sehr bestimmt, aber auch undifferenziert und pauschal (Er formuliert sehr oft mit starken Gegensätzen, bei denen es nur entweder – oder gibt.), da er seine Behauptungen kaum durch stichhaltige Belege untermauert. Seine These von der Problematik der Informationsflut ist unbestreitbar, aber nicht neu.  

Auch erklärt er z.B. nicht, was er unter „Lösung von Problemen“ versteht, da er auch von „wirklich ernsten Probleme(n)“ (Z.31) spricht. Seinen Verzicht auf alle statistischen Fakten versucht er, durch plakative und übertreibende Metaphern wie „kulturellem Aids“ (Z.18) zu kompensieren. Suggestive rhetorische Fragen (Z.23) dienen – durchaus erfolgreich – dazu, den Leser für sich zu gewinnen. Durch die Verwendung der Wir-Form bezieht er den Leser und sich selbst mit ein, um zu zeigen, dass auch er angesichts dieses gigantischen Problems hilflos ist. Er appelliert eindringlich an den Leser, z.B. sich wieder an vernachlässigten historischen und religiösen Normen (Z.13f.) zu orientieren.

2.4  Auseinandersetzung mit der Position des Autors

Postmans Ansichten über die Informationsflut (3) sind richtig und heute ein immer größeres Problem. Seine Behauptung, dass für Normalbürger die Information keine Beziehung zur Problemlösung besitze (1), ist damals und heute übertrieben bzw. falsch. Auch der Normalbürger kann dies selbst heute noch nicht in allen, aber doch in manchen wichtigen Bereichen durchaus erkennen. Sonst wäre auch unsere Demokratie völlig sinnlos.

Richtig ist, dass die Fragen nach dem Sinn unseres Lebens für viele scheinbar bedeutungslos geworden sind. Auf der anderen Seite nimmt die Zahl der religiösen Menschen weltweit zu, und die meisten Menschen sind für solche Fragen durchaus offen. Das Problem ist nur, dass die Weltreligionen zunehmend Schwierigkeiten haben, für die heutigen Menschen zeitgemäße Antworten zu geben. Dies ist der tiefere Grund dafür, dass viele Menschen nicht mehr an die religiösen (und oft auch an die historischen) „Erzählungen“ glauben.

Sicher dient(e) für viele – aber nicht nur – die Informationssuche der Problembewältigung (Z.19f.). Natürlich werden Infos heute auch zunehmend zur z.T. zweckfreien Kontaktaufnahme verwendet, was z.B die Lebensqualität erhöhen und damit auch wirklich „nutzbringend“ (Z.20) sein kann.

Seine Behauptung, dass die meisten von uns bei der Lösung globaler Probleme nicht aktiv werden könnten (Z.24), halte ich für falsch.

Sehr viele Menschen sind weltweit in unzähligen NGOs ehrenamtlich tätig, und der einzelne kann sehr wohl durch individuelle Verhaltensänderung seinen Beitrag z.B. zur Rettung des Weltklimas beitragen.

Die Klage des Autors über die zunehmende Tendenz zu egoistischem und egozentrischen Verhalten (Z.26ff.) ist berechtigt. Die Veränderung des eigenen Aussehens oder Körpers hat es jedoch seit Anbeginn der Menschheit gegeben und ist ein Zeichen dafür, dass für den einzelnen Aufmerksamkeit und Bestätigung durch andere immer wichtiger werden. Auch bei Politikern nimmt die Tendenz zu unpopulären Entscheidungen ab.

Er weist zu Recht darauf hin, dass Informationsfülle Katastrophen nicht verhindere (Z.31ff.). Ohne ausreichende Infos z.B. über den Zustand der Erde könnten wir keine begründeten Entscheidungen fällen. Die Informationsflut kann jedoch dazu führen, dass wichtige Infos übersehen werden.

Natürlich wäre es wunderbar, wenn wir genau wüssten, „was sinnvoll und bedeutsam ist“ (Z.36). Angesichts der sozialen und religiös-kulturellen Vielfalt in der Welt ist dies aber sehr schwer und kaum objektiv festzulegen.

2.5./6. Erläuterung des eigenen Standpunktes in weiterführender Darstellung (u.a. mit eigener These, Gewichtung der Argumente (A), Schlussfolgerung, Forderung und differenziertem Lösungsvorschlag)

Postmans These „Wir informieren uns zu Tode“ ist insofern berechtigt, als wir die darin enthaltene Warnung, nicht nur auf Infos zu vertrauen und z.B. den menschlichen Faktor bei Entscheidungen nicht zu vernachlässigen, beherzigen sollten (A1). Infos sind nicht alles, aber ohne Infos können keine sinnvollen Entscheidungen gefällt werden (These). Ein erheblicher Teil unserer Informationsfülle ist (trotz der damit verbundenen Problematik) angesichts unserer globalisierten und vernetzten Welt jedoch einfach unverzichtbar (A2).

Es geht heute vorrangig darum, die Informationsflut zu steuern und – im Falle krimineller Inhalte – auch zu kontrollieren u. notfalls (z.B. bei Kinderpornos) zu verhindern (Schlussfolgerung).   

Grundsätzlich muss auch am möglichst ungehinderten Informationsfluss (A3) im Sinne von Transparenz in allen Bereichen festgehalten werden (besonders bei den Regierungen; jüngstes Beispiel: Nichtveröffentlichung von Großspenden an Regierungsparteien!) (Forderung). Nur dann kann der Bürger sich ausreichend informieren und entsprechend wählen.  

Eine ganz andere Frage ist die des Datenschutzes und des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung (A4). Hier müssen immer neue Anstrengungen unternommen werden, um den zunehmenden Datenmissbrauch (zahlreiche aktuelle Beispiele bei großen Firmen) zu bekämpfen.

Natürlich ist auch die von Postman beklagte Ohnmacht gegenüber der Informationsflut sowie der heutige z.B. exzessive Medienkonsum (Computerspiele etc.) ein großes Problem (A5). Postmans Schlussfolgerung, dass wir wieder eine glaubwürdige Erzählung über die eigene Geschichte bräuchten, die helfe, Ideale zu entwickeln und eigenem Handeln Autorität zu verleihen, kann ich nur zustimmen. Menschen, die sich ihrer eigenen – nicht nur positiven Geschichte – bewusst sind und auf kulturellen Wertvorstellungen basieren, können oft eine natürliche Autorität ausstrahlen und sicherlich souveräner mit der Datenflut umgehen. Aber auch sie können keineswegs auf die Fülle an oft beruflich notwendigen Informationen verzichten (A6).

Als Fazit möchte ich festhalten, dass ich die Informationsfreiheit (A3) trotz aller Nachteile als ein hohes, schützenswertes Gut und demokratisches Grundrecht ansehe. Zudem ist ein großer Teil der Infos in unserer globalisierten und vernetzten Welt - im Gegensatz zu Postman - notwendig (A2).

Daher kann es nur darum gehen, Datenmissbrauch und z.B. Internetkriminalität wirksam zu bekämpfen und durch geeignete Medienerziehung ab der Grundschule Kindern möglichst früh einen sinnvollen Umgang mit Medien zu vermitteln. Ferner sollten Eltern ihren Kindern wieder Geschichten erzählen und aus Büchern vorzulesen, da dieses Medium an Bildungswert, Vielfalt und Fantasie alle anderen Medien bei weitem übertrifft. Verbunden mit der Erziehung zu Eigenständigkeit, Selbstbewusstsein und Kreativität ist dies meines Erachtens der beste Schutz vor fantasie-, geist- und sinnloser Mediennutzung.


6. A. Weck:

Google+ – Warum das Netzwerk selbst schuld an seinem ‘Geisterstadt’-Image ist (2013)

Analyse des Sachtexts und Stellungnahme zu Z. 41-43 (AHR)

Schüler/-in

1. benennt äußere Publikationsdaten (Autor, Textsorte + Begründung, Veröffentlichungsort, -zeit, Thema etc.)

Weck befasst sich in dem Text „Google+ – Warum das Netzwerk selbst schuld an seinem ‘Geisterstadt’ -Image ist“ (aus: t3n.de/news vom 19.11 2013) kritisch mit der Strategie von Google+, durch Zwangsrekrutierungsmaßnahmen ihrer User die Integration aller Dienste des Sozialen Netzwerks in den Google-Account voranzutreiben. Dabei seien von den mehr als 0,5 Mrd. Usern die meisten Karteileichen oder Gelegenheits-User, Google+ also nur ein Randphänomen. Diese Netzwerk-Stadt sei daher nur eine „Geisterstadt“, wobei ihr schlechtes Image vom rein kommerziellen Interesse bei dessen Gründung herrühre. Der Text ist ein Kommentar, da Weck in einem Online-Magazin schreibt und sehr engagiert Stellung zum Thema nimmt, um zur Meinungsbildung des Lesers beizutragen.

2. Thematik des Textes in Bezug zum aktuellen öffentlichen Diskurs, z.B.:

Datenweitergabe besonders durch US-Web-Giganten an NSA, aggressive Werbung im Internet, da Anklicken jeder Website zu unerwünschten Spams führt; Übernahme von WhatsApp durch Facebook; Gmail-Konto für immer mehr Anwendungen im Netz erforderlich, Manipulation der Reihenfolge von Infos bei Google-Suche; EuGH-Urteil, das Löschung von überholten Infos ermöglicht; EU Wettbewerbsklage wegen Google-Allmacht und Forderungen von 3 BM nach Reduzierung der Markt beherrschenden Stellung und Konzernentflechtung etc.

3. Benennung der Sinnabschnitte und gedanklicher Aufbau des Textes, z.B.:

1. Entdramatisierung, da Google die Integration aller Dienste des Sozialen Netzwerks in den Google-Account vorantreibe, die Zahl der User aber - gemessen an der Gesamtzahl - noch vergleichsweise gering sei. (Z.1-9)

2. Fadenscheinige Begründung für weiteren Schritt von Google+ (ohne Account Kommentar auf YouTube unmöglich), um mehr personalisierte Daten zu sammeln, führt zu hundertausendfachen User-Protesten. (Z.10-25)

3. 0,5 Mrd. Google+-User seien wenig wert, da 45% Karteileichen u. die meisten Gelegenheits-User seien. Laut einer Studie mache „Google+ trotz aggressiver Werbung des Web-Giganten nur 2% des gesamten Sharing-Marktes“ aus, sei also ein Randphänomen.

4. Fazit: Google+ sei mit „Geisterstadt“ zu vergleichen, was an den kommerzielle Interessen dieses Sozialen Netzwerks liege. (Z.26-43)

4. Darstellung der Kernaussagen + Untersuchung der Argumentationsstruktur, z.B.:

Wecks Hauptthese: Google+ treibe durch teure, aggressive Werbung und „Zwangsrekrutierung“ (Z.17) ihrer User Integration aller Dienste des Sozialen Netzwerks in Google-Account User-Zahlen sehr hoch, die jedoch meist aus Karteileichen und Gelegenheits-Usern bestehe und zu einem schlechten „Geisterstadt“-Image führe, belegt er mit folgenden, meist PA, EA, NA, MA, AA, FA.

1. Als Einstieg spielt er Google+-Bedeutung herunter und stellt klar, es gebe nur recht geringen Anteil an „Communities, die dort für Unterhaltung“ (Z.1) sorgten. Google zwinge User seit 2012 ins „Soziale Netzwerk“ (Z.3), indem sie mit Google-Account als Schaltzentrale für personalisierte Suchergebnisse automatisch Google+-Profil und Gmail-Konto bekämen und auch Nutzung von Google-Docs oder Google-Kalender nur mit Sozialem Netzwerk möglich sei, um Integration aller Dienste in den Google-Account voranzutreiben. (Z.1-9) PA, NA, MA, FA

2. Nur mit Account könne man Kommentare auf YouTube hinterlassen, um User-Zahl zu erhöhen und noch mehr Infos „für die personalisierte Suche“(Z.13) zu erhalten. Fadenscheinige Google-Begründung - mehr Übersichtlichkeit beim neuen Kommentarsystem - verstünden User nicht oder lasse sie kalt, was „Reaktionen aus der YouTube-Community“ zeigten. (Z.10-16) PA, NA, MA, FA

3. Community-Gruppen machten ihrem Ärger Luft. Viele hätten sich „einer Petition angeschlossen“ (Z.19), damit „Google wieder zur alten Kommentarfunktion zurückkehrt“ (Z.20). Es gebe bisher 180.000 Unterzeichner, mit steigender Tendenz. Nicht nur „im YouTube-Produktforum“ werde diese „Zwangsrekrutierung“ drastisch kritisiert, womit er durch kriegerische Sprache das Gewaltsame der Maßnahme verdeutlichen möchte. Selbst YouTube-Mitbegründer Karim stelle durch berechtigte Frage, wozu er einen Google+-Account für Kommentar zu einem Video brauche, den Sinn dieser Vernetzung aller Dienste in Frage. (Z.17-25) PA, NA, MA, AA, FA

4. Laut Weck sei die Verdeutlichung der Google-Strategie inkl. des User-Unmuts notwendig, um dem Leser das „‘Geisterstadt’-Problem“ (Z.27) von Google+ erklären zu können. Es habe über 0,5 Mrd. User, was angesichts des 2-jährigen Bestehens zwar sehr viel, aber wenig wert sei, da viele User von der Existenz ihres Account nicht wüssten bzw. ihn nicht verwendeten. Nur gut die Hälfte dieser User seien überhaupt im Oktober monatlich „auf plus.google.com unterwegs“ (Z.33). (Z.26-34) PA, NA, MA, FA

5. Da Google seit Mai wachse, sei dies nicht direkt ein „Flop“, jedoch „bestehe das Soziale Netzwerk (...) zu 45% aus Karteileichen“ (Z.36) und wohl meist aus Gelegenheits-Usern wie Weck selbst, womit er sein Nutzerverhalten/Einstellung zu diesem Thema offenbart. Laut einer von Gigya zitierten Studie mache „Google+ nur 2% des gesamten Sharing-Marktes“ aus. Dies zeige, dass dieses Soziale Netzwerk mit so vielen Usern, das „so aggressiv vom finanzstärksten Internetkonzern auf dem Markt beworben“ (Z.40f.) werde, laut Weck ein Randphänomen sei. (Z.35-40) PA, EA, NA, MA, AA, FA

6. Am Schluss greift er sein Bild vom Netzwerk als „Stadt“ auf, indem er ironisch feststellt, dass Google+ keine „belebte Stadtmitte“ habe, sondern eine „Geisterstadt“ sei. Dieses schlechte Image habe sich Google selbst zuzuschreiben, was oft passiere, wenn finanzielle Interessen „der treibende Faktor für die Gründung eines Sozialen Netzwerks“ seien. (Z.41-43) PA, EA, NA, MA, AA

5. Beschreibung sprachlicher Gestaltungsmittel und deren Wirkungen, z.B.:

Weck verwendet viele Metaphern/Personifikationen („Geisterstadt-Image“, Titel, „Grundstein ... gelegt“, Z.4; „Nutzer in Google+ spülen soll“, Z.10; „Kalifornier“, Z.14; „Zwangsrekrutierung“ ,Z.17), um Argumente zu veranschaulichen. Eine Frage (Z.26) ist fiktiver Leser-Dialog (Z.3). Zitat (Z.24f.) des YouTube-Mitbegründers und soll Wecks Argumente stützen, Ellipsen sollen Gefühl vermitteln, dass es gegen kurze und einprägsame Behauptungen und Positionen der Autoren keine vernünftigen Einwendungen gibt. Viele Beispiele/Aufzählungen bzw. statistische Angaben (Z.6-9, 15f., 20f., 28, 32f., 36, 38) sollen Argumente wirkungsvoll unterstreichen und mit Fakten untermauern.  

Mit ironischen Untertreibungen/Abwertungen („belebte Stadtmitte jedenfalls sieht anders aus“, Z.41“, „wenig gute Worte“, Z.23; „eine Begründung, die den Nutzern entweder nicht aufgeht“, Z.15) will er Googles Image und Misserfolg anprangern. Eine Beschönigung („Allerwertesten“, Z.16), benutzt er, um die harsche Kritik sanft zu verpacken. Der Autor vermeidet Verallgemeinerungen und verwendet statt Wir- die Ich-Form (Z.26, 37, 42), um durch diese individuelle Komponente sich selbst mit einzubringen und die Glaubwürdigkeit seiner Argumente zu erhöhen. Alliterationen (Z.1, 2, 6, 15, 16, 17, 32f., 35, 41) sind meist zufällig, da es Weck mehr um Überzeugung als um Überredung durch Wohlklang geht. Er verwendet viele griffige Formulierungen („Zwangsrekrutierung“,Z.17; „Nutzerschaft“, „Luft verschafft“, Z.18; „Nutzer in Google+ spülen“ ,Z.10; „Karteileichen“, Z.36) sowie viele Fremdwörter/Fachbegriffe („“Communities“, Z.1; „“Google-Accounts“, „Gmail-Konto“, Z.5 etc.), um Fachkompetenz zu zeigen. Satzbau komplex und Hochsprache.

6. Herausarbeitung der Textintentionen, z.B.:

Weck verdeutlicht, mit welch konsequenter Strategie Google+ seine User dazu zwingt, ein Nutzerkonto mit Profil anzulegen, um so Infos für die personalisierte Suche zu sammeln. Dies habe zu 100.000-fachen Protesten - selbst YouTube-Mitbegründer Karim habe heftig reagiert -, aber nicht zur Änderung dieser Strategie geführt. Die Zahl von über 0,5 Mrd. Usern sei zwar eindrucksvoll, aber wenig aussagekräftig, da es sich bei der Hälfte um Karteileichen und insgesamt meist um Gelegenheitsnutzer handele, also nicht so dramatisch sei. Da Google+ nur 2% des Sharing-Marktes ausmache, sei dies angesichts des ungeheureren Werbeaufwandes eine unbedeutende Größe. Dieses Geisterstadt-Image sei hausgemacht, da finanzielle Interessen dieses Soziale Netzwerk von Anfang an dominiert hätten.

7. Bewertung der Argumentationsstruktur, z. B.:

Weck zeigt sehr klar und mit anschaulichen Beispielen, wie konsequent und mit Hilfe von „Zwangsrekrutierung“ (Z.17) Google sein Soziales Netzwerk über den Google-Account zu einer Schaltzentrale für die Personalisierung der Suchergebnisse ausbaut.

Er verwendet viele Statistiken u.a. über Protestzahlen der User-Communities und nennt Autoritäten wie den Mitbegründer von YouTube zur Stützung seiner Argumentation. Mit Recht weist er darauf hin, dass diese Strategie zu einem schlechten Image und dem „Geisterstadt“-Problem geführt habe, da die meisten User Karteileichen oder nur Gelegenheits-User seien, wie Weck selbst. Jedoch vergisst er zu erwähnen, dass dieser Protest nichts bei Google+ bewirkt hat.

Ich stimme Weck zu, wenn er dieses oft aufgebauschte Phänomen „Google+“ etwas entdramatisiert. Jedoch bleibt die Tatsache, dass die User gegen die Netzriesen bzw. Web-Giganten weitestgehend machtlos sind, da deren z.T. illegale Aktivitäten kaum kontrolliert werden bzw. nur schwer zu kontrollieren sind - ganz abgesehen von Viren, Trojanern etc. Auch wenn Google+ bisher nur wenig Erfolg hat, ist dies die allgemeine Strategie der Netzriesen, die gemeinsam auf Dauer sicher viel mehr erreichen werden als bisher.

8. Stellungnahme zum letzten Absatz (Z.41-43), z.B.:

 Weck behauptet dass Google+’s „Geisterstadt-Image an der starken Gewinnorientierung liege. Jedoch ist dies nicht stichhaltig, da dies für jedes große Soziale Netzwerk gilt. Zudem werden so die vorher beschriebenen empörenden Zwangsmaßnahmen verharmlost.

Statt die bisherige Erfolglosigkeit zu bejubeln und die Gegenwehr allein den Usern zu überlassen, sollte die internationale Staatengemeinschaft diese demokratiefeindlichen Tendenzen viel stärker unterbinden oder zumindest kontrollieren, da Verbraucher bzw. Bürger dringend vor dieser Medienmacht geschützt werden müssen. Auch z.B. die illegalen Abhöraktionen der NSA sind kein Schicksal, sondern werden so lange fortgeführt, bis sich die EU erfolgreich dagegen im Streit mit den USA wehrt.  

Unsere Gesellschaft verändert sich rasch. Soziale Netzwerke ersetzen oft die direkte Kommunikation, so dass das Bedürfnis nach Mitteilung privater Dinge z.T. in Soziale Netzwerke verlagert wird. Dennoch darf dies nicht schamlos kommerziell ausgenutzt werden.

Das Internet bedarf ganz dringend der Regulierung und staatlicher Kontrolle. Schließlich haben die sehr freien Marktgesetze an der Börse z.B. zur 2. Weltwirtschaftskrise geführt. Daher muss die Marktwirtschaft an einigen Stellen und besonders im Internet reguliert und kontrolliert werden. Gerade die Weitergabe von kriminellen Inhalten jeder Art oder unerwünschter Werbung sollte stärker international geächtet und strafrechtlich verfolgt und die Verbraucherrechte gestärkt werden. Nur so kann die Info- und Werbungs-Flut im Netz reduziert und der User vor Zwangsmaßnahmen der Web-Giganten geschützt werden.

Dieser Kommentar aus dem Online-Magazin „t3n.de/news“ für digitales Business wendet sich bewusst an einen fachkundigen Adressatenkreis, der seiner z.T. ironischen Kritik an Google+ und seiner bisherigen Erfolglosigkeit mehrheitlich zustimmen wird.   


7. Susanne Gaschke:

Neues Glück. Kein Grund zur Klage – Den Frauen geht's besser (2001)

1. Überblicksinformation (FHR)

S. Gaschke befasst sich in ihrem Kommentar „Neues Glück. Kein Grund zur Klage – Den Frauen geht's besser“ („Die Zeit“ vom 2.9. 2001) mit der Situation von Frauen in der BRD, die ihrer Ansicht nach eine „erfreuliche“ Entwicklung (Z.1f.) nehme.

2.1. Argumentationsansatz

Ihre These: Die Situation der Frauen in Deutschland ist erfreulich (Z.2) stützt sie mit folgenden Argumenten:

1. 1/3 aller BT-Abgeordneten sind heute Frauen – 2 sogar schwanger und 2 Mütter (Z.3-7). FA

2. „Keine Partei, keine Stiftung, kein Verband“ wolle als „frauenfeindlich“ (Z.9f.) gelten, was auch „ein Verdienst der Quote“ (Z.8) sei. PA

3. Die Medien hätten zwar „wenige Chefinnen“, liebten jedoch „‘junge, freche’ Frauen im politischen Alltag“ (Z.10f.). PA  

4. Für Frauen gebe es heute „verfügbare Verhütungsmittel“, „liberales Abtreibungsrecht“ und finanzielle Absicherung bei Scheidung (Z.13ff.). NA, PA

5. In staatlichen Einrichtungen würden die Kinder tagsüber betreut (Z.14f.) FA

6. Über 60% der Männer fühlten sich als Erzieher und handelten evtl. später auch so (Z.16-18). GA,PA

7. „1/4 des weiblichen, aber nur 1/5 des männlichen Nachwuchses“ (Z.19) mache Abitur. FA

8. Frauen könnten zwischen Mutter, berufstätiger Mutter oder nur Berufstätiger frei wählen (Z.21f.). NA

2.2. Sprachliche Aspekte

Frau Gaschke verwendet u.a. sprachliche Bilder („Auftauchen von Schwangeren“, Z.5; „Die Medien .... Lieben“, „im politischen Alltag“, Z.10f.; „schreibt ... Rollenbild vor , Z.22, „Preis der Freiheit“, Z.25f.), Aufzählungen (Z.9,21f.,24f.), Übertreibungen („Mutterkult“, „dramatischen Wandel des Parlaments“, Z.5f.), Abwertung von Gegenargumenten („Gejammer“, Z.20), Ellipsen (Z.6, 24f.), Fachjargon („im profipolitischen Ambiente“, Z.5f), Alliterationen („freche Frauen“, „verfügbare Verhütungsmittel“, Z.11,13) rhetorische Frage (Z.18f.) und Neologismus („Bundestagsbabys“, Z.3). Wirkungen: Wohlklingende, zugespitzte, übertreibende Formulierungen sollen Argumente der Autorin unterstreichen bzw. Schwächen ihrer Position und fehlende Aspekte verdecken.  

3. Kritische Stellungnahme

Zu 1: Dies ist zwar richtig, aber die sehr wenigen Schwangeren und Mütter unter den BT-Abgeordneten zeigen doch, dass es selbst reiche berufstätige Mütter in der BRD sehr schwer haben. Auch ist die BT-Frauenquote nur 1/3 und viel geringer als z.B. in Skandinavien.

Im Übrigen bestimmen nach wie vor Männer – nicht nur im BT – die Politik. 2001 gab es auch noch keine Bundeskanzlerin!

Zu 2:  Nicht „frauenfeindlich“ ist nicht automatisch frauenfreundlich. Frauen sind dort oft Vorzeige-/Alibi-Frauen. Sicher ist das besser als eine reine Männergesellschaft. Es gibt aber nach wie vor – außer bei den GRÜNEN – zu wenig weibliche Vorsitzende und Führungskräfte. Neben unbestreitbaren Vorteilen der Quote ist ein Nachteil, dass Frauen, die wegen der Quote einem männlichen Bewerber (bei gleicher Qualifikation) vorgezogen worden sind, als ‘Quotenfrau’ abgewertet werden. Daher lehnen auch manche selbstbewusste Frauen eine Frauenquote ab, da sie glauben, besser als ihre männlichen Kollegen zu sein.

Zu 3: Frau Gaschke beklagt zwar den Mangel an Chefinnen, bezeichnet aber selbst Frauen abwertend als ‘frech’ (bei Männern spräche man von selbstbewusst, ‘dynamisch’). Ferner lieben die Medien eben nur junge (schöne, eher etwas naive) Frauen. Erfahrene, alte, kluge und weise (oder gar weißhaarige) Frauen haben im Unterschied zu Männern gerade im Fernsehen keine Chance. Sie dienen eher als Lockmittel für hohe Einschaltquoten. Gleichberechtigte Machtteilhabe (z.B. in Fernsehräten) gibt es in den Medien kaum.

Zu 4:  Hier stimme ich der Autorin z. T. zu, jedoch ist dies längst EU-Standard. Ferner ist Abtreibung straffrei, aber rechtswidrig, so dass die Frauen (im Gegensatz z. B. zu Frankreich) deren Kosten bei über 950 € Nettoeinkommen selbst bezahlen müssen. Auch gilt die finanzielle Absicherung der Frau im Scheidungsfalle nur bei zahlungsfähigen Männern. Mio. alleinstehende Mütter müssen in der BRD ihre Kinder unter oft schwierigen Bedingungen versorgen. Die im Vergleich zu Frankreich (2,1 Kinder pro Frau) sehr niedrige Geburtenrate (1,4 Kinder pro Frau) zeigt, wie wenig attraktiv in Wahrheit das Mutterdasein bei uns ist.

Zu 5: Hier widerspreche ich Frau Gaschke ganz entschieden. Selbst 2008 – und erst recht 2001 – ist die Kinderbetreuung in der BRD im Vergleich zu vielen EU-Ländern (besonders Skandinavien und Frankreich) noch unzureichend. Zwar gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. Es gibt aber z.B. – besonders in West-Deutschland – nach wie vor viel zu wenig Krippenplätze (Ausbau auf Betreuungsdichte von 35% u. Rechtsanspruch erst für 2013 geplant) für unter 3-jährige sowie nicht genügend Ganztagsschulen. In Frankreich dagegen stehen berufstätigen Müttern – größtenteils kostenlose – ganztägige Betreuungseinrichtungen von der Kinderkrippe bis zum Abitur zur Verfügung. Auch sind französische Familien finanziell viel besser gestellt (ab 3. Kind fast steuerfrei).

Zu 6: Dass sich über die Hälfte der Männer als Erzieher fühlen, ist sehr erfreulich. Jedoch ist auch 2008 Erziehung immer noch weitgehend ‘Frauensache’. Nur 12% der Männer nehmen z. B. Elternzeit und meist nur die restlichen 2 von 14 Monaten.

Zu 7: Die höheren Bildungsvoraussetzungen der Mädchen führen zwar zu besseren Schul- und auch Studienabschlüssen, aber leider viel zu selten zu Spitzenjobs, u.a. wegen der unzureichenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten (s.o.) und des Karriereknicks nach der Elternzeit. Zudem erhalten Frauen ca. 25% weniger Lohn/Gehalt als Männer für die gleiche Arbeit.

Zu 8: Natürlich gibt es kein vorgeschriebenes Rollenbild für Frauen, aber die angeblich freie Wahl (bes. der berufstätigen Mutter) ist in Wahrheit durch viele äußere gesellschaftliche Umstände beschränkt. Außer im Öffentlichen Dienst begegnen Arbeitgeber karrierebewussten berufstätigen Müttern oft noch mit Vorurteilen. Diese müssen (anders als in Frankreich) z. T. mit dem Vorwurf der ‘Rabenmutter’ kämpfen und nehmen häufig (mangels ausreichender männlicher Unterstützung) eine Doppelbelastung (Arbeit + Haushalt) auf sich. Gerade das Fehlen einer freien Wahl erklärt die geringe Zahl der Kinder u. der Chefinnen.        

Fazit:

Natürlich hat die Situation von Frauen im Vergleich zu 2 Generationen vorher eine erfreuliche Entwicklung genommen. Dass Deutschland als führende Industrienation der EU aber in Punkto Frauenrechten eher Schlusslicht ist, ist blamabel und sehr wohl ein „Grund zur Klage“. Frau Gaschke hat sicher recht damit, dass man Erfolge nicht immer nur (typisch deutsch!) als unzureichend kritisieren und beklagen soll. Wenn jedoch alle Politiker/-innen seit 2001 sich der Meinung von Frau Gaschke angeschlossen hätten, wären die immerhin für dt. Verhältnisse beachtlichen – z.B. von einigen Bischöfen und der CSU heftig kritisierten – familienpolitischen Fortschritte (Kinderkrippenausbau, Elternzeit und –geld) wohl kaum eingeführt worden. Auf der anderen Seite ist völlige Gleichberechtigung bisher in keinem Land der Welt erreicht worden. Dies kann auch nicht vom Gesetzgeber, sondern muss von den Frauen weiterhin selbst durchgesetzt werden, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Politik. Gerade dort sollten Frauen (wie die Männer) eigene Netzwerke schaffen, um qualifizierte Frauen in Spitzenpositionen zu befördern.


8. Christian Hümmler:

Kopfnoten – Zensur, die Grenzen setzt (2008)

Erwartungshorizont zur Bearbeitung der Aufgabe (FHR)

Das Thema ist nicht nur hochaktuell, sondern wird auch unter Eltern, Bildungspolitiker-, Lehrer- und Schüler/-innen sehr kontrovers diskutiert. Zudem betrifft es die Schüler/-innen dieser FHR – Prüfung in Deutsch unmittelbar, da ihr Arbeits- und Sozialverhalten auch auf den Abschlusszeugnissen erscheint und bereits Teil ihres Halbjahreszeugnisses ist, mit dem sie sich um eine Lehrstelle beworben haben.

Die zu erörternden Aspekte entsprechen nicht nur dem notwendigen Wirtschaftsbezug im Fach Deutsch, sondern sind auch fächerübergreifend (u. a. Politik und Religion), da politische und ethisch-pädagogische Fragen mit einbezogen sind.

Es kann erwartet werden, dass die Schüler/-innen diesen expositorischen Text als Kommentar einordnen und die Intentionen des Autors sowie die Argumentationsstruktur des Textes wiedergeben.

Der Autor spricht sich in seinem Zeitungskommentar eindeutig für die Erteilung von „Kopfnoten“ aus. Er betont mehrfach deren Notwendigkeit, besonders für Schule, Elternhaus, aber auch die Schüler/-innen selbst. Im Einzelnen argumentiert er wie folgt:

1. „Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein, Selbstständigkeit und Teamfähigkeit“ dienten Personalchefs als sogen. ‘Soft Skills’ neben der fachlichen Qualifikation der Beurteilung von Bewerbern, die so eine Zusatzchance erhielten (Z.1-4).

2. Kopfnoten klinge weniger „zukunftsgewandt“, meine aber ebenfalls das Arbeits- und Sozialverhalten.  Dies sei schon in der Erziehung grundgelegt und heiße unbestritten, klare „Grenzen setzen“ (Z.5-9).

3. So erhielten auch Eltern, die ihren Erziehungsauftrag zunehmend den Schulen übertrügen, „verständliche Rückmeldungen“. Bei negativer Bewertung sei dies ein Impuls zur Erziehung ihrer Kinder (Z.10-15).

4. Kopfnoten seien wie die – unstreitig notwendigen – Fachnoten „niemals absolut gerecht“ und bei gewissenhafter Beurteilung sehr zeitaufwändig für Lehrer/-innen. Dies lohne sich aber, da Unterricht so „wieder vorrangig der Wissensvermittlung“, statt häufig nur „der Sozialerziehung“ dienen könne (Z.15-20).

5. Gutachten seien gerechter, aber noch zeitaufwändiger und weniger eindeutig als Kopfnoten, die vor einer Bewerbung Stärken und zu behebende Schwächen vor der ersten Bewerbung aufzeigten (Z.21-24).

Bei der Erörterung der Position des Autors sollten die Schüler/-innen auf jeden Fall zentrale Argumente des Autors kritisch hinterfragen und wichtige Gegenargumente anführen:

Mögliche Kritikpunkte:

Zu 1: Z.T. nur „befriedigend“ bei Kopfnoten auf Abschlusszeugnissen für fachlich gute Schüler/-innen Einstellungshindernis und dauerhaft nachteilig bei Bewerbungen

Zu 2: Benachteiligung von Schüler/-innen aus schwierigen sozialen Verhältnissen

Zu 3: Infragestellung der vier Notenstufen („befriedigend“ bedeutet in Wahrheit etwas anderes), Korrigierbarkeit von Kopfnoten durch elterliche Erziehungsmaßnahmen bei älteren Schüler/-innen, pauschale Abwertung von Erziehungswillen und -kompetenz der Eltern (dadurch Widerspruch, da solche Eltern aus schlechten Kopfnoten ihrer Kinder kaum Konsequenzen ziehen (können)

Zu 4: Sehr hoher subjektiver Faktor bei Kopfnoten (Fachnoten dagegen basieren u.a. auch auf Klausuren), realer Zeitaufwand der Lehrer bei Erteilung der Kopfnoten eher viel geringer (daher problematisch), Überbetonung und Abwertung des Stellenwertes der „Sozialerziehung“ im Unterricht

Zu 5: Infragestellung der Klarheit und Aussagekraft der Kopfnoten (siehe auch oben, Nr. 3), Problematisierung der Notenstufen, der Beurteilung und Auswahl der fraglichen Kompetenzbereiche                          

Weitere mögliche grundsätzliche Gegenargumente:

Differenzierte eigene Position:

Hier wird erwartet, dass die Schüler/-innen eine argumentativ stringente eigene Position vertreten und entsprechend durch Beispiele stützen, wobei sie auf die wesentlichen Gegenargumente zu ihrer persönlichen Einstellung eingehen sollten.

Bei einer guten Schülerleistung wird erwartet, dass die Intentionen des Autors und fast alle Argumente präzise und richtig erfasst, adäquat bewertet sowie in der folgenden Erörterung multiperspektivisch, ausführlich und argumentativ stringent diskutiert werden. Die sprachliche Darstellung sollte angemessen und ansprechend sein.

Eine ausreichende Schülerleistung sollte die Mehrzahl der Argumente richtig erfassen, in Ansätzen kritisch hinterfragen und in der anschließenden Erörterung darauf Bezug nehmen. Ferner sollte die eigene Position mehrere Aspekte umfassen, frei von inneren Widersprüchen und im Wesentlichen sprachlich korrekt sein.


9. Birgitta vom Lehn:

Den Hausfrauen die Freiheit (2009)

1. Überblicksinformation (FHR)

Die Autorin behauptet in ihrem Kommentar „Den Hausfrauen die Freiheit“ (Welt online vom 11.01. 2009, gekürzt), dass Haushaltsführung und Halbtagsjobs von Frauen sowohl Arbeitsmarkt- als auch neigungsbedingt seien, da diese eigene Zufriedenheit höher schätzten als Karriere und keineswegs der Wirtschaft schadeten. Daher sollte man ihnen keine männlichen Verhaltensmuster aufdrängen, sondern in allen Lebensbereichen Wahlfreiheit lassen.

2.1. Argumentationsansatz

Birgitta vom Lehn verpackt ihre Ansichten oft in suggestiven rhetorischen Fragen, so dass ihre Argumente meist in Frageform formuliert sind.

Ihre Hauptthese (Frauen schätzen eigene Zufriedenheit mehr als Karriere und sollen zwischen Hausfrau und beruflicher Neigung frei wählen können.) stützt sie mit folgenden Plausibilitäts- ,Autoritäts- und Fakten-, moralischen und indirekten Argumenten: PA, AA, FA, MA, IA

1. Hausfrauen ruinierten nicht Staat bzw. Wirtschaft, zumal sie die lokale Nachfrage nach fachspezifischen Arbeitskräften meist nicht befriedigen könnten. (Z.1-7) PA

2. Die „meist schiefen Verhältnisse“ (Z.8) zwängen besonders Mütter mit kleinen Kindern zum Hausfrauendasein. (Z.7-10) PA, MA

3. In den typischen Frauenberufen (Verlag, Journalismus, Schule) gebe es keinen Arbeitskräftemangel und im Vorschulbereich sei die Bezahlung unattraktiv angesichts der Notwendigkeit zur Fremdbetreuung der eigenen Kinder während der Arbeitszeit. (Z.11-15) PA

4. Geisteswissenschaften an Unis (bes. Lehramtsfächer) seien „reine Frauendomänen“ (Z.16), so dass ökonomische Verhaltensweisen wie männliche „Aggressions- und Wettbewerbslust“ zugunsten weiblicher „Disziplinierungs- und Harmoniesucht“ (Z.20f.) unterdrückt würden. (Z.16-21) PA

5. Die Kritiker des „deutschen Hausfrauendasein(s)“ (Z.24) beklagten die Halbtagsjobs von Frauen und bemängelten die fehlenden Professorinnen, Ingenieurinnen und Unternehmenschefinnen. (Z.22-29) PA, FA

6. Dies forderten meist emanzipationsbewegte Journalistinnen und „Sonntagsredner“, die höhere „Frauenquoten predigten“ (Z.32f.), deren eigene Gattinnen aber oft selbst Hausfrauen seien. (Z.30-34) IA

7. Mädchen hätten andere Lieblingsfächer (Sprachen und Biologie) als Jungen (Mathe und Physik) und schätzten laut einer von der US-Wissenschaftlerin Pinker zitierten Studie eigene Zufriedenheit mehr als Karriere. (Z.35-43) AA, FA

8. Deutschland sollte stolz darauf sein, dass Frauen nicht bedingungslos und einseitig männliche Verhaltensmuster von „Vollbeschäftigung, Hosenanzug und Zigarette kopieren“ (Z.44f.), sondern sich bei der Wahl von Studienfach, Beruf, Mann und Kindern frei entscheiden könnten. (Z.44-49) IA

9. Man solle „dem freien Spiel der Geschlechter“ so vertrauen wie „dem freien Spiel der Kräfte auf dem freien Markt“ (Z.50), wobei Hausfrauen noch nie den allgemeinen Wohlstand gefährdet hätten. (Z.50-52) AA, IA  

2.2. Sprachliche Aspekte

Birgitta vom Lehn verstärkt ihre Argumente kaum durch Fakten oder statistische Angaben, sondern vielmehr durch zahllose rhetorische Fragen, Verwendung der Wir-Form (Z.11), Alliterationen (Z.4,8f,14f.,33f.), Ellipsen (Z.11, 19f.), viele griffige, einprägsame sprachliche Bilder („stehen die Bänder ... still“; Z.4; „Fachkräfte händeringend gesucht“, Z.5; „Jungs auf der Strecke bleiben“, Z.18; „Dilemma taucht ... nicht auf“, Z.23f.; „Frauenquoten predigen“, Z.32; „schönreden“, Z.32 etc.), Anaphern (Z.11f., 46f.), Neologismus („Wettbewerbslust“, Z.20;), Correctio (Z.7), Fremdwörter bzw. Fachbegriffe („Kita“, „Krippe“, Z.14f.; „Dilemma“, „Tiraden“, Z.23;  „Dax-Unternehmen“, Z.25; „Frauenquoten“, Z.32; „Firmenkutur“, Z.32; Adrenalinausstoß“, Z.40 etc.)

Sie formuliert sehr bestimmt und suggestiv  („zwingen nicht vielmehr“, Z.7; „am schlimmsten“, Z.16; „muss“, Z.17; „ruinieren”, Z.18;  „Müsste”, Z.18,45), verwendet viele Übertreibungen („den Staat ruinieren“, Z.3; „reine Frauendomänen“, Z.16 etc.), plakative, pauschale Behauptungen und abwertende Metaphern („Sonntagsredner“, Z.31; „ideologischen Miesmacher“, Z.48; „böse Zungen“, Z.51; etc.), die sich auf kritische Gegenpositionen zur ihrer Ansicht beziehen, und erweckt so den Eindruck, dass es zu ihrer Position keine qualifizierte Alternative gebe.  

3. Kritische Stellungnahme

Zu 1: Dies hat auch niemand behauptet, aber ein höherer Anteil von Frauen in Vollzeitjobs (wie z.B. in Frankreich und Skandinavien) steigert das BIP.

Zu 2: Mit den „meist schiefen Verhältnisse(n)“ meint Frau vom Lehn wohl die Doppelbelastung von berufstätigen Müttern, die jedoch bei Mithilfe des Mannes und attraktive Ganztagskinderbetreuung (wie in Frankreich u.a. EU-Ländern) ‘gerade’ gerückt werden kann.

Zu 3: Das Arbeitskräfteangebot in diesen Bereichen wandelt sich ständig und ist auch konjunkturabhängig. Die Unterbezahlung beklagt die Autorin zu Recht. Deshalb sollte es kostenlose oder preiswerte Ganztagskinderbetreuungsplätze ab dem vollendeten 1.Lebensjahr geben.

Zu 4: Hier übertreibt Frau vom Lehn maßlos und behauptet die Gültigkeit längst überholter Geschlechterrollenklischees.

Zu 5: Die weibliche Unterrepräsentation bei Spitzenjobs ist entgegen der Ansicht von Frau vom Lehn sehr beklagenswert. Hier können z.B. das NRW-Gleichstellungsgesetz, besondere Förderprogramme, aber auch gesetzliche 40%-Regelungen bei Dax-Unternehmen wie in Norwegen helfen.

Zu 6: Hier polemisiert u. diffamiert Frau vom Lehn pauschal Kritiker/-innen ihrer Position, so dass eine Stellungnahme sich hierzu erübrigt.

Zu 7: Dieses Argument ist durchaus ernst zu nehmen. Die Frage ist nur, die weibliche Fächerwahl biologisch bedingt ist oder andere Ursachen hat. Wenn Frauen nicht so verbissen karriere- und wettbewerbsorientiert sind, hat dies auch wirtschaftliche Vorteile, da die aktuelle katastrophale Weltwirtschaftskrise doch gerade von „Jungs“ mit ach so ökonomisch erfolgreichen Eigenschaften verursacht worden ist.

Zu 8: Selbstverständlich müssen Frauen nicht angeblich typisch männliche Verhaltensmuster übernehmen. Sie dürfen dies aber tun, wobei sich dann die Klischees von männlich und weiblich als obsolet erweisen könnten. Frauen sollten natürlich in jeder Hinsicht Wahlfreiheit haben. Damit sie dies auch ausüben können, muss der Mann sein traditionelles Rollenverhalten ändern und der Staat noch viele Gesetze familien- und frauenfreundlicher gestalten.

Zu 9: Die totale Freiheit gibt es weder in Wirtschaft noch Gesellschaft noch zwischen den Geschlechtern (z.B. Ehe- und Familienrecht). Sie bedarf – heute mehr denn je –, zahlreicher bestehender und immer wieder neuer gesetzlicher Regelungen, um Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten zu beseitigen.

4. Fazit:

Frau vom Lehn hält lediglich ein rückwärtsgewandtes, polemisches und nur kaum durch zielführende Faktenargumente unterlegtes Plädoyer für das Hausfrauendasein. Zwar spricht sie sich für die totale Wahlfreiheit von Frauen aus, verkennt aber, dass gerade berufstätige Mütter diese in unserer Gesellschaft faktisch nur eingeschränkt haben. Mit letztlich aus der Biologie entlehnten überholten Geschlechterrollenklischees rechtfertigt sie die traditionelle Festlegung der Frau auf die Hausfrauenrolle, die bis 1977 auch Bestandteil des Ehe- und Familienrechts war.

Sämtliche ökonomischen und familienpolitischen Argumente (besonders auch aus der EU) für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Mütter bestreitet sie pauschal bzw. scheint sie gar nicht zu kennen. Damit argumentiert sie aus einer einseitig rechtskonservativen Sicht, die z.B. die Familienpolitik der Ministerin von der Leyen heftig bekämpft hat. Eine wirklich argumentative Auseinandersetzung mit ihren ideologisch fixierten Positionen scheint deshalb meines Erachtens weder erfolgversprechend noch sinnvoll.


10. Birgitta vom Lehn:

„Kitas sind gut für Eltern, nicht für Kinder“ (2010)

Erwartungshorizont zur Bearbeitung der Aufgabe (FHR)

Die politischen Diskussionen um Berufstätigkeit von Müttern, Kleinkindbetreuung, Schulerfolg und individuelle häusliche Betreuung, „Herdprämie“, Elternzeit und -geld, Geschlechterrollen, geschlechtsspezifisch ungleiche Einkommensverhältnisse, Allgemeines Gleichstellungsgesetz etc. zeigen, dass Familienpolitik ein aktuelles politisches Thema ist, welches die Schüler/-innen als künftige Arbeitnehmer/-innen, Eltern bzw. kinderlose Erwachsene unmittelbar betrifft. Darüber hinaus stellt das Thema vielfältige Bezüge zu den Fächern VWL, Politik und Religion her.

1. Überblicksinformation

Die Autorin Birgitta vom Lehn behauptet in ihrem Kommentar „Kitas sind gut für Eltern, nicht für Kinder“ (Welt online vom 07.01.2010), dass „Krippen und Kitas – genau wie Ganztagsschulen – den Interessen von beidseitig berufstätigen Eltern“ (Z.18f.) dienten. Kinder bräuchten jedoch für eine gute Entwicklung eine individuelle Bezugsperson, die gerade Kitas nicht bieten könnten. Diese führten im Gegenteil bei Kita-Kindern zu größeren Verhaltensauffälligkeiten als bei daheim betreuten.

2.1. Argumentationsansatz und -struktur

Birgitta vom Lehn verpackt ihre Ansichten oft in suggestiven rhetorischen Fragen und Abwertung von Gegenargumenten, so dass ihre eigenen Argumente meist indirekt und in Frageform formuliert sind.

Ihre Hauptthese (Kitas nützen nur berufstätigen Eltern, nicht den Kindern, die eine individuelle häusliche Erziehung brauchen.) stützt sie mit folgenden Plausibilitäts- ,Autoritäts-,  Fakten-, moralischen, indirekten, normativen und analogisierenden Argumenten (PA, AA, FA, MA, IA, NA, aA):

1. Fragwürdige Studien, „der Schulerfolg hänge vom Kita-Besuch ab“ (Z.4), könnten Kinder dazu verleiten, bei schulischem Misserfolg „die Kindergärtnerin haftbar“ (Z.7) zu machen oder „die eigenen Eltern“. (Z.1-7) PA, IA

2. Unklar sei, wie man „mit dieser ungeplanten Folge eines falschen Versprechens umzugehen“ wolle, „das eine regelrechte Klagewelle auslösen könnte“. (Z.8f.) IA, NA

3. „Die vielen Beispiele gelungener Bildungsbiografien“(Z.9f.) ohne Kita-Besuch sprächen gegen die positive Entwicklung des Menschen durch die Kita, da sonst „die halbe Welt verblödet sein“ (Z.11) müsste. (Z.9-12) EA, PA, IA

4. Der eigene, als Kinder in den Baby-Boom-Jahren daheim betreute Bekannten- und Verwandtenkreis belege, dass sie keine kollektiven Schulversager geworden seien, obwohl „sie nicht wie ihre ostdeutschen Altersgenossen vom Säuglingsalter an Krippe und Kita besucht haben“? (Z.13-17) EA, IA, PA

5. Da berufstätige Eltern nur schwer von einem Gehalt leben könnten und es immer mehr alleinerziehende sowie geschiedene Mütter gebe, die sehr früh wieder für sich selber sorgen müssten, sei es das gute Recht der Eltern, sich für ihre Bedürfnisse nach Ganztagsbetreuung erfolgreich einzusetzen. (Z.18-22) PA, NA, MA

6. Man dürfe aber nicht Elterninteressen automatisch mit Kinderbedürfnissen gleichzusetzen und Kitas für Kinder – unabhängig vom Elternhaus – als Förderung jeder kindlichen Entwicklung ansehen. (Z.23-25) IA, aA

7. Kinder bräuchten anfangs Geborgenheit und eine feste Bezugsperson - egal ob Vater, Mutter, Oma oder Kindergärtnerin -, um ungezwungen zu lernen und „sich mit anderen auszutauschen und angeregt zu spielen“ (Z.30). (Z.26-31) PA, FA

8. Kitas böten diese individuelle Atmosphäre meist nicht infolge von 20-25 Kindern pro Gruppe bei 2 Erzieher/-innen, häufigem Personalwechsel, hohem Lärmpegel und damit Stress. (Z.32-36) PA,FA,IA

9. Die wenigsten Auffälligkeiten zeigten laut US-Studie von 2007 Kinder, die daheim betreut worden waren und wohl auch keine Psychopillen benötigen. (Z.36-39) FA, IA

2.2. Sprachliche Aspekte

Birgitta vom Lehn verstärkt ihre Argumente nur wenig durch Fakten oder statistische Angaben (Z.36-38), sondern vielmehr durch viele rhetorische Fragen, Alliterationen (Z8, 9, 13, 17, 18, 23, 26ff., 31, 36), Ellipsen (Z.5, 7, 34, 19f.), viele griffige, einprägsame sprachliche Bilder („vermasselt ihnen die Karriere“, Z1; „eine Fünf in Mathe oder Englisch kassiert“, Z.5; „regelrechte Klagewelle auslösen“, Z.8f.; „Beispiele gelungener Bildungsbiografien“, Z.9f.; „kollektive Schulversager“, Z.16; „Kita-Lärmpegel“, Z.35; „Psychopillen“, Z.39 etc.), Anaphern (Z.5,8f.,28-30), Correctiones (Z.7,10), Fremdwörter bzw. Fachbegriffe („Kita“, „Krippe“, Z.14f.; „Migrantenkinder“, Z.Z.5; „existentiell“, Z.12; „Baby-Boomer“, Z.15 etc.).

Oft verwendet sie Verallgemeinerungen („Manche“, Z.3; „man“, Z.8, 13) wenig konkrete und damit kaum überprüfbare Angaben („Stimmen einiger Bildungsforscher“, Z.2; „große“ US-Studie von 2007, Z.37), Aufzählungen bzw. Wiederholungen (5f., 11, 21f., 28-31, 38), um ihre argumentativen Schwächen zu verdecken.

Sie formuliert sehr bestimmt und suggestiv („kollektive Schulversager“, Z.16; „In einer solch zwanglos-natürlichen Atmosphäre wird ein Kind immer leicht lernen, es wird seinen Stift schnell richtig halten“, Z.28f.; „Müsste nicht“, Z.10; „Das gute Recht der Eltern“, Z.21; „Es wäre aber falsch“, Z.23 etc.), verwendet viele Übertreibungen („Wer seine Kinder nicht in die Kita schickt, vermasselt ihnen die Karriere.“, Z.1; „könnte dann die (unfähige oder überforderte?) Kindergärtnerin haftbar machen. Oder eben die eigenen Eltern“, Z.6f.; „die halbe Welt verblödet“, Z.11 etc.), plakative, pauschale Behauptungen und abwertende Metaphern („versteigen sich nun gar zu der grundsätzlichen These, „die halbe Welt verblödet“, Z.11, etc.), die sich auf kritische Gegenpositionen zur ihrer Ansicht beziehen, und erweckt so den Eindruck, dass es zu ihrer Position keine qualifizierte Alternative gebe.  

3. Kritische Stellungnahme

Auf jeden Fall sollten die Schüler/-innen herausarbeiten, dass Frau vom Lehn ihre Position kaum mit Fakten belegt und nur traditionelle und polemische Ansichten zugunsten der traditionellen häuslichen Kinder-erziehung vorträgt. Natürlich ist eine kontinuierliche individuelle liebevolle Bezugsperson sehr wichtig für eine positive Entwicklung des Kindes.

Dies ist jedoch heutzutage angesichts der völlig veränderten Lebens- und Arbeitswelt im Unterschied zu den von Frau vom Lehn unkritisch verklärten Baby-Boom-Jahren der 60er schon lange nicht mehr der Fall. Daher ist es Aufgabe des Staates, für die immer größere Zahl von gleichzeitig berufstätigen Eltern und alleinerziehenden Müttern eine möglichst frühe Ganztagsbetreuung für Kinder anzubieten.

Frau vom Lehn bietet für die heutige Zeit überhaupt keine Alternative an und ergeht sich lediglich in völlig unsinnigen dunklen Andeutungen von angeblichen Klagemöglichkeiten für Kita geschädigte Schulversager. Sicherlich weisen manche Kindergärten bzw. Kinderbetreuungseinrichtungen auch (meist mangels geeignetem Personal) Erziehungsdefizite auf.

Dies spricht aber nicht generell gegen solche Einrichtungen, sondern sollte Anlass sein, hier auf entsprechende (und erreichbare) Verbesserungen zu drängen. Da Ganztagsbetreuung u.a. in vielen EU-Ländern wie Frankreich, Skandinavien etc. längst Standard ist und keineswegs zu den von Frau vom Lehn angeblich feststehenden Folgen geführt hat, ist Frau vom Lehns Schlussfolgerung nur mit völliger Unkenntnis bzw. Vorurteilen in diesem Bereich zu erklären.

Gerade die Kinderbetreuung im Elternhaus ist in jüngster Zeit eher in Verruf geraten, da viele junge Eltern nicht mehr wissen, wie man Kinder erzieht. Hinzu kommt, dass Einzelkinder zu Hause nicht mehr die erforderlichen sozialen Kontakte mit Kindern bzw. Geschwistern haben und Mütter mittlerweile zur Überfürsorge neigen. Auch fehlende Erziehung bis hin zur Verwahrlosung scheint offensichtlich gerade in deutschen Familien zuzunehmen. All dies spricht dafür, die Ganztagsbetreuung schon in frühem Kindesalter anzubieten, um entsprechende Benachteiligungen auszugleichen.

Sehr problematisch ist Frau vom Lehns Position besonders auch für die Rolle der Frau, die damit faktisch – entgegen der Rechtslage des geltenden Ehe- und Familienrechts – wieder auf ihre traditionelle Rolle als Hausfrau verwiesen würde.

Die sehr guten Erfahrungen gerade in Frankreich und den skandinavischen Ländern zeigen, dass Frauen – bei entsprechender Familienförderung und frühzeitiger Ganztagsbetreuung von Kindern – sehr wohl Familie und Beruf miteinander vereinbaren können und so auch zur Steigerung des BIP beitragen. Die PISA-Studie zeigt, dass Kinder aus diesen Ländern bessere Schulleistungen erzielen. Sie sind in der Regel selbständiger als deutsche Kinder und weisen keineswegs – wie dies laut Frau vom Lehn sein müsste – Entwicklungsrückschritte auf.

Die Gesamtthematik ist im Fach Politik behandelt worden, so dass den Schüler/-innen unter anderem die PISA-Studie, die gesetzlichen Regelungen zu Elterngeld, Ausbau der Krippenplätze sowie die Ganztags-betreuung vom Kleinkindalter an in Frankreich und Skandinavien sowie deren viel fortschrittlichere Familienpolitik einschließlich deren wirtschaftlichen Bedeutung bekannt sind. Es wird erwartet, dass sie diese ansprechen und die Ansichten Frau vom Lehns diesbezüglich klar widerlegen können.

Bei einer guten Schülerleistung wird erwartet, dass die meisten Textaussagen richtig erfasst, angemessen bewertet, sprachlich eingehend analysiert und in der folgenden kritischen Stellungnahme ausführlich diskutiert werden. Dabei sollten die Ansichten Frau vom Lehns als vorurteilsbehaftet, weitgehend unbegründet und rückwärtsgewandt erkannt werden. Auch sollten Frau vom Lehns Positionen mit positiven Beispielen aus Deutschland und anderen EU-Staaten, den gegenüber früher völlig veränderten Familien- und Arbeitsbedingungen sowie wirtschaftlichen Argumenten (Ganztagsarbeit von Frauen erhöht das BIP) widerlegt werden.

Eine ausreichende Schülerleistung sollte die Mehrzahl der Textaussagen richtig erfassen, ansatzweise sprachlich analysieren und in der anschließenden kritischen Stellungnahme darauf Bezug nehmen. Auch sollten die Ansichten der Autorin als klischeehaft sowie vorurteilsbehaftet erkannt und zumindest in Grundzügen mit dem Hinweis auf die derzeitige Familienpolitik sowie wirtschaftliche Aspekte widerlegt werden.


11. Sonja Munka:

Zieht den Kindern endlich den Stecker! (2013)

1. Überblicksinformation: äußere Publikationsdaten, Textsorte, Thema (AHR)       

S. Munka befasst sich in ihrem Text „Zieht den Kindern endlich den Stecker“ (www.teachsam.de, 29.9. 2013) kritisch mit dem übermäßigen Medienkonsum bes. der 6-13-jährigen, was bei diesen u.a. zu schlechteren Noten führe. Die Eltern riefen lieber nach dem Staat und kritisierten die Schule, statt der „Medienverwahrlosung“ (Z.8) ihrer Kinder Einhalt zu gebieten, die sie selbst erst durch deren elektronische Vollausstattung ermöglicht hätten. Deshalb sollten Kinder wie Eltern ihren Medienkonsum einschränken. Der Text ist ein Kommentar, da die Autorin auf einer Website für Lehrer/- und Schüler/-innen schreibt u. sehr engagiert Stellung zu diesem Thema nimmt, um so zur Meinungsbildung des Lesers beizutragen.

2. Thematik des Textes in Bezug zum aktuellen öffentlichen Diskurs über die Kritik an der Nutzung der neuen Medien  

In letzter Zeit sind viele Berichte über den Missbrauch der neuen Medien und die Hilflosigkeit vieler Eltern erschienen. Computer- und Internetsucht sind als negative Begleiterscheinungen in aller Munde. Schon Kinder (z.T. bereits ab 6 Jahren) verbringen heutzutage überdurchschnittlich viel Zeit mit diesen Medien, wobei das Smartphone für viele zum ständigen Begleiter geworden ist, das dauernd und meist unkontrolliert genutzt wird, um nur ja nicht angeblich wichtige Infos (Facebook, SMS, WhatsApp) zu verpassen. Eltern, Schulen, aber auch Arbeitgeber beklagen diese egozentrische Mediennutzung, die bisher selbstverständliches Kommunikations- u. Sozialverhalten zu verdrängen scheint.

3. Benennung der Sinnabschnitte und gedanklicher Aufbau des Textes

1. Einleitung: Eltern berichteten auf Elternabenden zunehmend voller Verzweiflung vom exzessiven Medienkonsum ihrer Kinder (Z.1-7).

2. Im Folgenden geht die Autorin auf die Ursache sowie das widersprüchliche und verantwortungslose Verhalten vieler Eltern ein. Hauptursache sei die mediale Vollausstattung vieler Elternhäuser auch in den Kinderzimmern, d.h., eine regelrechte „Medienverwahrlosung“ (Z.8) habe die gemeinsamen Fernsehabende abgelöst. Den problematischen Medienkonsum schon bei 6-13-jährigen hätten die Eltern selbst ermöglicht, könnten ihn aber nicht mehr kontrollieren. Obwohl exzessiver Medienkonsum zu schlechteren Noten führe, behaupteten Eltern oft, dass sie z. B. die Internetnutzung überwachten. Die Hilflosigkeit vieler Eltern sei auch durch die Erwerbstätigkeit beider Elternteile mitbedingt. Zeichen mangelnder elterlicher Autorität sei es, wenn schon den Kleinsten unangemessene Mitspracherechte bis hin zur Urlaubsplanung eingeräumt würden. (Z.8-34)

3. Sehr problematisch sei der laxe Umgang der Eltern mit dem Medienkonsum ihrer Kinder, da sie glaubten, dass die medial konsumierten Gewaltszenen die Gewaltbereitschaft ihrer Kinder direkt beeinflusse. Doch anstatt aktiv gegen diese „Medienverwahrlosung“ einzuschreiten, riefe man lieber nach dem Staat, kritisiere die Schule u. gebe sich der Illusion hin, „ihre Kinder nutzten das Internet vorwiegend zum Lernen“(Z.44f.), obwohl über Facebook oft Hausaufgaben weitergegeben würden. (Z.35-45)

4. Fazit: Wenn Kinder lieber Freunde treffen und draußen spielen wollten, statt Medien zu konsumieren, trügen Eltern durch ihre medialen Geschenke und Staat (zu wenig Spielplätze) die Verantwortung für die Missachtung wirklicher Kinderwünsche. Daher sollten Kinder und Eltern gemeinsam ihren Medienkonsum drastisch einschränken.  (Z.46-54)

4. Darstellung der Kernaussagen des Autors + Argumentationsstruktur  

Ihre Hauptthese, die Eltern verdrängten, dass sie an dem beklagten exzessiven und schädlichen Medienkonsum durch mediale Geschenke, besonders aber durch mangelnde Kontrolle u. Verantwortung selbst schuld seien, weshalb die ganze Familie ihren Medienkonsum reduzieren sollte, belegt die Autorin mit folgenden, meist Plausibilitäts-, analogisierenden, Erfahrungs-, indirekten, moralischen, normativen, Gefühls- und Fakten-Argumenten: PA, aA, EA, IA, MA, NA, GA, FA

1. Als Einstieg spricht die Autorin ironisch von der „tollen neuen Medienwelt“ (Z.1) u. nennt Beispiele von Elternabenden, auf denen Eltern immer verzweifelter von der exzessiven Facebook-Nutzung ihrer Tochter oder den nächtelangen Computerspielen ihres Sohnes berichteten, die den meisten Eltern unbekannt seien. (Z.1-7) PA, EA, FA

2. Übertreibend spricht sie von „Medienverwahrlosung“, da Familien oft eine mediale Vollausstattung vom Feinsten hätten. Früher habe sich die „Doing family“ (Z.11) zu gemeinsamen Fernsehabenden versammelt. Doch seien Medien, die solche „Sinnprovinzen“ (Z.13) gestalten könnten, heute längst vergessen. (Z.8-14) aA, EA, AA, MA, GA

3. Aber auch das Kinderzimmer sei kein Raum mehr für alte, nutzlose Spielsachen, (womit sie die frühere Ausstattung der Kinderzimmer scheinbar abwertet), sondern voll moderner Elektronik. 6-13-jährige hätten laut der angesehenen „KIM-Studie 2010“ bereits überwiegend Spielkonsolen, fast jeder 2. einen Fernseher und jeder 10. einen PC mit Internetanschluss. Dies lasse vordergründig diese Kinderherzen höher schlagen, aber erzürne tatsächlich die Eltern, wobei sie deren verantwortungsloses Verhalten blumig mit dem des naiven Zauberlehrlings in Goethes gleichnamigem Gedicht vergleicht. (Z.15-20) FA, AA, aA, EA, GA

4. Damit macht sie den Eltern heftige Vorwürfe, da die „Medienverwahrlosung“ ihr Werk sei und oft „wider besseren Wissens“ geschehe. Durch zahlreiche veröffentlichte Studien hätten sie längst wissen müssen, dass Kinder, die Medien unkontrolliert nutzen könnten, in der Schule schlechter seien. Trotzdem behaupteten viele Eltern wahrheitswidrig, sie würden z.B. die Internetnutzung ihrer Kinder überwachen. (Z.21-26) FA, AA, EA, MA

5. Mit Zahlen aus der angesehenen „KIM-Studie 2010“ belegt Sonja Munka nun die dem elterlichen Wunschdenken widersprechende Realität, dass bereits bei den 6-13-jährigen die alleinige Mediennutzung im Kinderzimmer keine Seltenheit sei. 3/4 der 12-13-jährigen seien sogar unkontrolliert im Internet. Die Eltern fühlten sich mit diesem Problem alleingelassen und überfordert. Schuld an diesem Zustand seien häufig mangelnde elterliche Verantwortungsbereitschaft und Autorität der heutigen „Verhandlungsfamilie“, die schon den Kleinsten unangemessene Mitspracherechte bis hin zur Urlaubsplanung einräume, sowie die Erwerbstätigkeit beider Eltern, die eine eingehendere Beschäftigung mit den Kindern erschwere. (Z.27-34) FA, AA, MA, NA

6. Dass Eltern mangels anderer Angebote Kindern den alleinigen Medienkonsum gestatteten, sei schon allein deshalb verantwortungslos, da sie selbst laut KIM-Studie glaubten, Gewaltszenen in den Medien beeinflusse direkt die Gewaltbereitschaft ihrer Kinder. Doch anstatt aktiv gegen diese Medienverwahrlosung“ vorzugehen, riefe man lieber nach dem Staat, kritisiere die Schule wegen angeblich zu hoher Anforderungen und wiege sich in der Illusion, „ihre Kinder nutzten das Internet vorwiegend zum Lernen“ (Z.44f.), obwohl über Facebook oft Hausaufgaben zum Abschreiben weitergegeben würden. Hiermit werden den Eltern nicht nur Verantwortungslosigkeit und Bequemlichkeit, sondern auch Scheinheiligkeit vorgeworfen. (Z.35-45) FA, AA, MA, NA

7. Am Schluss konstatiert Munka, dass viele Faktoren zur Medienverwahrlosung (Z.45) beitrügen. In Wahrheit wollten Kinder laut KIM-Studie am liebsten Freunde treffen und draußen spielen, statt Medien zu konsumieren. Daher trügen Eltern durch ihre medialen Geschenke zu Geburtstagen und Weihnachten sowie Staat (wegen fehlender Spielplätze) die Verantwortung für die Missachtung wirklicher Kinderwünsche. Daher sollte der Medienkonsum von Kindern und Eltern drastisch einschränkt werden, was auch im Interesse eines aktiven Familienlebens sei. (Z.46-54) FA, AA, NA, MA

5. Beschreibung sprachlicher Gestaltungsmittel und deren Wirkungen

Munka verwendet viele Metaphern/Personifikationen („Zieht den Kindern den Stecker“, Titel; „Bahnhof“, Z.6, „Lawine“, Z.7, „Medienverwahrlosung“, Z.8,21,46; „nagelneue, wandfüllende“, Z.9; „Spiegelei in der Pfanne hüpfen“, Z.11; „Muff und Tand“, Z.16; „Kinderherzen ... höher schlagen“, Z.18f.; Z.20; „traurigeres Bild“, Z.27, „Gefühlshaushalt“, Z.34), um ihre Ansichten zu veranschaulichen. Die Ellipsen (Z.2, 3, 9, 16-18, 40, 53f.) und Einschübe (Z.50, 53f.) sollen das Gefühl vermitteln, dass es gegen diese kurzen, einprägsamen Behauptungen und ihre Position keine vernünftigen Einwendungen gibt. Die Aufzählungen und Beispiele (Z.2-7, 16ff., 27ff., 40ff., 47ff.) sollen ihre Argumente wirkungsvoll unterstreichen.

Mit Ironie/Abwertung („tollen, neuen Medienwelt“, vom Feinsten“, Z.10) will sie die neuen Medien lächerlich machen. Die Übertreibungen („Überall ratlose Gesichter“, Z.2; „das Spiegelei in der Pfanne hüpfen lässt“, Z.11; „Aufräumen wohl eine Sache für die Ewigkeit“, Z.15) sollen Klarheit und Verständlichkeit ihrer Ansichten hervorheben, ihrer Kritik größere Allgemeingültigkeit und Klarheit verleihen und die Glaubwürdigkeit ihrer Argumente erhöhen. Es gibt kaum, meist zufällige Alliterationen (Z.1, 6, 8, 16, 28f, ), eine Anapher (Z.40f,) und literarische Anklänge („tollen, neuen Medienwelt“, Z. 1: Anspielung auf Huxleys „Schöne neue Welt“; „mit den Geistern ... nicht mehr fertig werden“, Z.20: Goethes Gedicht „der Zauberlehrling“), da die Autorin mehr mit Sachargumenten als mit Wohlklang überreden will. Sie verwendet viele griffige Formulierungen/Umgangssprache („Medienverwahrlosung“, Z.8, „Sprösslinge“, Muff und Tand“, Z.16; „versemmelt“; „pauken“, Z.43f.; „uncool“, Z.17), Fremdwörter/Fachbegriffe („WOW“,Z.5; „Doying family“, Z.11; „Medienarsenal“, Z.23; „Verhandlungsfamilie“, Z.30f.; Facebook-Account“, Z.52), Zitate und statistische Fakten aus der KIM-Studie (Z.11, 13, 17ff., 27ff., 46ff.), um zu zeigen, dass sie fachkompetent ist und weiß, worüber sie schreibt. Der Satzbau ist komplex und in Hochsprache verfasst. Einige Sätze erstrecken sich über 4 Zeilen mit Nebensätzen und Einschüben.

6. Herausarbeitung der Textintentionen

Sie will zeigen, dass die Eltern heute der medialen Ausstattung ihrer Kinder hilflos gegenüberstünden und meist gar nicht wüssten, wozu und in welchem Ausmaß diese ihre elektronische Vollausstattung im Kinderzimmer nutzten. Dieses elterliche Verhalten sei jedoch verantwortungslos, scheinheilig und verlogen, da sie selbst durch entsprechende Geschenke zu dieser „Medienverwahrlosung“ (Z.8) beigetragen hätten. Statt ihre Hilflosigkeit einzugestehen, behaupteten sie wider besseres Wissen, dass sie meist den Medienkonsum ihrer Kinder überwachten, riefen nach dem Staat und kritisierten die Schule, die diesen medial geschädigten Kindern schlechtere schulische Leistungen bescheinigten. „Im Interesse einer allen förderlichen „Doing family“ (Z.53f.) sei es daher, dass nicht nur die Kinder, sondern – zumindest eine Zeitlang – auch die Eltern ihren Medienkonsum reduzierten.

7. Bewertung der Argumentationsstruktur

Frau Munka belegt mit statistischen Angaben aus der KIM-Studie von 2010 (statt der von 2012!) durchaus plausibel, wie hoch die Medienausstattung bereits bei 6–13-jährigen ist.  

Völlig zu Recht weist sie auf die Problematik der meist unkontrollierten Internetnutzung besonders bei 12–13-jährigen hin, dem die Eltern völlig hilflos gegenüberstünden und den sie deshalb oft verdrängten bzw. sogar leugneten. Sie verwendet sehr anschauliche Beispiele und Metaphern, um ihre Ansichten zu verdeutlichen.

Dabei neigt sie meines Erachtens aber zu starken Vereinfachungen und Übertreibungen (Z.11,15), die die Überzeugungskraft ihrer Argumente schmälern. Auch der Begriff „Medienverwahrlosung“ (Z.8) erklärt wenig und belegt unterschiedslos alle Medien mit einer negativen Wertung. Selbstverständlich ist die „tolle neue Medienwelt“ (Z.1) nicht unproblematisch, aber keineswegs so menschenverachtend und gefährlich wie Huxleys „Schöne neue Welt“. Es geht meines Erachtens darum, den sinnvollen Umgang mit den neuen Medien, auch in der Schule, einzuüben.

Hier sollten Elternhaus u. Schule zusammenarbeiten, statt der jeweils anderen Seite den schwarzen Peter zuzuschieben. Die Verwendung der modischen Fachtermini (Doing family, Verhandlungsfamilie) signalisiert zwar Fachkompetenz der Autorin, wenn aber nur die „gute alte“ Medienzeit (Z.14) beschworen und schon ein Mitspracherecht von Kindern bei der Urlaubsplanung als Anzeichen elterlichen Autoritätsverfalls gewertet werden, liegt der Verdacht nahe, dass sie nur das konservative Klagelied „Früher was alles besser“ anstimmt, ohne irgendwelche konstruktiven Lösungsansätze aufzuzeigen. Auch müssten Art und Umfang der Mediennutzung stärker schichten- und geschlechtsspezifisch untersucht werden (s.u.).

8. Stellungnahme zur Aussage (Zusammenhang zw. Erwerbstätigkeit beider Eltern, Regularien des Famlienalltags u. exzessivem Medienkonsum (Z. 32-34)

Die Autorin behauptet in Z.32-34 zumindest indirekt einen Zusammenhang zwischen übermäßiger Mediennutzung und ‘erzwungener’ Erwerbsarbeit beider Elternteile, wobei die „Regularien eines (solchen) Familienalltags“ (Z.33) den „Gefühlshaushalt“ (Z.34) aller nur oberflächlich versorgten. Abgesehen von ihrer negativen Bewertung der Erwerbsarbeit von Frauen, die Munkas rückwärtsgewandte Ansichten widerspiegeln (s.o.,Z.80), wird hier ein undifferenziertes und verallgemeinerndes Bild eines gefühlsarmen, durchregulierten Doppelverdienerhaushalts entworfen, das sicher nur selten der Realität entspricht. Nicht die Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, sind meines Erachtens das Hauptproblem in Deutschland, da wir viele ge- und zerstörte Familien, und z. B. 3 Mio. allein erziehender Mütter haben, die nicht selten mit ihrer Doppelbelastung überfordert sind. Daneben gibt es auch immer mehr positive Beispiele von gelungenen Patchwork-Familien. Emotionale Defizite, mangelnde elterliche Autorität und Verantwortung gibt es in allen Familienformen. Diese sind eher abhängig von Persönlichkeit, Bildungsgrad/Beruf der Eltern als von der realen Familienform. Gerade der exzessive, unkontrollierte Medienkonsum wird oft durch negatives elterliches Vorbild geprägt. Der Medienkonsum ist gerade in den Familien besonders hoch, in denen beide nicht erwerbstätig sind (Hartz IV). In vielen EU-Ländern (Skandinavien, Frankreich etc.) ist Frauenerwerbsarbeit selbstverständlich und wirkt sich positiv auf das Familienleben aus, wozu Qualität und Intensität, nicht Quantität der emotionalen interfamilialen Beziehungen entscheidend beitragen.

Natürlich sollten die Gefahren, die von der immer anspruchsvolleren und verführerischeren Medienwelt ausgeht, für das Zusammenleben der Menschen und deren emotionalen Gefühlshaushalt ausgehen, nicht unterschätzt werden, jedoch bietet sie gerade in der 3. Welt eine große Chance für Bildung, demokratische Grundrechte und Erhaltung des Weltfriedens.

Der Kommentar auf der Lehrer/Schüler-Website wendet sich an einen akademischen, eher konservativen Adressatenkreis, der Munkas Argumentation weitgehend unterstützt.


12. Dagmar Rosenfeld:

Die Venusfalle (2008)

1) Überblicksinformation (FHR)

D. Rosenfeld befasst sich in ihrem Kommentar „Die Venusfalle“ („Der Tagesspiegel“ vom 27.3. 2008) mit der Situation besonders von unter 30-jährigen Frauen in der BRD. Laut einer Studie glauben diese an sich und wollen alles: Kinder, Partnerschaft, Karriere und Zeit für sich selbst, mit der Gefahr der Selbstüberforderung in der späteren Partnerschaft. Die Abkehr der Frauen von weiblichen Klischees beeinflusse die Rolle der Männer, die sich der von Frauen angenommenen Herausforderung häufig erst noch stellen müssten.

2.1. Argumentationsansatz

Ihre These (Die Biografie der unter 30-jährigen Frauen in der BRD birgt heute sehr viele „Möglichkeiten zur Selbst-bestimmung, aber auch zur Selbstüberforderung“, Z.2) stützt sie mit folgenden meist Fakten- und Plausibilitätsargumenten:

1. Frauen hätten die gesellschaftlich akzeptierte Wahl zwischen Karriere, nur Mutter oder beides, Ehefrau oder Single. (Z.4-6) PA, NA

2. Dies werde politisch durch Elterngeld, Ausbau der Krippenplätze  und Betreuungsgeld für Hausfrauen unterstützt. (Z.6-10) FA

3. Laut einer Studie wollten junge Frauen Partnerschaft, Kinder, Karriere und Zeit für sich selbst. (Z.11-14) FA

4. Sie seien – im Gegensatz zu weiblichen Klischees – durchsetzungsfähig und verträten selbstbewusst ihren Standpunkt. (Z.15-17) PA, FA        

5. Der Anstieg der Frauenerwerbsquote sei nicht nur Ergebnis weiblicher Selbstverwirklichung, sondern auch finanzielle Notwendigkeit in Familien bzw. bei Alleinerziehenden. (Z.19-21) FA

6. Die reale Partnerschaft und Berufswelt enthielten zahlreiche Selbstbestimmungsoptionen, aber auch die Gefahr der Selbstüberforderung. (Z.22-28) PA

7. Die unterschiedliche Wahrnehmung von Frauen von sich selbst und durch Männer verdecke tragischerweise deren ähnliche Wert- und Beziehungsvorstellungen. (Z.29-33) PA, FA

8. Die Abwendung der Frau von ihrer traditionellen Rolle verändere auch die des Mannes, der seine Aufgaben als Partner, Erzieher und im Beruf häufig erst noch als miteinander zu vereinbaren ansehen müsse. (Z.33-36). PA, FA

2.2. Sprachliche Aspekte

Frau Rosenfeld benutzt einen scheinbar frauenfeindlichen Witz (Z.3), um die freie Wahl der Frauen bezüglich ihrer Lebensform zu unterstreichen. Dies zeigt auch ihre emanzipatorische Wertschätzung der eigentlich abwertend gemeinten „Herdprämie“ (Z.9).

Als rhetorische Figuren verwendet sie u.a. Anaphern („Sie wollen“, Z.11f.; „wenn ...“, Z.23-25), viele sprachliche Bilder („unter einen Hut bekommen“, Z.1; „Möglichkeiten, die Frauen offenstehen“, Z.5; „Frauen sind keine Grenzen gesetzt“, „Lebensentwurf“, Z.11; „Position zu beziehen“, Z.15; „... scheint sich die junge Generation verabschiedet zu haben“, Z.17; „Möglichkeiten, die Frauen heute offenstehen, ... können auch zur Last werden“, „ ... barg eine weibliche Biografie so viel Möglichkeiten“, Z.26f., “Werte und Beziehungsvorstellungen von Männern und Frauen nahe beieinander liegen“, Z.32f.; „nur ändern sich Rollen ...“, Z.33; „Frauen lösen sich von weiblichen Klischees“, Z.34), rhetorische Fragen (Z.23-26), viele Aufzählungen (Z.1, 5, 7f, 12f.), die die Wahlmöglichkeiten von Frauen unterstreichen sollen; Ellipsen (Z.2, 3, 4-6, 15, 17), einen Neologismus („Venusfalle“, Z.28, 36) und einen Fachbegriff („Multioptionalität“, Z.4) und wörtliche Rede. (Z.14). Wirkung: Sie möchte mit griffigen, wohlklingenden Formulierungen, vielen Bildern und Authentizität verleihender wörtlicher Rede die Aussagekraft ihrer Argumente unterstützen.

3. Kritische Stellungnahme

Zu 1: Diesem Argument von Frau Rosenfeld stimme ich nur z.T. zu. Zwar gibt es in der BRD bei der Wahl weiblicher Lebensplanung keine direkten gesellschaftlichen Hindernisse. Jedoch haben gerade karrierebewusste Mütter immer noch mit dem Vorwurf „Rabenmutter“ zu kämpfen. Nicht selten wird von Männern erwartet, dass eher die Frau als der Mann auf Karriere zugunsten von Kindererziehung verzichtet. Bei uns gibt es kaum Vorbilder wie z.B. in Spanien, wo in einem Kabinett mehr Frauen als Männer – davon eine schwangere Verteidigungsministerin! – vertreten sind. Meist treten erfolgreiche Frauen bei uns (z.B. Bundeskanzlerin Merkel, Familienministerin von der Leyen) in der Öffentlichkeit ohne Kinder und ohne Mann auf, was nicht auf gleichberechtigte Rollenverteilung in der Partnerschaft hinweist (wie z.B. das Ehepaar Clinton in den USA). Allerdings sind solche Frauen nur selten Singles.

Gesellschaftliche Konventionen engen für Frauen in Spitzenpositionen die sonst wohl recht freie Wahl erheblich ein. Auch die im Vergleich zu Skandinavien und Frankreich viel geringere Frauenerwerbsquote spricht gegen die freie Wahl weiblicher Lebensformen.

Zu 2: Elterngeld und geplanter Kinderkrippenausbau sind sicher wichtige Schritte hin zu einer dringend erforderlichen umfassenden Unterstützung für Familien. Allerdings soll eine ausreichende außerfamiliäre Kleinkindbetreuung mit Rechtsanspruch erst in 5 Jahren erreicht werden. Auch fehlt dann immer noch eine flächendeckende Ganztagsbetreuung der schulpflichtigen Kinder, eine qualifizierte und staatlich subventionierte Kleinkindbetreuung sowie steuerliche Vorteile für Familien wie in Frankreich.

Die geplante “Herdprämie” motiviert meines Erachtens wohl eher Frauen, wieder ihre traditionelle Rolle beizubehalten. Bei kinderreichen Unterschichtfamilien ist zu befürchten, dass diese nicht zur sinnvollen Unterstützung der Kinder, sondern eher zur Befriedigung zweifelhafter Konsumbedürfnisse (Fernseher, Markenkleidung usw.) verwendet wird.

Zu 3: Dass dies junge Frauen – anders als ihre Mütter – wollen, ist sehr zu begrüßen. Es bedarf aber noch vieler gesellschaftlicher Veränderungen (s.o.) , bis dies ohne Selbstüberforderung karrierebewusster Frauen selbstverständlich wird.

Zu 4: Hier stimme ich der Autorin zu. Es ist nur fraglich, wann dies zu einer wirklichen Machtteilhabe von Frauen in allen wichtigen gesellschaftlichen Bereichen führt. Viele traditionell denkende Männer in Spitzenpositionen werden den Frauen sicher nicht freiwillig solche Posten zugestehen.

Zu 5: Auch hier stimme ich Frau Rosenfeld zu. Dieser Sachverhalt verdeutlicht zudem, dass diese große Anzahl von Frauen keineswegs die freie Wahl ihrer Lebensform hat. Dies wird sich auch durch die geplanten Reformen nicht grundlegend ändern.

Zu 6: Die weibliche Selbstüberforderung wird sich erst ändern, wenn der Mann seine Rolle als Erzieher und Partner ernst nimmt.

Zu 7:  Hier stimme ich Frau Rosenfeld zu. Es ist wichtig, dass sich Männer und Frauen dieser Sachverhalte bewusst sind. Eine grundlegende Veränderung ist zwar wünschenswert, wird meines Erachtens aber wohl noch mehr als eine Generation dauern.

Zu 8: Auch dies wird meines Erachtens noch recht lange dauern. Hier könnte aber der Gesetzgeber durch Unterstützung der Betriebe, die Elternzeit von Männern befürworten, und entsprechende Aufklärung (Beispiel Skandinavien) diesen männlichen Rollenwandel fördern.

Fazit:

Ich stimme der Autorin in den meisten Punkten zu. Gerade im letzten Jahr hat sich in der BRD hier Vieles zum Positiven verändert. Ihre Wertschätzung der “Herdprämie” teile ich allerdings nicht. Auch hätte sie noch stärker auf die viel fortschrittlicheren EU-Staaten verweisen und entsprechende gesetzliche Regelungen zugunsten der Familien einfordern können.


13. Sarah Schaschek:

Weltfrauentag – Lasst uns über Männer reden! (2008)

1. Überblicksinformation (FHR)

S. Schaschek befasst sich in ihrem Kommentar „Weltfrauentag – Lasst uns über Männer reden!“ (Märkische Allgemeine vom 7.3. 2008) mit der noch fehlenden Gleichberechtigung in der BRD am internationalen Frauentag. Öffentlichkeit, aber auch beide Geschlechter seien noch viel zu sehr in Rollenklischees gefangen. Die Väter sollten nicht diffamiert werden, aber auch nicht über Männlichkeitskrisen jammern, sondern als Voraussetzung wirklicher Gleichberechtigung mit Unterstützung der Medien ihren notwendigen Rollenwechsel als wirkliche Erzieher und Hausmänner vollziehen.

2.1. Argumentationsansatz

Ihre Hauptthese: Wirkliche Gleichberechtigung kann nur erreicht werden, wenn sich Medien/ Öffentlichkeit sowie beide Geschlechter von Rollenklischees lösen und besonders die Väter bei Haushalt und Erziehung mitdiskutieren und mitarbeiten, stützt sie mit folgenden meist Fakten- und Plausibilitätsargumenten:

1. Medien (z. B. ARD und Spiegel) verstärkten die Tendenz deutscher Mütter, ihre Erziehungsfragen ohne Beteiligung der Väter zu diskutieren, wodurch „die politische Debatte um Gleichberechtigung gnadenlos zurückkatapultiert“ werde. (Z.1-10)

2. Von Frauen werde meist noch erwartet, zugunsten eines Kindes eigene Wünsche zurückstellen, (Z.12-14)

3. Statt über „verpfuschte Frauenemanzipation“ werde im Fernsehen über Betreuungsgeld für Hausmütter und „Rabenmütter“ diskutiert. (Z.15ff.)

4. Die für Gleichberechtigung notwendige „Anpassung der Männer an veränderte soziale Strukturen” sei kein Thema in den Medien. (Z.18-20)

5. Die hohen beruflichen Qualitäten von Müttern verkümmerten meist infolge von Mindestlohnjobs (Z.20f.).

6. Frauen müssten auch die Wahlfreiheit besitzen, sich „gegen die Hausfrauen- und Mutterrolle zu entscheiden“. (Z.22f.)

7. Auch Männer müssten sich von „verkalkten Erwartungen“ befreien und ihre traditionelle „Rolle als Beschützer und Brotverdiener“ ablegen. (Z.22ff.)

8. Sogenannte „Männerrechtler“ beklagten eine „Krise der Männlichkeit“, kämpften für „Väterrechte“ (Vaterschaftstests), gegen Quoten und Abstempelung als Sexualtäter. (Z.25-28)

9. Der Feminismus hätte Frauen stärken, statt Männer verunglimpfen und sie zum Sündenbock machen sollen, da beide Geschlechter für die Fortschreibung wie für die Änderung des patriarchalen Systems verantwortlich seien. (Z.29-32)

10. Männer seien immer noch im Vorteil und stünden nicht wie Frauen vor dem Dilemma: Pampas oder Pumps? (Z.33-35)

11. Männer hätten bisher zu wenig über „Karriereknicks“ und „Rabenväter“ nachdenken müssen. (Z.37f.)

12. Ob Vater, Mutter oder beide sich um ihre Kinder kümmern, sei nicht biologisch festgelegt. (Z.40f.)

13. Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft wiesen Frauen weiterhin die Mutterrolle mit dem „Risiko“ der Elternzeit zu, was für beide Ehepartner meist selbstverständlich sei. (Z.40f.)

2.1. Sprachliche Aspekte

Frau Schaschek benutzt viele rhetorische Figuren und besonders sprachliche Bilder  („Gesprächspartnerinnen ... Auftreiben“, „Klischee bedient“, „gefundenes Fressen“, „gnadenlos zurückkatapultiert“, Z. 5f.; „ARD zockelte brav hinterher“, „kurzerhand“, „Stuhlkreis“, „Herdprämie“, Z.9; „verkalkte Erwartungen“, Z.24), Aufzählungen (Z.9, 13f., 25ff., 41ff.), Alliterationen („Beschützer und Brotverdiener“, Z.23f.; „Pampas oder Pumps“, Z.35; Neologismen („Krippentalk“, Z.1f.; „Frauenklüngel“ ,Z.5; „Kita-Runde“, „Männerrechtler“, Z.25; „Müllfrau“, Z.27; Z.34; „Zeugungsmuffel“, Z.36; „Rabenväter“, Z.38; „Erziehungs-Stuhlkreis“,Z.47, rhetorische Fragen (Z.1, 35-38, 44f.), Ellipsen (Z.1, 9, 13, 18f., 40, 47), Fremdwörter „heroischen“, Z.3; „Defizite“, Z.4; „Status-Quoler“, „zurückkatapultiert“, Z.6; „affirmierte“, „provokativ“, „Mythos”, Z.8; „Stigmatisierung“ ,Z.27; „diffamiert“ ,Z.29; „penetrant“,Z.37; „Ideologie“, Z.41; „patriarchalisches System“, Z.31); Ironie („heroischen Vorhabens“, Z.3; „zockelte brav hinterher“, Z.8; „die Frau wird gebeten, die eigenen Wünsche einzuschränken“, Z.13f.), Abwertungen („Almosen” für Herdprämie, Z.16; „verpfuschte Frauenemanzipation“, Z.15), Anaphern („wenn“, Z.29f.; „Noch immer”, Z.42-44); Wirkung: Sie möchte mit griffigen, wohlklingenden, z.T. auch provozierenden Neologismen Aufmerksamkeit wecken und das Augenmerk auf die Männer lenken, um deren Verhaltensänderung es ihr besonders geht sowie die Aussagekraft ihrer Argumente unterstützen. Mit ihrer fachlich-akademischen Sprache und ironischen Ausdrucksweise unterstreicht sie zugleich ihre Fachkompetenz.

3. Kritische Stellungnahme

Zu 1: Diese Kritik ist zwar berechtig, aber übertrieben („gnadenlos zurückkatapultiert“ ,Z.6), denn sind Medien nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Viel wichtiger wären Veränderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen für berufstätige Mütter und väterliche Erzieher, wie sie z.B. in Frankreich und Skandinavien längst Standard sind (Ganztagsbetreuung für Kinder bis zum Abitur, stärkere finanzielle Entlastungen für Familien, keine Diskriminierungen am Arbeitsplatz etc.)

Zu 2: Da dies seit 1977 im Ehe-und Familienrecht (BGB) eindeutig gleichberechtigt geregelt ist, sollten Frauen diesen falschen Erwartungen widersprechen und gleichberechtigte Mithilfe ihrer Partner bei Haushalt und Erziehung einfordern. Dies hätte Frau Schaschek betonen sollen.

Zu 3: Auch diese Medienkritik ist berechtigt. Jedoch müsste sie stärker verdeutlichen, was sie konkret an Veränderungen fordert. Reine Medienschelte hilft nicht weiter. Besser wären konkrete Forderungen an die Politik mit Hinweis auf positive Beispiele in Nachbarländern.

Zu 4: Auch das ist richtig. Dann müsste sie aber fordern, dass z.B. Fernsehräte nicht nach Parteibuch, sondern z.B. zu 50% von Frauen besetzt werden. Notwendig wäre aber auch ein Umdenken gerade von Arbeitgebern bezüglich der Elternzeit von Vätern.

Zu 5: Auch hier stimme ich ihr zu. Gerade wegen der unzureichenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten, der oft fehlenden finanziellen Gleichberechtigung am Arbeitsplatz u. dem veralteten Rollenverhalten des Mannes müssen viele Frauen solche Mindestlohnjobs annehmen.

Zu 6: Das ist richtig, aber besser wäre es meines Erachtens, wenn beide Partner diese Rolle zumindest zeitweise – auch im Interesse der Kinder – übernähmen.

Zu 7: Natürlich sind hier die Männer gefordert. Jedoch müsste schon die Kindererziehung Jungen auf diese veränderte Rolle vorbereiten. Zudem wären auch die oben erwähnten familienfreundlichen Regelungen erforderlich und ein familienfreundlicheres Umdenken bei Arbeitgebern.        

Zu 8: Ihre Kritik ist nur z.T. berechtigt, was die „Männerrechtler“ betrifft. Es ist verständlich, wenn Männer sich in ihrer traditionellen Rolle verunsichert fühlen. Schließlich sind sie so erzogen worden. Auch ist von Feministinnen Männlichkeit lange Zeit verteufelt worden (Nur bei Einbrechern im Haus ist Männlichkeit von Männern plötzlich Pflicht! Sonst war der Softie in.). Die Diffamierung von Männern als potentielle Vergewaltiger hat viele verunsichert. Ferner kann man die Quotenregelung im öffentlichen Dienst als Mann durchaus kritisieren, da gerade da Frauen inzwischen nicht mehr benachteiligt werden, so dass Quotenregelungen hier m. E. nur noch für berufstätige Mütter gelten sollten.

Forderungen nach „Müllfrauen“ sind natürlich frauenfeindlich und unsinnig. Vaterschaftstests sind zwar problematisch, da allgemeine Tests eventuell ergäben, dass jeder 10. nicht der biologische Vater ist, was zu einem starken Anstieg alleinerziehende Mütter führte u. nicht im Interesse unseres Staates liegt. Der Hintergrund solcher Tests ist aber oft, dass Väter bei einer Scheidung ihren Zahlungsverpflichtungen gegenüber ihren Kindern nicht nachkommen wollen und z.T. auch nur schwer können. Bei sehr ungleichen Einkommensverhältnissen werden Männer im Scheidungsfall z.T. finanziell sehr belastet. Für die oft zahlungsunwilligen Männer, die sich durch Nichtzahlung von Kindesunterhalt strafbar machen, fehlt mir jedoch jedes Verständnis. Dies gilt auch für Männer, die sich trotz glücklicher Ehe u. Liebe zu ihren Kindern von ihren Frauen trennen, wenn sie nicht der biologische Vater sind, da Liebe nichts mit Biologie zu tun hat. Besonders Männer, die selbst einmal fremd gegangen sind, spielen sich dann plötzlich als Moralapostel auf.

Zu 10,11,13: In diesen Punkten hat Frau Schaschek Recht. Hier müssten die o.a. umfassenden gesetzlichen und gesellschaftlichen Änderungen erfolgen.

Zu 12: Auch hier hat sie Recht, wobei Frauen sicher – besonders in den ersten Lebensmonaten des Kindes infolge des Stillens – durchaus biologisch im Vorteil sind. Väter erziehen oft anders, aber deshalb nicht schlechter, da Kinder beide Rollenvorbilder für eine natürliche Entwicklung brauchen, natürlich nicht die negative Machorolle oder die des „Neandertalers“. Positive Männlichkeit, Sensibilität, Einfühlungsvermögen, Toleranz und Respekt gegenüber anderen sind durchaus miteinander vereinbar. Es müsste nur Teil der Erziehung von Jungen sein.      

Fazit:

Ich gebe Frau Schaschek in den meisten Punkten Recht. Sie hätte aber die berechtigte Medienkritik noch stärker mit positiven konkreten Forderungen an Staat, Gesellschaft und elterlicher Erziehung bei Jungen verbinden sollen, da meines Erachtens nur so eine Änderung erreichbar ist.


14. Astrid Wirtz:

Mehr Zeit für Kinder – Erziehung ist die Aufgabe beider Elternteile (2002)

1. Überblicksinformation (FHR)

A. Wirtz befasst sich in ihrem Kommentar „Mehr Zeit für Kinder – Erziehung ist die Aufgabe beider Elternteile“ (KSTA vom 20.6. 2002) mit Ursachen und Folgen des starken Geburtenrückgangs und Schaffung besserer Rahmenbedingungen für Familien. Auch die Erziehung als gemeinsame elterliche Aufgabe sollte höher bewertet werden.

2.1. Argumentationsstruktur des Textes

Ihre These: Erziehung als Aufgabe beider Elternteile sollte staatlich und gesellschaftlich mehr gefördert bzw. anerkannt werden, stützt sie mit folgenden meist Fakten-, Plausibilitäts- und moralischen,- aber auch Erfahrungs-, Gefühls-, normativen und analogisierenden Argumenten:

1. Laut Wirtz ist das Mutterdasein hier unattraktiv, da viele Frauen nur noch ein Kind, jede 3. Frau kein Kind wolle (Z.6). FA, PA

2. Zur Rentensicherung (Z.14) müssten Frauen „mehr Kinder kriegen” oder die Zuwanderung müsste „dramatisch steigen“ (Z.11). FA, PA, aA

3. Kinder kriegen werde immer mehr abgewertet, zumal Nicht-Eltern die Glücksgefühle über Kinder nicht verstünden (Z.15f.). EA, PA

4. Dieses Problem löse „Geld allein“ (Z.16) nicht, zumal Geld Teil der männlich geprägten Unabhängigkeitsvorstellungen sei (Z.19f.). FA, MA

5. Für immer mehr Frauen seien Kinder und Beruf „auch finanziell ein Muss“ (Z.23), zumal auch Bürojobs als attraktiver gelten als Hausarbeit. FA, GA

6. Diese „dauerhafte Selbstausbeutung“ (Z.24) beklagten Frauen jedoch nicht wegen des gleichen Maßstabs für alle im Job (Z.25f.). MA, NA

7. Sie stünden unter ständigem Rechtfertigungszwang, wobei es die Hausfrauen hierbei am schwersten hätten (Z.28f.). MA, GA, NA

8. Infolge unzureichender Mithilfe der Männer seien Kinder und Haushalt weitgehend Frauensache (Z.31f.). EA, FA

9. Hilfen wie „Erziehungszeit, Erziehungsgeld, Kindergeld, garantierte Teilzeitarbeit“ (Z.33) seien ein Fortschritt, aber nicht ausreichend. FA, PA

10. Wirkliche Entlastung und mehr Zeitautonomie für Mütter brächten „mehr Ganztagsschulen u. Hortplätze“ (Z.34). FA, PA

11. Jedoch lasse sich Erziehung nicht abtreten. Kinder bräuchten viel Zuwendung und Orientierung (Z.35f.). MA, NA

12. Erziehung sei schwerer und viel wichtiger als früher wegen der großen Mängel der Jugendlichen beim Arbeits- und Sozialverhalten (Z.43-45). EA, aA

13. In der wachsenden Bedeutung der Erziehung als gemeinsamer Elternpflicht liege auch die Chance einer neuen Wertorientierung (Z.46). MA, NA

2. Sprachliche Gestalt des Textes

A. Wirtz verstärkt ihre Argumente u.a. durch Fakten bzw. statistische Angaben (Z.6f.), rhetorische Fragen (Z.1,3), Ellipsen (Z.1, 2, 3, 12, 21-23, 32), Alliterationen (Z.2, 3, 6, 15, 18, 19, 26), Aufzählungen (Z.33, 37) einen Neologismus („Last-Minute-Mütter“, Z.7) griffige, einprägsame, bekannte Redewendungen („auf Biegen und Brechen“, Z.2; „Schöne neue Welt“, Z.4; „diesen Schuh ... anziehen“, Z.46) und zahllose Metaphern („Wellness auf Biegen u. Brechen“, Z.2; „sich Politiker ... mit Ankündigungen ... überschlagen“, Z.4f.; „Anteil der Last-Minute Mütter ... rettet die Bilanz nicht“, Z.7; „panische Erkenntnis“; Z.10; „Kinderkriegen ... schmackhaft“ usw.), Ironie („ ... mit Ankündigungen über Wohltaten für die Familie überschlagen“, Z.5; „kleine Teutonen“, Z.14) Sie benutzt Fachbegriffe bzw. Fremdwörter („Wellness“, Z.2; „Bilanz“, Z.7; „Matriarchaten“, Z.19; „balancieren“, Z.22) und die Wir-Form (Z.46), um Fachkompetenz und Allgemeingültigkeit bezüglich ihrer Ansichten zu demonstrieren. Sie formuliert sehr bestimmt („Muss“, „muss”, Z.11, 23, 38, „Notwendiger denn je“; Z.43) und erweckt den Eindruck, dass es zu ihrer Position keine qualifizierte Alternative gebe. Damit versucht sie sehr geschickt, Schwächen ihrer Argumentation zu verdecken.  

3. Kritische Stellungnahme

Zu 1: Hier stimme ich Frau Wirtz zu. Dies liegt an der wenig kinderfreundlichen Gesellschaft (s.u.), aber auch der unzureichenden Familienpolitik, bes. im Vergleich zu skandinavischen Ländern und Frankreich (2,1 Kinder je Frau), wo Kinder vom 2.Lebensjahr bis zum Abitur ganztags staatlich betreut und Familien viel mehr finanziell entlastet werden, so dass die meisten ganztags arbeiten können.                                  

Zu 2: Sie hat Recht bezüglich der unsicheren Rente. Hohe Zuwanderung ist aber keine gute Lösung, da dann die Integrationsprobleme zunähmen. Es werden aber qualifizierte Facharbeiter gebraucht, die keine Sozialhilfe erhalten und daher Rentenbeiträge zahlen. Diese Mittelschichten haben aber weniger Kinder. Daher bleibt nur eine bessere Familienpolitik mit höherer Geburtenrate wie in Frankreich.

Zu3: Das war 2002 wohl richtig und lag an der bisher unzureichenden Familienpolitik, die sich mit Elterngeld und Kinderkrippenausbau aber verbessert hat. Meines Erachtens ist der Stellenwert Kinder mittlerweile um einiges gestiegen.

Zu 4: Hier widerspreche ich Frau Wirtz, da gute Familienpolitik einfach Geld kostet. Der Bewusstseinswandel fällt dann viel leichter. Im Übrigen ist ohne Geld Unabhängigkeit in unserer Gesellschaft nicht zu erreichen.

Zu 5: Dies ist richtig und gilt besonders für Geringqualifizierte mit Billiglöhnen. Die Abwertung von Hausarbeit könnte z.B. durch Anrechnung als Rentenjahre aufgewertet werden.

Zu 6: Ich glaube schon, dass Frauen diese Selbstausbeutung – wenn auch nicht besonders laut – beklagen, jedoch sollten sie dann ihre Männer zur Mithilfe anhalten, eine familienfreundlichere Firmenkultur und Politik fordern sowie entsprechende Parteien wählen.

Zu 7: Hier hat Frau Wirtz leider Recht. Dieser Rechtfertigungszwang liegt einmal an den unzureichenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten, aber auch an der Angst von deutschen Frauen, eine Rabenmutter zu sein, wenn sie sich nicht dauernd um ihr Kind kümmert. In Frankreich ist staatliche Kinderbetreuung viel verbreiteter und selbstverständlicher, ohne dass es den Kindern schadet.        

Zu 8: Das ist wohl noch so, liegt aber auch an den Frauen, die diese lieber erledigen, als sich mit ihren Männern deswegen zu streiten.

Zu 9: Die von ihr genannten Hilfen sind sicher nicht ausreichend, allerdings sind und werden sie seit 2007 noch erheblich verbessert. Es ist auch ein Bewusstseinswandel erforderlich, damit Eltern, die Teilzeit arbeiten oder Elternzeit nehmen, nicht diskriminiert werden u.nd keinen Karriereknick erleiden.

Zu 10: Hier hat Frau Wirtz völlig Recht. Zumindest im Bereich der Kleinkindbetreuung soll bis 2013 ein flächendeckender Ausbau mit Rechtsanspruch erfolgen, wobei dies infolge ungesicherter Finanzierung und einem Bedarf von jetzt 2/3 statt der bisher geschätzten 1/3 noch keineswegs sicher ist. Die schulische Ganztagsbetreuung ist leider im Vergleich zu vielen anderen Ländern noch sehr unterentwickelt, so dass die meisten Mütter in Deutschland noch weiterhin Teilzeit arbeiten werden.

Zu 11: Natürlich muss Erziehung Aufgabe der Eltern bleiben. In anderen Ländern ist die staatliche Kinderbetreuung jedoch oft viel professioneller als bei uns, ohne dass Kinder Desorientierung und Verwahrlosung zeigen wie hier in so manchen Familien, in denen die Eltern mit dieser Aufgabe z.T. überfordert sind. Nicht umsonst sind die angebotenen Elternkurse z.B. an Schulen sehr beliebt. Viele Eltern scheinen bei uns nicht mehr zu wissen, wie man Kinder zu mündigen BürgerInnen erzieht. Daher wären Ganztagsschulen und kompetente staatliche Kinderbetreuung in Deutschland umso notwendiger.

Zu 12: Erziehung mag zwar schwieriger als früher sein, wobei früher z.T. sehr autoritär und aus heutiger Sicht pädagogisch falsch erzogen wurde. Die offenkundigen Mängel im Arbeits- und Sozialverhalten bei Jugendlichen sowie die Zunahme jugendlicher Gewaltkriminalität sind jedoch klare Anzeichen dafür, dass Eltern ihre Vorbildfunktion oft unzureichend wahrnehmen und sich scheuen, Kindern Grenzen zu setzen, da sie selbst in ihrer Freizeit nur konsumieren und sich amüsieren, statt sich z.B. sozial zu engagieren und Werte vorzuleben.

Zu 13: Hier hat Frau Wirtz völlig Recht. Allerdings muss der Staat geeignete zeitliche und finanzielle Rahmenbedingungen schaffen, damit Familien mit Kindern sich ernst genommen und wertgeschätzt fühlen wie z.B. in Frankreich. Elternzeit muss ein selbstverständliches Recht beider Elternteile auch im Bewusstsein der Arbeitgeber werden (wie in Skandinavien). Auch die Rechte von Jugendlichen sollten gestärkt werden, z.B. durch Abwahl ihrer Eltern ab 14 Jahren wie in Dänemark. Es muss klare Sanktionen für elterliches Versagen geben, z.B. Entzug des Sorgerechts bei krassem Fehlverhalten und Strafandrohungen.          


15. Astrid Wirtz:

Wer bezahlt die Rechnung? (2007)

1. Überblicksinformation (FHR)

Wirtz geht es in ihrem Kommentar „Wer bezahlt die Rechnung?” (KSTA vom 17.12. 2007) um die Überwindung der alten geschlechtsspezifischen Rollenklischees. Der Mann werde zwangsläufig viel mehr als bisher zur Kindererziehung beitragen, und von der Frau werde bei Rente und Scheidung eine eigene Absicherung erwartet. Berufstätige Mütter bräuchten daher dringend Elternzeit und umfassende Kinderbetreuung.  

2.1. Argumentationsansatz

Ihre These: Die Erwerbsbiografien (und Geschlechterrollen) von Männern und Frauen werden sich weiter annähern (Z.8) stützt sie mit folgenden meist Fakten- und Plausibilitätsargumenten:

1. „Gut ausgebildete Frauen“ in den USA verdienten oft bis zu 20% mehr als ihre männlichen Kollegen (Z.1-4). FA

2. Überraschend viele Männer bei uns nähmen Elternzeit. Somit sei Gleichberechtigung viel weiter fortgeschritten als angenommen (Z.4-6). PA

3. „Die Erwerbsbiografien von Männern und Frauen“ glichen sich an und die „Wahlfreiheit der Frauen zwischen Beruf und Familie“ schwinde, was den künftigen Familien-Einsatz der Väter erfordere (Z.7-10). PA

4. Mädchen seien oft besser ausgebildet und beim Berufseinstieg meist gleichberechtigt. Als Mütter hätten sie jedoch einen Karriereknick und um 20% geringere Einkünfte als kinderlose Frauen (Z.11-15). FA

5. Diese Unterbewertung des Potenzials von Müttern sei wirtschaftlich falsch und gesellschaftspolitisch „eine Katastrophe“ (Z.15-18). PA, AA

6. Statt des alten Konflikts zw. berufstätigen Müttern und Hausfrauen gebe es „eine neue Front“ zw. Frauen mit u. ohne Kinder. Diese existiere bald auch bei Männern (Z.18-20). A A, PA

7. Männer trügen zwangsläufig viel mehr zur Kindererziehung bei. Von der Frau werde bei Rente und Scheidung verstärkt eine eigene Absicherung der Frau erwartet (Z.21-26). PA

8. Die Sozialsysteme benachteiligten die Frauen, da sie deren Vollerwerbstätigkeit voraussetzten, wofür die Bedingungen jedoch „gerade erst geschaffen“ würden (Z.27-29). FA, PA

10. Daher sei die Familienpolitik der Ministerin von der Leyen alternativlos, denn berufstätige Mütter bräuchten Elternzeit und umfassende Kinderbetreuung, um finanziell unabhängig zu sein (Z.29-32). FA, PA

2.2. Sprachliche Aspekte

Astrid Wirtz verstärkt ihre Argumente u.a. durch Fakten bzw. statistische Angaben (Z.5, 15, 25), rhetorische Fragen (Z.4f.), Verwendung der Wir-Form (Z.11), Alliterationen (Z.23, 27), einen Neologismen („Geschlechterrollendurcheinander“, Z.1, „Gehaltsleiter“, Z.14), Ellipsen (Z.11, 19f.), eine Personifikation („Die ‘New York Times’ warnte“, Z.1) und viele griffige, einprägsame sprachliche Bilder („Gefahr zu laufen“, Z.7; „viel beschworene Wahlfreiheit“, Z. 8f.; „Berufseinstieg“, „Ausgebremst“, Z.12; „Babypause“, Z.13; „Gehaltsleiter“, Z.14; „Konfliktlinie“, Z. 18; „neue Front ...“, Z.19; „Rücken freihalten“, Z.21 etc.). Sie formuliert sehr bestimmt („Muss“ und „müssen“, Z.13,21; „Katastrophe“, Z.18) und erweckt den Eindruck, dass es zu ihrer Position keine qualifizierte Alternative gebe.

3. Kritische Stellungnahme

Zu 1: Dies mag in der USA so sein, ist aber leider in der BRD umgekehrt, was gegen die These von Frau Wirtz von der zunehmenden und fortgeschrittenen Angleichung der Geschlechterrollen spricht.

Zu 2: Der Anstieg von Männern, die Elternzeit nehmen, ist sicherlich erfreulich. Dennoch ist Erziehung immer noch weitgehend ‚Frauensache’. Nur 12% der Männer nehmen z. B. Elternzeit und meist nur die restlichen 2 von 14 Monaten. In anderen EU-Ländern (besonders in Skandinavien) ist Erziehung viel selbstverständlicher auch ‚Männersache’.

Zu 3: Hoffentlich hat die Autorin mit dieser (eher lang- als mittelfristigen) Prognose recht. Zurzeit trifft dies jedoch noch nicht zu. Immer noch haben gerade berufstätige Mütter meist einen Halbtagsjob. Natürlich ist der Familieneinsatz der Männer gefordert. Meines Erachtens wird es aber noch sehr lange dauern, bis dies in der BRD auch geschieht und in den Medien entsprechend propagiert wird.  

Zu 4: Hier stimme ich Frau Wirtz zu. Allerdings erfahren auch kinderlose Frauen spätestens beim möglichen Aufstieg in Spitzenjobs gerade in der freien Wirtschaft (immer noch eine Männerdomäne) nicht selten einen ‘Karriere-’ bzw. ‘Gehaltsknick’ gegenüber Männern. Es gibt bei uns – anders als z.B. in Norwegen – eben in diesem Bereich keine Frauenquote.

Zu 5: Hier stimme ich Frau Wirtz uneingeschränkt zu. In anderen EU-Ländern tragen Frauen viel mehr als in der BRD zum BIP bei. Hierdurch steigt auch zwangsläufig ihre gesellschaftliche (nicht unbedingt jedoch ihre politische!) Bedeutung.

Zu 6: Es ist fraglich, ob sich schon eine regelrechte „Front“ zwischen diesen Gruppen aufbaut. Richtig ist natürlich, dass die kinderlosen Ehepaare (Dinks) schon seit längerem für viele nachahmenswert, gesellschaftlich anerkannt sind und steuerlich bevorzugt werden. Das Beispiel Frankreich zeigt eindrucksvoll, dass eine starke steuerliche Bevorzugung von Familien mit Kindern (Besteuerung nach Familiengröße, ab 3. Kind fast steuerfrei) eine Änderung der Einstellung zu Kindern bewirken kann.

Zu 7: Natürlich wird die Partnerwahl für Männer mit dem alten Rollenverhalten schwieriger und bei Beendigung der Ehe auch risikoreicher. Jedoch finden auch emanzipierte, selbstbewusste Frauen heute nur schwer ihren Traumpartner. Deshalb gehen Frauen oft faule Kompromisse bei der Heirat ein und akzeptieren notgedrungen einen Partner, der sie nicht in dem gewünschten Maße bei Haushalt und Kindererziehung unterstützt. Immer noch tragen Frauen bei einer Scheidung die Hauptlast der Kindererziehung.

Zu 8: Die Sozialsysteme benachteiligten nicht nur die Frauen, sondern generell Familien, zumal Kindererziehung und Hausarbeit nicht wie bei der Erwerbsarbeit zu Rentenansprüchen führt. Elternzeit und -geld sowie der geplante Ausbau der Kinderbetreuung schaffen zwar wichtige Verbesserungen. Gerade Ganztagsbetreuung bleibt in der BRD unzureichend und weit hinter Frankreich zurück.

Zu 9: Natürlich sind die Fortschritte der Familienministerin zu begrüßen, aber nicht „alternativlos“. In anderen EU-Ländern (Frankreich, Benelux-Staaten, Skandinavien) zeigt, dass viel weitergehende Reformen in diesem Bereich auch größere Erfolge erzielen können.

Fazit:

Frau Wirtz spricht sich völlig zu Recht für eine Überwindung der überholten geschlechtsspezifischen Rollenklischees aus. Allerdings verkennt sie, wie hartnäckig sie sich gerade in der BRD noch halten. Sie blendet zudem völlig aus, dass wir als führende Industrienation der EU in Punkto Frauenrechten und staatlicher Kinderbetreuung eher Schlusslicht sind.

Nur eine umfassende wirtschaftspolitische und gesellschaftliche Reform in diesen Bereichen, die auch von CDU/CSU und katholischer Kirche mitgetragen wird, kann zu ähnlichen Ergebnissen wie in unseren westlichen und nördlichen Nachbarländern führen. Dies wird aber wohl viel länger dauern und weitreichendere Reformen erfordern, als Frau Wirtz meint.

Die wirkliche Angleichung der Erwerbsbiografien und Überwindung der Rollenklischees ist noch nirgends erreicht worden. Dies kann auch nicht vom Staat, sondern muss von Frauen selbst durchgesetzt werden, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Politik. (Frauen sollten Frauen wählen!). Sie sollten (wie Männer) Netzwerke schaffen, um qualifizierte Frauen in Spitzenpositionen zu befördern.

Literatur & Interpretation